Rede der Vorsitzenden der NRWSPD, Hannelore Kraft anlässlich der Feierstunde zu Ehren von Johannes Rau am 23. August 2008 in Wuppertal

-Es gilt das gesprochene Wort-

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Genossinnen und Genossen,

ich darf Sie und Euch herzlich zu dieser Feierstunde zu Ehren von Johannes Rau begrüßen.

Die SPD in Nordrhein-Westfalen freut sich über die zahlreichen Gäste, die unserer Einladung gefolgt sind.

Das ist sicher ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie fest Johannes Rau im öffentlichen Bewusstsein Nordrhein-Westfalens und der gesamten Bundesrepublik verankert ist und wie hoch die Wertschätzung für den Menschen Johannes Rau ist, der ein halbes Jahrhundert lang in den unterschiedlichsten Funktionen politisch gewirkt hat – als Oberbürgermeister, Abgeordneter, als Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag von Nordrhein-Westfalen, als Vorsitzender der nordrhein-westfälischen SPD, als Minister, Ministerpräsident und Bundespräsident.

Seien Sie alle herzlich willkommen zu dieser Feierstunde an traditionsreicher Stelle, in der historischen Stadthalle Wuppertal.

Anrede,

Wir wollen heute an den Menschen, den Politiker, den Sozialdemokraten Johannes Rau erinnern. Anlass dieser Veranstaltung sind zwei runde Jubiläen:

Vor gut 50 Jahren, am 06. Juli 1958, wurde Johannes Rau von den Wählerinnen und Wählern des Wahlkreises Wuppertal III in den Landtag von Nordrhein-Westfalen gewählt. Sein Mandat behielt er 41 Jahre bis 1999.

Für die damalige Zeit bemerkenswert ist: Johannes Rau war 1958 gerade einmal 27 Jahre alt und damit der jüngste Abgeordnete im Hohen Haus. Und vielleicht noch bemerkenswerter: Johannes Rau war der SPD erst ein Jahr zuvor beigetreten.

Seine erste Rede im Landtag – am 16. März 1959 – hielt er als Berichterstatter für den Landesjugendplan im Rahmen der Beratungen zum Haushaltsgesetz 1959. Die Lebensbedingungen und das Wohl von Kinder und Jugendlichen – ein Thema dass ihn von Anfang an bewegte und sich wie ein roter Faden durch sein politisches Wirken zog.

Johannes Rau wurde bereits nach wenigen Jahren Vorsitzender der Landtagsfraktion, später auch Oberbürgermeister von Wuppertal und dann Wissenschaftsminister des Landes. Vor fast genau 30 Jahren, am 20. September 1978, wurde Johannes Rau als Nachfolger von Heinz Kühn zum Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen gewählt – ein Amt, das er dann fast 20 Jahre inne hatte. Auch an dieses zweite Jubiläum erinnern wir uns heute.

Sieben Tage nach seiner Ministerpräsidenten-Wahl trat er an das Rednerpult im Landtag, um seinen Plan für das Land Nordrhein-Westfalen vorzustellen. In seiner Rede hat Johannes Rau umschrieben, welche Ziele er mit seiner Politik für das Land verfolgte. Ich zitiere: "Die Bewertung des wirtschaftlichen Wachstums ist auch an qualitativen Maßstäben auszurichten: an der Umweltverträglichkeit, am sparsamen Umgang mit Rohstoffen und Energien, an einer gerechten Verteilung, an humanen Arbeitsbedingungen, am Schutz des Verbrauchers".

Diese Aussage macht deutlich, dass Johannes Rau eine Vision für die Zukunft unseres Landes gehabt hat. Seine Ziele sind heute noch so aktuell wie vor 30 Jahren.

Anrede,

in seiner letzten von insgesamt 701 Reden vor dem Düsseldorfer Landtag hat Johannes Rau im Frühjahr 1999 gesagt: „Ich nehme Abschied, aber ein Stück von mir bleibt zurück.“

Und in der Tat: Die Ära Johannes Rau wirkt in Nordrhein-Westfalen nach. Seine politische Weitsicht, seine Fähigkeit zur Integration und seine Warmherzigkeit sind unvergessen. Sie haben unser Land nachhaltig geprägt. Politik mit Herz und Verstand – das war sein Erfolgsgeheimnis.

"Wir in Nordrhein-Westfalen“: Für dieses Motto der SPD – entwickelt in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts – stand Johannes Rau, ja er verkörperte es geradezu. Nordrhein-Westfalen entwickelte sich unter seiner Führung von einem so genannten „Bindestrichland“ zu einem starken Bundesland mit eigener Identität.

Es war Johannes Rau wichtig, dass in Nordrhein-Westfalen – trotz aller regionalen Unterschiede – ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Gemeinsinns entstand. Johannes Rau organisierte den Zusammenhalt der Gesellschaft. Er achtete penibel und mit großer Sensibilität darauf, dass bei allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen die soziale Gerechtigkeit und auch das Menschliche nicht zu kurz kamen.

Anrede,

über die einzigartige Persönlichkeit von Johannes Rau ist viel gesagt und geschrieben worden. Ich glaube, sie lässt sich kurz und prägnant zusammenfassen: Johannes Rau mochte die Menschen – und die Menschen mochten ihn. Die vielen von uns, die mit Johannes Rau im Land unterwegs waren, konnten erleben, wie er auf die Menschen zuging, viele persönliche Erlebnisse präsent hatte. Dieses unglaubliche Gedächtnis hat die Menschen immer wieder erstaunt. Auch bei seinen Reden liebte er den engen Kontakt mit den Zuhörern, wollte in ihre Augen schauen, ihre Reaktionen spüren. Er war ein Menschenfischer.

Die Begegnung und der direkte Kontakt mit Bürgerinnen und Bürgern waren ihm überaus wichtig, er beantwortete – das bezeugen frühere Mitarbeiter – bis zu 10.000 Briefe pro Jahr, unzählige persönlich und handschriftlich – mit dem Füllfederhalter. Bisweilen griff der Ministerpräsident auch zum Hörer und meldete sich bei einem Briefschreiber persönlich: „Hier spricht Johannes Rau“. Nicht selten dachten die Angerufenen, jemand würde sich gerade auf ihre Kosten einen Scherz erlauben.

Johannes Rau nahm Anteil. Er interessierte sich für die Menschen grundsätzlich und speziell für die Menschen aus Nordrhein-Westfalen – auch später aus dem fernen Berlin.

Aus der Nähe zu den Menschen – gerne auch beim Pils oder beim Skat, aus seiner Gabe, zuhören zu können, zog er die Kraft und auch die Inspiration für seine Arbeit. „Es waren schließlich nicht die Bücher, die meinem Leben Richtung gegeben haben, sondern die Menschen“, hat er einmal gesagt.

Johannes Rau nahm die Menschen und ihre Sorgen ernst. Er hat sie im Gespräch nie mit den Floskeln eines Routiniers abgespeist, schrieb Heribert Prantl einmal in der Süddeutschen Zeitung. Das haben die Menschen gespürt. Deshalb haben sie ihm vertraut. Johannes Rau behielt stets die Bodenhaftung und leistet praktische Hilfe, wo immer es ihm möglich war.

Sein Einfühlungsvermögen, seine Intuition, sein geradezu unglaubliches politisches Gespür sind das Ergebnis seines überaus kommunikativen und konsensorientierten Führungs- und Politikstils. Dieser ist „als basisnahe Stellvertretung der Bürger vor Ort“ bezeichnet worden. Und es stimmt. Johannes Rau war – und das nicht erst als Bundespräsident – der erste Stellvertreter der Bürgerinnen und Bürger.

Anrede,

Johannes Rau war praktizierender Christ. Das hat ihm auch in seinem politischen Leben über schwierige Situationen hinweggeholfen. Aus dem Glauben schöpfte er Kraft, der Glaube verlieh ihm Gelassenheit und Zuversicht. "Ich halte, weil ich gehalten werde." Das hat Johannes Rau als sein Lebensmotto genannt. Er war politisch aktiv im festen Vertrauen darauf, dass Gott an den Menschen festhalten, sie halten wird. Evangelischer Christ zu sein und öffentliche Verantwortung wahrzunehmen – das war für ihn ein und dasselbe.

Dabei hat er die Bibel nicht als Rezept für politisches Handeln verstanden. In einem Interview hat er im April 2003 gesagt: "Die Bibel hat eine gute Nachricht. Darum sind Christen auch zum politischen Handeln aufgerufen. Aber es gibt nicht die biblische Botschaft, wie ich zu handeln habe."

In diesem Sinne war Johannes Rau Christ und er war Sozialdemokrat, der sich den Grundwerten unserer Partei – Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität – zutiefst verpflichtet fühlte. Diese Werte bildeten die Richtschnur seines Handelns. Ihm ging es darum – so formulierte er auf dem SPD-Parteitag in Essen 1984, „das Leben der Menschen jeden Tag ein Stück gerechter und ein Stückchen menschlicher werden zu lassen.“

Anrede,

Was ihn angetrieben hat, treibt auch uns heute noch an:

So wie für uns heute, lag auch für ihn der Schlüssel zu mehr Gerechtigkeit im Bildungsbereich. "Erziehung und Bildung, Wissenschaft und Forschung … bestimmen nicht nur die Zukunft des einzelnen jungen Bürgers, sondern auch die des Landes", sagte er in seiner erste Regierungserklärung 1978. Und weiter: "Das übergreifende Ziel aller bildungspolitischen Maßnahmen in den nächsten Jahren bleibt es, die Zukunftschancen der jetzt heranwachsenden jungen Generation zu sichern und zu verbessern, auch unter den veränderten Bedingungen."

Wir erinnern uns: In Nordrhein-Westfalen gab es 1961 lediglich fünf Hochschulen. Nachdem Johannes Rau 1970 zum Minister für Wissenschaft und Forschung ernannt wurde, machte er sich sogleich ans Werk. Er wollte deutlich mehr jungen Menschen den Zugang zur Hochschule ermöglichen. Er wusste, dass kein Talent verloren gehen darf. In seiner Amtszeit wurden in Nordrhein-Westfalen fünf neue Gesamthochschulen, 15 Fachhochschulen und die Fernuniversität Hagen gegründet. Innerhalb weniger Jahre flossen Milliarden in den Hochschulbau.

Er setzte hier klare Prioritäten. Ihm ging es vor allem um Chancengleichheit. Denn es war seine feste Überzeugung, dass Bildung die wichtigste Voraussetzung ist, um ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit führen zu können. Durchlässigkeit im Bildungssystem und damit mehr Chancen für unsere Kinder waren für ihn zentrale Anliegen. Er stand damit in der großen Tradition der Sozialdemokratie: Seit ihrer Gründung vor beinahe 150 Jahren ist die SPD die Bildungspartei in Deutschland. Als Ferdinand Lasalle 1863 den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gründete, ging es ihm vor allen Dingen um eins: Bildung als Schlüssel zur Emanzipation des Einzelnen – Bescheid wissen, selbst entscheiden können.

Für uns Sozialdemokraten galt und gilt: Die Chance auf Bildung, Teilhabe und Aufstieg darf nicht von der Herkunft und dem Geldbeutel der Eltern abhängen. Und soviel Aktualität sei mir an dieser Stelle erlaubt – Johannes Rau hat es klar gesagt: Mit Studiengebühren errichten wir zusätzliche soziale Hürden!

Anrede,

die Gründung neuer Hochschulen stellte Johannes Rau auch deshalb in den Mittelpunkt seiner Politik, weil er wusste, dass dies eine Investition in die Zukunft war. Sie waren für ihn ein wichtiges Element des notwendigen Strukturwandels in diesem Land. Für die Bewältigung dieses Strukturwandels gab es weder Muster noch Patentlösungen. Gerade deshalb darf man seine Politik aus heutiger Sicht als überaus mutig und visionär bezeichnen.

Er hat es als Ministerpräsident verstanden, den Strukturwandel im Ruhrgebiet erfolgreicher zu gestalten als in anderen schwerindustriellen Regionen der Welt. Die Kohle- und Stahlkrise in Nordrhein-Westfalen, so die Historikerin Helga Grebing, „wurde weitgehend im Konsens mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräften unter Vermeidung komplexer sozialer Folgen bewältigt.“

Johannes Rau war darauf bedacht, dass es bei diesem schwierigen Prozess der Umstrukturierung nicht zu sozialen Verwerfungen kam. Er steht für einen Wandel ohne Brüche. Er hat dabei stets ein klares Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft abgelegt, aber niemals einer reinen Marktgesellschaft das Wort geredet. Der Sozialdemokrat Johannes Rau war dezidiert gegen die Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Er dachte hier – wie bei der Bildung auch – nicht in ideologischen Kategorien. Ihm ging es darum, dass Politik den Menschen zu dienen hat – und nicht andersherum. Auch das ist ein Vermächtnis, das es zu bewahren gilt.

Dieselben Grundsätze haben seine Position im Umgang mit den Chancen und Herausforderungen der Globalisierung bestimmt. Er wurde geleitet von der festen Überzeugung, dass Politik Globalisierung aktiv gestalten solle. In seiner Rede als Bundespräsident am 13. Mai 2002 in Berlin hat er festgestellt: "Die Globalisierung ist kein Naturereignis, sie ist von Menschen gewollt und gemacht. Darum können Menschen sie auch verändern, gestalten und in gute Bahnen lenken. Die Globalisierung gestalten kann nur, wer klare Wertvorstellungen jenseits des Wirtschaftlichen hat. Dem Markt einen Rahmen zu geben und den Wettbewerb fair zu organisieren, das zählt zu den großen Kulturleistungen der Menschheit. Wir können den Markt niemals allein von seinen beeindruckenden Ergebnissen für die Gewinner her beurteilen. Wir müssen immer auch fragen, wie diese Ergebnisse zustande gekommen sind. Eine Politik der Freiheit wird nur dann auch wirtschaftlich überzeugen, wenn sie Menschen befreit von Ausbeutung, aus Armut und Überschuldung, wenn sie für gleiche Chancen sorgt, wenn sie zu gegenseitigem Respekt beiträgt und wenn sie alle teilhaben lässt an dem, was den Globus bewegt." Dieser Ansatz ist deckungsgleich mit unserem neuen Grundsatzprogramm, das wir im vergangenen Jahr in Hamburg beschlossen haben.

Anrede,

Neben allen weltpolitischen Fragestellungen wie dem Umgang mit den Herausforderungen der Globalisierung hat Johannes Rau nie die politische Ebene vergessen, auf der es zum engsten Kontakt zwischen Politik und Bürgerinnen und Bürgern kommt: der Kommunalpolitik. Er hat die Zusammenarbeit mit der kommunalen Familie stets als Verantwortungspartnerschaft verstanden. Sein Grundsatz war: Stadt und Land – Hand in Hand!

In einer Rede als Bundespräsident bei der Hauptversammlung des Deutschen Städtetages im Mai 2003 hat Johannes Rau deutlich gemacht, welchen Wert er den Städten und Gemeinden in unserem Gemeinwesen beigemessen hat – und auch seine Wertschätzung: "Die kommunale Daseinsvorsorge ist nicht ohne Grund entstanden. Sie sollte dem Gemeinwohl der örtlichen Gemeinschaft dienen und hat dabei eindrucksvolle Erfolge erzielt. Die Kommunen versorgten ihre Einwohner mit Wasser, Strom und Gas; sie sorgten für Kanalisation und Abfallbeseitigung; sie organisierten den öffentlichen Personennahverkehr und sie gründeten Sparkassen für ihre Bürger. So haben die Kommunen ein wichtiges Kapitel deutscher Sozial- und Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Ich denke, wir sollten diese Daseinsvorsorge erhalten. Wo allein die herrschen, die von der Rationalität des Marktes und der Logik des wirtschaftlichen Vorteils ausgehen, da gibt es eigentlich keine Bürger mehr, sondern nur noch Kunden und Kosten. Gute Kunden hält man, die schlechten klemmt man ab, und die Kosten kürzt man."

Anrede,

ich bin stolz, der Partei anzugehören, die für Johannes Rau fast 50 Jahre politische Heimat gewesen ist und die er entscheidend geprägt hat. Sein Bild einer solidarischen Gesellschaft ist unser Bild, ist auch mein Bild. Johannes Rau wusste, dass unsere Gesellschaft vom Wandel bestimmt ist. Wandel kann man nicht aufhalten. Aber man kann ihn gestalten. Dort, wo er zu rasant vonstatten geht und den Menschen das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit nimmt, ist Politik gefordert. Johannes Rau hat sein Amt in diesem Sinne verstanden.

In seiner Abschiedsrede als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident am 27. Mai 1998 hat er eine persönliche Bilanz gezogen: "Ich habe mich in allen Ämtern darum bemüht, ich selbst zu bleiben – im Reden und im Handeln und vor allem darin, dass beides übereinstimmt."

Johannes Rau hat damals – bescheiden wie er war – davon gesprochen, dass er sich bemüht habe. Wir alle in diesem Saal wissen: Bei Johannes Rau haben Reden und Handeln übereingestimmt. Dies sollte für uns alle Ansporn und Verpflichtung zugleich sein.

Wir alle wissen auch, er bezog sich als evangelischer Christ regelmäßig auf die jeweilige Tageslosung. Ich habe sie für den heutigen Tag nachgelesen. Es heißt dort (ich zitiere): „Paulus schreibt: Lass die unseren lernen, sich hervor zu tun mit guten Werken, wo sie nötig sind, damit sie kein fruchtloses Leben führen.“ Meine verehrten Gäste, dem habe ich nichts hinzuzufügen.