Feierstunde zu Ehren von Johannes Rau: Politik mit Herz und Verstand

Kurt Beck, Hannelore Kraft, Avi Primor und Christina Rau (von links) würdigten mit weiteren 300 Gästen das Lebenswerk
Kurt Beck, Hannelore Kraft, Avi Primor und Christina Rau (von links) würdigten mit weiteren 300 Gästen das Lebenswerk von Johannes Rau
Hannelore Kraft
Hannelore Kraft, Vorsitzende der NRWSPD und der SPD-Landtagsfraktion
Gedenkfeier zu Ehren von Johannes Rau

Erinnerungen an einen großen SPD-Politiker: In seiner Heimatstadt Wuppertal erinnerte die NRWSPD am 23. August an den Menschen, den Politiker und den Sozialdemokraten Johannes Rau. Der ehemalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und spätere Bundespräsident war vor 50 Jahren, am 6. Juli 1958, zum ersten Mal in den Düsseldorfer Landtag gewählt worden. Vor 30 Jahren, am 20. September 1978, wurde Johannes Rau erstmals Ministerpräsident.

Das Lebenswerk des Ausnahmepolitikers würdigten die SPD-Landesvorsitzende Hannelore Kraft, der SPD-Vorsitzende Kurt Beck und Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland und Freund von Johannes Rau. Zu den 300 Gästen gehörten auch die Witwe von Johannes Rau, Christina Rau, und die Kinder Anna und Philip. Gekommen waren auch der Vorsitzende der Krupp-Stiftung Berthold Beitz, der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering sowie die Bundesminister Peer Steinbrück und Wolfgang Tiefensee. Mit „Willkommen bei den Sozialdemokraten“ begrüßte Gastgeberin Hannelore Kraft auch NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers bei der Feierstunde in der historischen Stadthalle Wuppertal.

In ihrer Festrede beschrieb Hannelore Kraft, wie die Ära Johannes Rau in Nordrhein- Westfalen nachwirkt: „Seine politische Weitsicht, seine Fähigkeit zur Integration und seine Warmherzigkeit sind unvergessen. Sie haben unser Land nachhaltig geprägt. Politik mit Herz und Verstand – das war sein Erfolgsgeheimnis.“ Johannes Rau, so Hannelore Kraft weiter, sei auf die Menschen zugegangen. „Sein unglaubliches Gedächtnis für Personen und Begebenheiten hat die Menschen immer wieder erstaunt. Auch bei seinen Reden liebte er den engen Kontakt mit den Zuhörern, wollte in ihre Augen schauen, ihre Reaktionen spüren. Er war ein Menschenfischer.“ Johannes Rau mochte die Menschen, und die Menschen mochten ihn, so die Vorsitzende.

Für Johannes Rau habe der „Schlüssel zu mehr Gerechtigkeit“ im Bildungsbereich gelegen, sagte Hannelore Kraft und verwies auf seine erste Regierungserklärung 1978: „Erziehung und Bildung, Wissenschaft und Forschung bestimmen nicht nur die Zukunft des einzelnen jungen Bürgers, sondern auch die des Landes.“ Johannes Rau habe frühzeitig gesagt: „Mit Studiengebühren errichtet man zusätzliche soziale Hürden“, erklärte die Landesvorsitzende und fügte hinzu: „So viel Aktualität muss erlaubt sein!“

Raus Bild einer solidarischen Gesellschaft sei auch ihr Bild, sagte die SPD-Landesvorsitzende: „Johannes Rau wusste, dass unsere Gesellschaft vom Wandel bestimmt ist. Wandel kann man nicht aufhalten. Aber man kann ihn gestalten. Dort, wo er zu rasant vonstatten geht und den Menschen das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit nimmt, ist Politik gefordert.“

Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck knüpfte in seiner Laudatio daran an: „Johannes Rau war überzeugt und er wusste aus Erfahrung, dass die Bereitschaft der Menschen, Veränderungen mitzumachen und zu akzeptieren, entscheidend davon abhängt, dass sie sich auf ihre soziale Absicherung verlassen können.“

Die Vorstellung, der Staat könne alle gesellschaftlichen Probleme lösen, sei Rau genau so fremd gewesen, wie der Glaube an „die unsichtbare Hand des Marktes, die allen Tüchtigen automatisch zu ihrem Glück verhelfe.“ Die SPD, diesen Standpunkt habe Johannes Rau konsequent vertreten, müsse immer „Schutzmacht der kleinen Leute“ und gleichermaßen treibende Kraft für wirtschaftliche, soziale, technische und ökologische Erneuerung sein. Beck: „Die SPD muss eintreten für einen Fortschritt nach menschlichem Maß.“

Johannes Rau habe immer für eine Gesellschaft geworben, in der man ohne Angst verschieden sein kann – vor allem auch nach dem furchtbaren Brandanschlag vom 29. Mai 1993 auf das Haus einer türkischen Familie in Solingen. Bei dieser fremdenfeindlichen Tat waren fünf Frauen und Mädchen ums Leben gekommen. Der SPD-Vorsitzende zitierte den ehemaligen Bundespräsidenten: „Integration kommt nicht von allein. Man muss etwas dafür tun. Das ist oft anstrengend. Wir dürfen diese neue Anstrengung nicht missverstehen als einen mildtätigen Akt, mit dem wir Ausländern einen Gefallen tun. Wenn wir etwas für bessere Integration tun, dann tun wir das nicht nur aus Mitmenschlichkeit oder christlicher Nächstenliebe, sondern in unserem aufgeklärten Eigeninteresse.“

Als Freund Israels gehörte für Rau das Engagement für das Existenzrecht und für die Sicherheit Israels zu den zentralen Grundsätzen deutscher Politik, sagte Beck. Gleichzeitig habe Johannes Rau das Gespräch auch mit jenen in Israel geführt, die ungeduldig waren, unzufrieden mit ihrer Regierung, die mehr wollten und mehr für möglich hielten: Frieden jetzt! Rau sei auch vehement dafür eingetreten, dass die Palästinenser unter menschenwürdigen Bedingungen leben können und das Recht auf einen eigenen Staat haben.

In einer sehr persönlichen Rede sagte Avi Primor: „Johannes Rau wird und darf nicht in Vergessenheit geraten, weil wir ihn weiterhin als Vorbild brauchen.“ Der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland und persönliche Freund des SPD-Politikers war unter anderem beeindruckt von einem Rau-Satz: „Einen Fremden zu hassen fällt allemal leichter, wenn man ihn nicht kennt.“

Deswegen habe sich Johannes Rau immer für bessere Beziehungen zwischen den Menschen eingesetzt. „Er wusste, dass wir Israelis Fehler haben, Fehler machen und vielleicht auch Schlimmeres als Fehler. Und er meinte, dass er als Freund das Recht und die Pflicht hat, uns darauf aufmerksam zu machen.” Raus Aufritt vor der Knesset, dem israelischen Parlament im Jahr 2000, „ist für uns ein Meilenstein gewesen”.

Lange bevor er Rau kennen gelernt habe, habe er von ihm als „Freund Israels“ gehört. „Aber mich interessierte mehr: Warum eigentlich?“ Johannes Rau habe ihm dann später in einem persönlichen Gespräch erzählt, wie er 1943 als Kind in der Straßenbahn gefahren sei. Ihm gegenüber habe ein Mann mit Judenstern am Revers gesessen. Er habe sich diesen Stern genau angesehen, woraufhin der Mann merklich erschreckt sei – vor ihm, als Kind. Das sei für ihn ein prägendes Erlebnis gewesen.