Hannelore Kraft im Interview mit der Bild-Zeitung

Hannelore Kraft
Hannelore Kraft, Vorsitzende der NRWSPD

Im Interview mit der Bild-Zeitung spricht die Vorsitzende der NRWSPD Hannelore Kraft über die Wahlchancen der SPD, einen kneifenden Ministerpräsidenten und das große Ziel Vollbeschäftigung.

BILD: Frau Kraft, vor Ihnen liegt ein Marathon mit drei Wahlkämpfen. Wie haben Sie sich vorbereitet?
Hannelore Kraft: Durch meinen Urlaub im Sauerland habe ich einen guten Fitness-Grad, laufe fast jeden Tag vier bis fünf Kilometer. Außerdem ist Wahlkampf für mich keine Belastung. Ich mache es gerne, weil ich mich bei vielen Gesprächen mit Bürgern erden kann.

BILD: Die Ausgangslage ist ungünstig, die Umfragewerte schlecht. Wie wollen Sie das Ruder rumreißen?
Hannelore Kraft: Unsere Stärke sind die Inhalte und im Laufe dieses Wahlkampfes werden die in den Vordergrund rücken, nicht die Umfrageergebnisse.

BILD: Warum konnten Sie das bisher nicht vermitteln?
Hannelore Kraft: Weil die CDU ausweicht. Die Kanzlerin stellt sich keiner inhaltlichen Diskussion, genauso wenig wie hierzulande Jürgen Rüttgers.

BILD: Der Ministerpräsident kneift?
Hannelore Kraft: Ja. Aber das wird auf Dauer nicht gutgehen. Die Menschen wollen wissen, wer wofür steht. An diesem Punkt kommt er nicht vorbei. Dann schlägt unsere Stunde.

BILD: Wo haben Sie denn die besseren Konzepte?
Hannelore Kraft: Bildung, Familie, sozialer Zusammenhalt der Gesellschaft. Vieles von dem, was wir in NRW entwickelt haben – etwa gebührenfreies Lernen vom Kindergarten bis zur Uni – findet sich jetzt im SPD-Bundesprogramm wieder.

BILD: Was sind die Wahlkampf-Schwerpunkte?
Hannelore Kraft: Gerechtigkeit, Chancen für Familien – und besonders Bildung. Wir brauchen die Gemeinschaftsschule, nicht das krampfartige Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem. Auch Studiengebühren sind nicht gerecht.

BILD: Auch am Turbo-Abi gibt es viel Kritik.
Hannelore Kraft: Schneller Abitur zu machen, ist grundsätzlich vernünftig. Aber nur wenn man das G-8-Abitur zeitgleich mit der Ganztagsschule einführt – wie in Rheinland-Pfalz. Das muss auch für NRW der Weg sein. So wie jetzt kann es nicht bleiben. Außerdem muss es weiterhin Möglichkeiten für das Abitur nach 13 Jahren geben.

BILD: Halten Sie Vollbeschäftigung für möglich? Herr Rüttgers ja offenbar nicht.
Hannelore Kraft: Es ist unverantwortlich, wenn der Ministerpräsident sich hinstellt und sagt, ich akzeptiere 800 000 Arbeitslose in NRW. Für uns ist Vollbeschäftigung ein Ziel, das auch erreichbar ist.

BILD: Wo wollen Sie neue Jobs schaffen?
Hannelore Kraft: Vor allem in der Gesundheitswirtschaft und bei erneuerbaren Energien ist viel mehr drin als die Landesregierung zustande gebracht hat. Nur ein Beispiel: Wir brauchen ein Programm ,Eine Million Solar Dächer für NRW‘.

BILD: Was nutzt das, wenn etwa bei Opel vielleicht tausende Jobs wegfallen?
Hannelore Kraft: Natürlich werden weiter Arbeitsplätze verloren gehen. Wichtig ist, dass man neue schafft. Zudem wollen wir die Opel-Jobs ja erhalten, sind daher für Staatshilfe. Ich finanziere lieber Arbeit als Arbeitslosigkeit. Jeder Industrie-Job, der hier wegfällt, kommt nach der Krise nicht wieder.

BILD: Und die Kommunalwahl? Wie ist ihr Gefühl?
Hannelore Kraft: Die Stimmung an den Ständen ist gut. Die Menschen wissen, kommunale Inhalte von Bundespolitik zu trennen.

BILD: Was ist Ihr Ziel?
Hannelore Kraft: Wir wollen die Städte halten, die wir haben – und einige zurückgewinnen.

BILD: Und für die Bundestagswahl – in Prozent?
Hannelore Kraft: An solchen Spielchen beteilige ich mich nicht. Ich gucke auf die Realität am Wahlabend.

BILD: Bei der Europawahl waren das nur 27 Prozent.
Hannelore Kraft: Bei einer sehr geringen Wahlbeteiligung. Unser Potenzial ist höher. Das Ding ist noch lange nicht gelaufen. Klar müssen wir kämpfen, aber das können wir.