Hannelore Kraft im Interview mit der NRZ

Hannelore Kraft

Die Landes-SPD bricht am Wochenende in Bochum zu neuen Ufern auf. Im Mittelpunkt steht dabei die Wahl von Hannelore Kraft zur Vorsitzenden der Sozialdemokraten an Rhein und Ruhr. . Die künftige SPD-Landesvorsitzende Hannelore Kraft sieht die wahre Sozial-Kompetenz weiter bei ihrer Partei. Ein NRZ-Gespräch:

NRZ: Frau Kraft, nennen Sie uns drei Gründe, warum Sie am Samstag für Hannelore Kraft als neue SPD-Vorsitzende in NRW stimmen werden.

Kraft: (lacht) Erstens, weil ich Sachkunde, Erfahrung und das nötige Gefühl für die Partei mitbringe. Zweitens, weil ich wirtschaftliche mit sozialer Kompetenz verbinde. Vor allem aber drittens, weil ich großen Rückhalt in der SPD spüre und viele Menschen in der Partei auf mich setzen.

NRZ: Wir sagen Ihnen einen vierten Grund: Weil die Landes-SPD keine Alternative hat und Sie so etwas wie die letzte Chance sind.

Kraft: Das halte ich für völlig überzeichnet. Es stimmt, wir haben in den letzten Jahren ein großes Personalkarussell gedreht. Aber es gibt viele gute Leute in Partei und Landtagsfraktion. Da rücken Talente nach, und ich werde mich darum kümmern, dass sie unterstützt werden und nach vorne kommen.

Kämpferisch oder schrill?

NRZ: Mit Ihnen wird zum ersten Mal bei einer Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen eine Frau gegen einen Mann antreten. Ist das ein Vorteil?

Kraft: Das hat Vor- und Nachteile. Von Nachteil ist, dass Frauen in der Politik mit anderen Adjektiven belegt werden als Männer. Wenn ich eine kämpferische Rede halte, wird das gern als schrill abgetan. Falle ich in einer Talkshow im Fernsehen jemandem ins Wort, wird mir das negativ ausgelegt. Bei einem Mann nennt man das dann durchsetzungsfähig.

NRZ: Und die Vorteile?

Kraft: Ich glaube, ich kann meine emotionale Seite stärker zeigen und gehe mit Menschen im direkten Kontakt anders um als die meisten Männer. Frauen machen eben anders Politik.

NRZ: Wie sieht denn Ihr Politikstil aus?

Kraft: Mein Motto lautet: offen und ehrlich, aber nicht immer bequem. Ich kann zuhören und moderieren, aber ich kann auch Dinge durchfechten, wenn es sein muss. Ich bin jemand, der führen kann. Sonst könnte ich den Parteivorsitz nicht übernehmen.

NRZ: Wie schätzen Sie die Arbeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel ein?

Kraft: Sie geht sehr pragmatisch an die Dinge heran. Dass sie Naturwissenschaftlerin ist, prägt ihre Politik mehr als die Tatsache, dass sie eine Frau ist.

NRZ: Sagen Sie uns Ihre Meinung über Ihren Gegenspieler Jürgen Rüttgers.

Kraft: Er hat die Regierung übernommen, aber er hat keinen wirklichen Gestaltungswillen für NRW, keinen Plan. Er verändert Dinge, aber es fehlt ihm eine Strategie, um das Land nach vorn zu bringen. Das unterscheidet ihn von allen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten vor ihm. Sie hatten ein klares Ziel, wenn es natürlich auch Rückschläge gegeben hat.

NRZ: Einspruch. Was die Regierung Rüttgers etwa mit dem neuen Schulgesetz macht, ist ein echtes Umsteuern in der Bildungspolitik.

Kraft: Die Frage ist doch, wohin umsteuern. Wenn wir mehr gut ausgebildete Menschen wollen, bessere Abschlüsse und mehr Chancengleichheit, dann wird dies gerade mit diesem Gesetz nicht erreicht. Jetzt findet die soziale Auslese bereits in der Grundschule durch die Auflösung der Grundschulbezirke statt. So wird NRW das Ziel nie erreichen, jeden nach seinen Fähigkeiten zu unterstützen.

NRZ: Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu Rüttgers?

Kraft: Sagen wir es so: Wir sind keine Duzfreunde.

NRZ: Klingt ja geradezu euphorisch. Regt Sie etwas auf an dem Mann?

Kraft: Ich finde es unangemessen, wie er Johannes Rau in Stil und Habitus kopiert und teilweise sogar dessen Witze erzählt.

NRZ: Sie fürchten sicher auch, das könne für die SPD bedrohlich werden.

Kraft: Nein, das sehe ich gelassen. Rüttgers ist kein Rau. Die jüngsten Umfragen zeigen, dass die Menschen dies erkannt haben. Bei der Frage nach der sozialen Gerechtigkeit fällt die NRW-CDU massiv zurück; trotz seiner Sozialrethorik. Nur noch 20 Prozent halten die CDU auf diesem Feld für kompetent, gegenüber 41 Prozent bei der SPD. Die Leute merken, dass Rüttgers nur eine Rolle spielt. Das ist mein Vorteil: Ich bleibe ich selbst.

Als Ökonomin für den Sockelbergbau

NRZ: Aber Sie ärgern sich.

Kraft: Ja, es ärgert mich – und zwar für Johannes Rau.

NRZ: Die SPD hat dem Land einen Schuldenberg hinterlassen. Jetzt fließen die Steuern. Ist das nicht eine Hypothek für künftige Wahlen?

Kraft: Es stimmt, die Landesregierung hat Glück. Die Voraussetzungen für die heutige Haushaltskonsolidierung sind geschaffen worden zu Zeiten rot-grüner Regierungen in Bund und Land. Aber es ist gut, wenn weniger Schulden gemacht werden.

NRZ: Welche Bedeutung messen Sie den Kommunalwahlen 2009 für die Landtagswahl im Jahr darauf bei?

Kraft: Eine ganz große. Die SPD ist die Kommunalpartei in NRW. Im aktuellen Haushalt kürzt die Regierung 560 Millionen Euro bei Städten und Gemeinden. Sie saniert den Landeshaushalt auf deren Kosten. Wir sind mit den Kommunen eng verdrahtet. Es gibt ja auch in der CDU starke Widerstände gegen Kürzungen bei Kindergärten oder schwarz-gelbe Pläne, die Stadtwerke und Sparkassen zu privatisieren. Für die Menschen würden Leistungen dann teurer oder sie fielen ganz weg, weil aus Gewinnen kommunaler Unternehmen bisher andere wichtige Aufgaben finanziert werden konnten.

NRZ: Im Streit um die Steinkohle-Finanzierung beharren Sie auf einem Kohle-Sockel. Gilt das auch noch, wenn Sie als SPD-Chefin gewählt sind?

Kraft: Da können Sie sicher sein. Ich werde immer für den Erhalt eines Sockel-Bergbaus kämpfen, weil ich das als Ökonomin für richtig halte.

NRZ: Frau Kraft, in Ihrer neuen Position stürzt viel auf Sie ein. Wie schützen Sie sich?

Kraft: Indem ich meine Privatsphäre konsequent heraushalte. Unser Zuhause bleibt tabu.

NRZ: THEO SCHUMACHER DIRK HAUTKAPP