Rede des Kölner Parteivorsitzenden Jochen Ott: „Die Gemeinschaftsschule – eine neue Schule für NRW“

"Wenn die CDU verbreitet, wir wollten eine Einheitsschule, dann zeigt das nur deren mangelnden Sachverstand und beschämende Unkenntnis."
Jochen Ott
"Mit dem vorgelegten Bildungspapier können wir NRW nach vorne bringen. Die SPD bekennt sich zu einer modernen Bildungspolitik und stellt die Menschen in unserem Land endlich wieder in den Mittelpunkt politischen Wollens und Handelns."

– Es gilt das gesprochene Wort –

Stellt euch vor Kinder werden von Geburt an gefördert und geschützt in ganz NRW, es gibt für jeden einen beitragsfreien Platz in der Kita, Musik, Sprache und Tanz, Babyschwimmen – alles ist möglich! Unterschiedliche Professionen kümmern sich um unsere Kinder, im Sozialraum sind die Kitas z.B. vernetzt mit Ärzten, Sprachtherapeuten und Sportvereinen. Kinder wechseln gemeinsam mit ihrem Erzieher in die 1. Klasse, wer schon viele Kompetenzen erworben hat, beginnt früher mit der Schule, andere starten später durch. Die Grundschule ist eine ausgebaute OGTS.
Nach der Grundschule wechseln alle Kinder mit ihrer Lehrerin in die Gemeinschaftsschule. Die Ganztagsschule dauert von montags bis freitags, nicht samstags, von 8 bis 16 Uhr.
Aber nicht im 45 Minutentakt von der 1 bis zu 9 Stunde, nein, es gibt viele Angebote in Kunst, Musik, Theater und Sport.
Schule findet in Gebäuden statt, in denen man sich wohl fühlt.
Es gibt ein gesundes Mittagessen für alle. Kinder werden nicht nur in Klassen unterrichtet sondern auch jahrgangs- und klassenübegreifend; koedukative und geschlechtsspezifische Angebote lösen sich ab. Kinder erlernen Kompetenzen und nicht einfach einen bestimmten Stoff. Jedes Kind wird nach seinen Fähigkeiten gefördert – die Leistungsstarken werden gefordert, die Schwächeren werden gefördert.
Kein Kind wird mehr abgeschult, kein Kind wird mit 8 oder 9 Jahren in Begabungsstufen eingeteilt, kein Kind bleibt sitzen.
Und noch viel wichtiger: Kinder werden nicht so leistunsgverdichtet (wie in den letzten Monaten geschehen) dass ihnen kaum noch Luft zum Atmen bleibt und lernen doch mehr.

Kinder aus Duisburg Marxloh und aus Bonn haben beide eine realistische Chance im Berufsleben eine Führungsposition zu erreichen. Die Lehrer/Erzieher, die Eltern und die Schüler gestalten vor Ort ihre Schule/ Kindertagesstätte. Das Land setzt die Erziehungsziele und kontrolliert diese durch zentrale Abschlussprüfungen oder Evaluation – aber in der Gestaltung und Umsetzung der Ziele sind die Schulen und die Kitas frei!
Jeder Jugendliche erhält einen Ausbildungsplatz entweder im Dualen System oder in der Berufschule. Warteschleifen gehören der Vergangenheit an. Abitur kann man sowohl in der gymnasialen Oberstufe oder an einer beruflichen OS erreichen.
Weiterbildung wird in Zukunft bis zum Lebensende wieder angesagt sein und vom Gesetzgeber in NRW verstärkt gefördert.

Eine Vision ohne Frage, aber wir sind diesmal kurz davor eine solche Vision zu verwirklichen – kleine Länder in Europa haben uns vorgemacht, das es geht. Die SPD in NRW will sich auf den Weg machen. Wir setzen auf eine Bildungspolitik für morgen, für alle Menschen in unserem Land. Wir Sozialdemokraten setzen uns für eine neue Schule ein, die den Herausforderungen der Wissensgesellschaft Rechnung trägt: eine Gemeinschaftsschule.

Wichtig dabei ist aber, dass wir die Menschen im Land mitnehmen wollen. Und es gibt gute Anzeichen dafür, dass viele mitgehen wollen.
In den ländlichen Regionen NRWs werden in den kommenden Jahren viele Schulen schließen – es gibt einfach nicht mehr genug Kinder. Deshalb ist das Land auch Vorreiter bei der Entwicklung der Gemeinschaftsschule. Wer ein wohnortnahes Schulangebot halten will, muss unseren Weg einschlagen. Die Schulreformen in Finnland haben auch in Lappland angefangen und sind zuletzt in Helsinki angekommen.

Außerdem: Die Hauptschule wird zur Restschule. Kinder wissen, dass sie mit einem Hauptschulabschluss keine Perspektive haben, so nennen türkisch-stämmige Jugendliche in Köln-Kalk ihre Hauptschule auch „Türkengymnasium.“
Eltern an der Hauptschule Köln-Weiden trauen sich laut Aussagen des Schulleiters nicht mehr ihren Eltern, also den Großeltern zu sagen, dass ihre Enkel auf die Hauptschule gehen. Diese skandalösen Zustände müssen beendet werden. Wir brauchen eine Schule die Kindern Perspektiven bietet.

Aber es gibt auch ein ernstzunehmendes Bauchgefühl. Die CDU bedient das:
Die NRWCDU macht eine Kampagne unter der Überschrift: Die SPD will das Gymnasium abschaffen. Das ist Quatsch. Wir hätten die Gemeinschaftsschule auch Gymnasium nennen können. Übrigens: Im alten Griechenland war ein „gymnásion“ ein Ort der körperlichen und geistigen Ertüchtigung allerdings nur für die männliche Jugend, wobei der körperliche Aspekt aber im Vordergrund stand. In den Gymnasien wurde nackt trainiert, was noch in der Herkunft des Wortes wie auch bei Gymnastik von „gymnázesthai“ (= „mit nacktem Körper turnen“) deutlich wird. Das Nacktturnen lassen wir heute besser.

Wenn die CDU verbreitet, wir wollten eine Einheitsschule, dann zeigt das nur deren mangelnden Sachverstand und beschämende Unkenntnis. Eine Einheitsschule ist absoluter Schwachsinn in der modernen Welt. Erstens, und darauf legen die Neoliberalen doch sonst so viel Wert, müssen wir, wenn Deutschland auch in zwanzig Jahren noch ökonomische Weltspitze sein will, jetzt umsteuern. Angesichts des demographischen Wandels können wir es uns nicht leisten eine so große Gruppe von Menschen auszusortieren wie bisher. Zweitens in der globalisierten und flexibilisierten Welt des 21. Jahrhunderts können wir Menschen nicht Schubladen des 19 Jahrhunderts packen. Wer jedes Kind individuell fördern will, steht genau für das Gegenteil von Einheitsschule ein – eine Schule in der das Kind im Mittelpunkt steht.

Aber: Unsere Gemeinschaftsschule ist nicht bloß Kopie des Gesamtschulansatzes: Wir wollen mehr Demokratie wagen. Eltern, Lehrer und Schüler – die Schulkonferenzen – entscheiden vor Ort welchen Weg sie gehen wollen – wir steuern zentral nur durch kleine, aber gewichtige Eingriffe:
Erstens jeder Schüler muss zum Abschluss geführt werden, zweitens Abschulen wird verboten und es gibt ein gemeinsames Kollegium. Jeder Bildungsexperte weiß, diese drei kleinen Erneuerungen werden Schule massiv verändern.
Trotzdem ist eines wichtig: Die Struktur ist nur eines. Deshalb legen wir einen umfassenden Ansatz vor.

Auf zwei wichtige Aspekte will ich noch eingehen. Eine neue Schule kann nur erfolgreich sein, wenn ein Grundsatz im Vordergrund steht: Ungleiches muss ungleich behandelt werden. Schulen mit vielen behinderten Kindern oder vielen Kindern aus sozial benachteiligten Familien brauchen mehr Ressourcen als Schulen, in denen diese Gruppen nicht so stark vertreten sind. Hier wird sich erweisen, ob die Gesellschaft bereit ist umzusteuern.

Zweitens die Gebührenfreiheit – während die CDU/FDP Landesregierung die Elternbeiträge mit dem neuen Kibitz wieder erhöht – wollen wir die Gebührenfreiheit für alle. Dies ist ein entscheidender Beitrag für mehr Chancengleichheit und mehr Bildungsgerechtigkeit, die Vize-Kanzler Franz Müntefering bei seinen Plänen zur Bekämpfung von Armut in den Mittelpunkt gestellt hat.
Mit dem vorgelegten Bildungspapier können wir NRW nach vorne bringen. Die SPD bekennt sich zu einer modernen Bildungspolitik und stellt die Menschen in unserem Land endlich wieder in den Mittelpunkt politischen Wollens und Handelns.
Vielen Dank!