Ute Schäfer: Vorstellung der Kampagne „Die beste Bildung für alle“

Ute Schäfer

Die letzten Monate waren in NRW geprägt von einer Debatte über die Schulpolitik, die aktionistisch und populistisch darauf setzte, Klischees zu bedienen und in der jeden Monat neue Wasserstandszahlen über die vielen neuen geschaffenen Lehrerstellen propagiert wurden. Ein hoch umstrittenes Schulgesetz wurde in halsbrecherischem Tempo beschlossen. Alles konzentrierte sich so sehr auf die Schule, dass der Ministerpräsident seinen größten strategischen Fehler beging und in dem von ihm ausgerufenen Jahr des Kindes eine Kürzung von über 100 Millionen Euro in den Kindertageseinrichtungen durchlaufen ließ. Damit wurde mehr als deutlich, dass Bildung bei Schwarz-Gelb erst mit dem Eintritt in die Schule beginnt.

Die SPD tritt an mit dem Anspruch, einen bildungspolitischen Entwurf zu erarbeiten, der mehr umfasst als Schulpolitik und an die von Rot-Grün eingeleiteten Reformschritte anknüpft. Wenn wir uns zukünftig als Wissensgesellschaft definieren wollen, dann sollten wir das Wissen oder die Bildung definieren. Der Publizist Walter Dirks hat das Bildungsverständnis der Nachkriegszeit so gekennzeichnet: „Bildung gilt als etwas, was man nicht gebrauchen kann, wenn es ernst wird.“ Gemeint war wohl der gymnasiale Bildungskanon, in dem z.B. die alten Sprachen eine lange unangefochtene Rolle spielten.

Heute wissen wir, dass das weltweit verfügbare Wissen sich alle fünf bis sieben Jahre verdoppelt. Die Zahl der Wissenschaftler, die auf der Welt arbeiten, ist so groß wie die aller Wissenschaftler der letzten 200 Jahre zusammengenommen.

Für die Bildung hat der Wettlauf mit der Zukunft längst begonnen und Schule kann sich nicht mehr auf stures Einpauken von Faktenwissen beschränken. Bildung als Lernmaschine hat sich ebenso überlebt wie Bildung als pädagogische Lego-Landschaft der angeblich kindgerechten Beliebigkeiten.

Unser Verständnis von Bildung beruht auf folgenden Grundsätzen:
Wissen ist

  • für den einzelnen Menschen die entscheidende Grundlage für sein Leben und seine Handlungsmöglichkeiten
  • für die Wirtschaft der wesentliche Produktionsfaktor
  • für die moderne Gesellschaft die prägende Kraft und das Fundament für den sozialen Zusammenhalt und die gelingende Integration

    Wir müssen mehr in Bildung investieren! Die Forderung nach Gebührenfreiheit von der Kita bis zur Hochschule ist damit eine zentrale Aussage der SPD. Wir müssen die Bildungsbeteiligung steigern und nicht den Zugang zu Bildung erschweren – wie das jetzt etablierte Turbogymnasium und die verschärften Übergangsbestimmungen von der Grundschule bedeuten. Dabei stehen für die SPD Chancengleichheit und Leistungsorientierung nicht im Gegensatz zueinander.

    Wissenschaftler sind sich einig, dass das erste Lernfenster bereits mit vier Jahren abgeschlossen ist. Förderung und Bildung im Elementarbereich müssen intensiviert werden. Die frühe Sprachförderung ist auf einem guten Weg. Aber nur wenige wissen, dass die entscheidenden Voraussetzungen für mathematische Fähigkeiten und die Weiterentwicklung aller musischen Potenziale sehr früh angelegt werden. Daneben brauchen Familien eine Angebotsstruktur, die den Erfordernissen an eine qualifizierte Förderung im Elementarbereich gerecht wird. Das setzt unterschiedliche Professionen und Qualifikationen – auch in der Elementarerziehung – voraus. Beitragsfreiheit und verpflichtender Besuch von Kindertageseinrichtungen sind wichtige Punkte auf unserer bildungspolitischen Agenda.

    Wir haben jetzt eine historische Chance. Arbeitsmarktpolitische Gründe, demographische Entwicklungen und reformpädagogische Erkenntnisse zusammengenommen sollten uns eine ideologiefreie Debatte über die Zukunft unseres Schulsystems ermöglichen.

    Wir haben uns in der SPD für längeres gemeinsames Lernen entschieden – sind dabei immer in prominenter Gesellschaft von führenden Wissenschaftlern, Unternehmensberatern und auch Politkern anderer Couleur. Wir sind aber nicht so vermessen, hier ein Patentrezept zu liefern. Es gibt unterschiedliche Modelle, über die wir diskutieren wollen.
    Und es gilt zu klären, welche aktive Rolle die Kommunen übernehmen wollen und sollen bei der Gestaltung von lokalen und auch regionalen Bildungslandschaften. Uns geht darum, was den Kindern und Jugendlichen nützt und nicht um vorschnelle Festlegungen. Deshalb nehmen wir uns Zeit für eine ausführliche Diskussion.

    Für uns gilt nach wie vor, dass die Eltern die Erziehungsverantwortung für ihre Kinder haben. Trotzdem kann man nicht die Augen davor verschließen, dass wir in allen Einrichtungen des Elementarbereichs und der Schulen mehr Zeit und Raum brauchen für Bildung, Erziehung und Betreuung. Die Einführung der offenen Ganztagsgrundschulen war ein Riesenerfolg in NRW. Die Kooperation von Schule und Jugendhilfe sowie anderen Partnern aus dem Bereich Sport, Musik und Kunst hat ein neues Verantwortungsgefühl für die „Bildung vor Ort“ ausgeprägt. Diese Kooperation muss an allen weiterführenden Schulen fortgesetzt werden. Ebenso wie die Eltern, deren Kinder aus der Kita in die Grundschule kamen, nach einem verlässlichen Angebot in der Grundschule gefragt haben, wird es jetzt die weitere Nachfrage in der Sekundarstufe geben. Deshalb setzen wir auf den „Bildungsganztag in allen Schulen in NRW“.

    Uns geht es ausdrücklich um „Die beste Bildung für alle“.

    Unser bildungspolitischer Fahrplan bis zum Herbst 2007

  • Diskussion erster Eckpunkte und Leitfragen im September/ Oktober mit:
  • Gewerkschaften/ Verbänden
  • Wirtschaft und Handwerk
  • Kommunale Spitzenverbände
  • Kirchen/ Freie Wohlfahrtspflege
  • Schulleiter/innen/ Schulaufsicht
  • Eltern, Schülern und Jugendverbänden
  • Wissenschaft
  • Vorstellung eines Thesenpapiers auf dem Zukunftskonvent der NRWSPD am 18. November
  • Erarbeitung eines Programmentwurfs und Diskussion innerhalb der Partei in NRW und mit allen an Bildung interessierten Menschen in NRW
  • Beschlussfassung über das bildungspolitische Programm im Herbst 2007