Rede von Hannelore Kraft: Eröffnung der Fotoausstellung Johannes Rau. „Das Leben menschlicher machen“.

Von links: Anke Fuchs, Christina Rau, Hannelore Kraft und Sylvia Löhrmann
Von links: Anke Fuchs, Christina Rau, Hannelore Kraft und Sylvia Löhrmann
Christina Rau im Gespräch
Rede von Hannelore Kraft

Eröffnung der Fotoausstellung Johannes Rau „Das Leben menschlicher machen“

Rede der Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion
Hannelore Kraft

Donnerstag, 14. Januar 2010

Es gilt das gesprochene Wort

Liebe Christina Rau,
liebe Anke Fuchs,
lieber Klaus Wettig,
sehr geehrte Gäste,
liebe Genossinnen und Genossen,

die SPD-Landtagsfraktion begrüßt Euch, begrüßt Sie ganz herzlich hier im Landtag Nordrhein-Westfalen. Unser besonderer Dank gilt der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Freundeskreis Willi-Brandt-Haus, die diese Ausstellung heute hier möglich gemacht haben.

Wir freuen uns sehr, dass so viele Menschen heute – trotz der Unbilden des Wetters in diesen Tagen – hierher gekommen sind, um sich die Ausstellung mit Fotos von Johannes Rau anzusehen. Enge Freunde von ihm sind heute hier, politische Weggefährten, viele frühere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie sind in großer Zahl gekommen, wie immer, wenn wir an Johannes Rau und an sein Wirken für unser Land erinnern. Das allein sagt viel über seine Person. Die Menschen vor allem hier bei uns in Nordrhein-Westfalen spüren heute unverändert Zuneigung zu ihm und die Verbundenheit mit ihm – genau so wie zu seiner Zeit als Ministerpräsident unseres Landes und dann als Bundespräsident. Das ist der schönste Beweis seiner ganz besonderen Fähigkeit: die Menschen für sich einzunehmen, sie für sich zu gewinnen und sie von seiner Sache zu überzeugen.

Beim Rundgang durch die Ausstellung, beim Betrachten der Fotos werden bei vielen von uns ganz persönliche Erinnerungen wach werden: Erinnerungen an Begegnungen mit Johannes Rau, an Erlebnisse mit ihm, an besonders beeindruckende Reden. Erinnerungen an seine Politik, mit der er Nordrhein-Westfalen geprägt hat wie kein anderer. Erinnerungen an die soziale und menschliche Wärme, mit der er dieses Land regiert hat. Das ist das Ziel dieser Ausstellung: Diese Erinnerungen wach zu halten – und damit uns allen einen Ansporn zu geben, diesen – seinen – Weg weiter zu gehen.

Die Fotos in der Ausstellung zeigen uns den Politiker und den Privatmann Johannes Rau. Es sind Dokumente seines bewegten Lebens, eines erfolgreichen und erfüllten Lebens. So viele Bilder, so viele Stationen sind zu sehen, dass kaum zu glauben ist, dass all dies in ein Leben hineingepasst hat.

Dieses anstrengende und schließlich auch an seiner Gesundheit zehrende Leben konnte er meistern, indem er sich von seinen Idealen und Überzeugungen hat leiten lassen. Johannes Rau hat sein Leben als Christ und Sozialdemokrat gelebt, und aus diesen Quellen hat er seine Kraft bezogen.

Meine Damen und Herren,
liebe Genossinnen und Genossen,

das Motto dieser Ausstellung ist einer Rede entnommen, die Johannes Rau am 16. Dezember 1985 in Ahlen gehalten hat. Er hat damals gesagt:

"Ich wünsche mir Sozialdemokraten, die zu Risiken für die Nächsten bereit sind und dabei nicht an Macht und Vorteil denken. Für mich ist die Welt nicht aufgeteilt in Rote, Schwarze, Grüne, Farblose. Unsere Welt besteht aus Menschen, aus Gesunden und Kranken, aus Glücklichen und Unglücklichen, aus Jungen und Alten, aus Einsamen und Geselligen, aus Frauen und Männern. … Vertrauen und Unterstützung erhalten wir … nur, wenn wir den Menschen durch unser Tun beweisen, dass sie uns glauben können, dass unser Wirken für ihr alltägliches Leben wichtig ist. Es bleibt dabei: Das Ideal meiner Politik ist es, das Leben der Menschen im Laufe der Jahre ein Stückchen menschlicher zu machen."

Wir sagen heute, dass die SPD eine "Kümmererpartei" sein muss. Sie muss für die Menschen da sein und sie muss nahe bei ihnen sein. Genau das hat Johannes Rau uns mit seinen Worten schon damals aufgetragen. Wir sind und wir bleiben diesem Ziel verpflichtet.

Wuppertal und Nordrhein-Westfalen, Bonn und Berlin, das waren die prägenden Stationen seines Lebens. So wie sie ihn geprägt haben, hat auch er sie geprägt. Das gilt in besonderem Maße für unser Land: Hochschulgründungen, Strukturwandel, ‚Wir in NRW‘ – diese Stichworte fallen schnell, wenn von seinem Wirken gesprochen wird. Wer genauer hinsieht, der erkennt: Seine Wirkung ging noch viel tiefer. Es war nicht zuletzt sein Umgang mit den Menschen, seine Art und Weise Politik zu machen, die NRW lange Zeit geprägt haben.

Er hat darauf gesetzt, die Menschen zusammenzuführen. Das war sein Thema – auch in seiner Rede im Dezember 1985. Er warb dort für das Zusammenführen unterschiedlicher gesellschaftlicher Kräfte, für Solidarität in der Gesellschaft. Für ihn war es selbstverständlich, auch mit Menschen zusammenzuarbeiten, die – so drückte er es aus – aus anderen Wurzeln leben, um so die großen politischen Probleme lösen zu können. Nach diesem Grundsatz hat er unser Land regiert: Er hat versöhnt, statt zu spalten. Das ist bei den Menschen in Erinnerung geblieben – und das weckt die Gefühle und Empfindungen, die wir spüren, wenn wir die Bilder dieser Ausstellung betrachten. Er hat die Menschen gemocht – und darum mögen wir ihn bis heute.

Seine Wurzeln lagen in Wuppertal. Dort hat er einen Großteil seines Lebens gewohnt, von dort aus hat er seinen politischen Weg gemacht. Der führte ihn auch in die Kommunalpolitik, in das Amt des Oberbürgermeisters von Wuppertal. Das hat ihn geprägt: Den Städten und Gemeinden war er Zeit seines Lebens verbunden. Sein Motto als Landespolitiker lautete: Stadt und Land – Hand in Hand. Auch als Bundespräsident hat er die Interessen der Kommunen hoch gehalten. Im Jahr 2003 hat er auf der Hauptversammlung des Deutschen Städtetages gesprochen. Er sagte dort unter anderem:

"Ob Entscheidungen des Bunds und der Länder etwas taugen, das zeigen oft erst die Auswirkungen in den Städten und Gemeinden.
In den Kommunen finden die Bürger unersetzliche Möglichkeiten zur demokratischen Teilhabe und Selbstbestimmung.
Die Kommunen zählen zum Fundament unseres demokratischen und sozialen Bundesstaates.
Dieses Fundament müssen wir stärken, … last not least dadurch, … dass der finanzielle Spielraum der Kommunen dauerhaft gesichert wird."

Johannes Rau wusste, welche Bedeutung lebensfähige und liebenswerte Städte für die Bürgerinnen und Bürger haben. Darum fuhr er fort:

"Wer über die Lage der Städte spricht, der spricht über die Lage unseres Landes. Am Zustand der Städte lässt sich ablesen, wie es dem ganzen Land geht …"

Für ihn waren das keine Textbausteine für Sonntagsreden. Als Ministerpräsident hat er sich selbst und die Landespolitik daran gemessen, dass alle Kommunen ihre Aufgaben erfüllen konnten.

Meine Damen und Herren.
liebe Genossinnen und Genossen,

Johannes Rau wurde angetrieben von der Überzeugung, dass Politik und Politiker für Gerechtigkeit und Solidarität in der Gesellschaft Sorge tragen müssen. Niemand sollte zurückgelassen, niemand sollte ins Abseits gedrängt werden. Das galt für die Mitglieder der kommunalen Familie. Das galt umso mehr für die Kinder in unserem Land. Ihre Chancen, ihre Zukunft waren ihm unendlich wichtig. Ihm ging es um Chancengleichheit. Denn es war seine feste Überzeugung, dass Bildung die wichtigste Voraussetzung ist, damit die Menschen ihren Platz in der Gesellschaft finden können, damit sie selbstbestimmt und frei leben können.

Durchlässigkeit im Bildungssystem und damit mehr Chancen für unsere Kinder waren für ihn zentrale Anliegen. Er war nach PISA der Überzeugung, dass wir – um die Durchlässigkeit weiter zu gewährleisten – die Kraft zu durchgreifenden Reformen finden müssten. Im Jahr 2003 hat er geschrieben:

In deutschen Schulen wird das Bildungskapital, das junge Menschen von zu Hause mitbringen, viel zu häufig nur verwaltet. In anderen Ländern dagegen habe junge Menschen die Möglichkeit, ihre Talente zu entfalten und verborgene oder zu Hause nicht geförderte Begabungen zu entdecken. Das muss auch in Deutschland möglich werden; die Schulen müssen zu einem Teil das ausgleichen, was junge Menschen von zu Hause nicht mitbringen.
Wir müssen uns um jeden Einzelnen kümmern, weil Bildung eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass das eigene Leben gelingt …
Wir brauchen die bessere Förderung jedes Einzelnen, weil fehlende Chancengleichheit den gesellschaftlichen Zusammenhalt und auf Dauer den sozialen Frieden gefährdet. … Wir dürfen niemanden abschreiben, wir dürfen niemanden fallen lassen. Wir müssen jeden jungen Menschen so fordern und fördern, dass wir ihm gerecht werden."

Er zitiert in seinem Aufsatz zur Begründung ein Positionspapier des baden-württembergischen Handwerkstages aus dem Sommer 2003. Dort heißt es, Beispiele aus anderen Ländern zeigten, welche hohe Lernmotivation Kinder haben, wenn sie in Gruppen lernen, in denen es verschiedene Talente und Begabungen gibt. Gruppen, in denen die einen die anderen unterstützen und umgekehrt. In Deutschland seien die Lerngruppen so homogen wie in keinem anderen Land, trotzdem brächten sie weder Topleistungen noch ein Gesamtergebnis auf hohem Niveau hervor. Im Gegenteil: Das selektive Schulsystem entlasse die Schulen aus der Verantwortung, sich um schwierige und abweichende Schüler zu kümmern.

Das Fazit von Johannes Rau aus diesen Erkenntnissen lautet:

"Wenn diese Einsicht Allgemeingut würde, dann könnten wir einen großen Teil von dem Ballast abwerfen, den wir uns in den bildungspolitischen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrzehnte gegenseitig aufgebürdet haben."

Die bildungspolitische Debatte ist seit 2003 ein ganzes Stück weiter voran geschritten. Aber mit seinen damaligen Anstößen hat Johannes Rau entscheidend mit dazu beigetragen, dass heute die Forderung nach längerem gemeinsamen Lernen in weiten Teilen unserer Gesellschaft Unterstützung findet.

Meine Damen und Herren,
liebe Genossinnen und Genossen,

eine besondere Stärke von Johannes Rau war seine Art, mit den Menschen umzugehen. Sie konnten bei ihm immer sicher sein, dass er ihnen zuhörte, sie und ihre Anliegen ernst nahm. Wenn ich mir heute Fotografien anschaue, die ihn in Gesprächssituationen zeigen, dann wird die Zugewandtheit zu den Menschen dort schon bildlich deutlich.

Er selbst hat aus dieser Nähe zu den Menschen, aus seiner Gabe, zuhören zu können, die Kraft und auch die Inspiration für seine Arbeit gezogen. Es seien die Menschen gewesen, und nicht die Bücher, die seinem Leben Richtung gegeben haben, hat er gesagt.
Diese Art des Umgangs mit Menschen – auch mit wildfremden – hat viele beeindruckt. Sie hat es ihm auch erleichtert, mit Weggefährten und Mitarbeitern ein enges und vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen. Sie hat ihm auch geholfen, über die persönlichen Auswirkungen der innerparteilichen Konkurrenzsituationen hinweg zu finden, in denen er sich zunächst als Landesvorsitzender und dann als Ministerpräsident durchsetzen konnte.

Meine Damen und Herren,
liebe Genossinnen und Genossen,

in dieser Woche wurden wir mit der Nachricht vom Tod von Dieter Posser, dem langjährigen Weggefährten von Johannes Rau, konfrontiert. Morgen wird er beigesetzt. Sein Werk und sein Leben werden wir an anderer Stelle würdigen. Wir können und wollen uns aber heute nicht über Johannes Rau sprechen, ohne uns an Dieter Posser und seine großen Verdienste um Nordrhein-Westfalen zu erinnern. Wir werden ihn im Gedächtnis behalten als überzeugten Verteidiger des Rechtsstaates, als loyalen Mitstreiter von Heinz Kühn und Johannes Rau und als engagierten Genossen, der die SPD in Land und Bund geprägt hat.

Dieter Posser hat sich gemeinsam mit Johannes Rau um das Amt des Ministerpräsidenten beworben. Die Zeitzeugen sprechen von einem Wahlkampf unter Gentlemen. Beide haben diese Konkurrenz nicht als persönlichen Streit ausgestaltet. Und beide haben entscheidend dazu beigetragen, dass sie anschließend mit großem Erfolg in der Regierung zusammen gearbeitet haben.

Meine Damen und Herren,
liebe Genossinnen und Genossen,

in den Zeitungen ist gelegentlich davon die Rede, dass heutige Politiker sich um die "Johannes-Rau-Wähler" bemühen wollen. Ich halte das für vermessen. Johannes-Rau-Wähler haben Johannes Rau gewählt. Sie haben das mit Überzeugung und zum Wohl unseres Landes getan. Heute muss jede und jeder von uns ihre bzw. seine eigenen Wählerinnen und Wähler finden.

Wir können allerdings von Johannes Rau lernen, wie man viele Menschen an sich bindet, vielen ein politisches Angebot macht. Wir können noch mehr von ihm lernen: Glaubwürdigkeit, Konsequenz, Dialogfähigkeit, Kompromissbereitschaft. Und schließlich: Toleranz, Mitmenschlichkeit, Liebe zu den Menschen.

Für ihn gehörte zur Demokratie der faire Wettstreit, bei dem die Grenzen der Toleranz und der Fairness nicht überschritten werden. Auch dafür haben ihn die Menschen gemocht – und gewählt. Auch das können wir von ihm lernen.

Meine Damen und Herren,
liebe Genossinnen und Genossen,

in meiner Rede anlässlich der Feierstunde zu Ehren von Johannes Rau im August 2008 habe ich gesagt: "Ich bin stolz, der Partei anzugehören, die für Johannes Rau fast 50 Jahre politische Heimat gewesen ist und die er entscheidend geprägt hat. Sein Bild einer solidarischen Gesellschaft ist unser, ist auch mein Bild. … Bei Johannes Rau haben Reden und Handeln übereingestimmt. Dies sollte für uns alle Ansporn und Verpflichtung zugleich sein." Das gilt heute genau so wie damals.

Heute stehen wir vor einer Landtagswahl, bei der es auch darum geht, welches Gewicht, welche Gestaltungsmöglichkeiten die SPD in Nordrhein-Westfalen für die Zukunft haben wird. Johannes Rau war kein Machtpolitiker. Aber er hat sich sehr wohl immer wieder darum bemüht, durch Wahlen und auf Zeit politische Gestaltungsmacht zu gewinnen. Ich bin sicher, dass es heute sein Wunsch wäre, dass die SPD in seinem Land Nordrhein-Westfalen wieder eine entscheidende Rolle spielt – damit wir seinen Weg fortsetzen können: Politik für die Menschen und zum Wohl unseres Landes zu machen. Ich empfinde dies ebenfalls als Ansporn, als Verpflichtung.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen einen interessanten Rundgang durch die Ausstellung und gute Gespräche.

Glückauf