Rede von Dr. Hans-Jochen Vogel auf der Gedenkveranstaltung des SPD-Parteivorstandes und der SPD-Bundestagsfraktion anlässlich des 100. Geburtstages Herbert Wehners

– Es gilt das gesprochene Wort –

Herbert Wehner wäre am 11. Juli hundert Jahre geworden. Das ist ein guter Anlaß, seiner zu gedenken. Peter Struck hat diesem Gedenken soeben eine eindrucksvolle Einleitung gegeben. Als unmittelbarer Nachfolger Herbert Wehners im Vorsitz der SPD-Bundestagsfraktion will ich nun versuchen, ihn auf meine Weise zu würdigen.

Herbert Wehner hat wie wenige seiner Generation die Geschichte unseres Volkes im letzten Jahrhundert durchlebt, durchlitten und schließlich mitgestaltet. Fast alles, was einem politisch bewußten Menschen in dieser Zeit an Herausforderungen begegnen konnte, ist ihm begegnet: Die Faszination des frühen Kommunismus, der Kampf gegen den Nationalsozialismus vor und nach der Machtübernahme, das Moskauer Exil zur Zeit der brutalen Stalin’schen Säuberung, der Bruch mit dem Kommunismus – er selber sprach von dem Bruch „Mit dem Gott, der keiner war“ -, die deutsche und europäische Katastrophe als Folge der NS-Gewaltherrschaft, der Beitritt zur deutschen Sozialdemokratie und endlich der unermüdliche Einsatz für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden, der ihn zu einer der großen politischen Gestalten der alten Bundesrepublik werden ließ.
Ja – der frühe Kommunismus hat Herbert Wehner fasziniert. Geprägt durch seine Jugend als Sohn einer Arbeiterfamilie hat er den Widerspruch zwischen kulturellem und gesellschaftlichem Reichtum auf der einen und mangelnden Rechten und Chancen zur Teilhabe auf der anderen Seite am eigenen Leib drastisch verspürt. Dies und sein verletztes Gerechtigkeitsempfinden führte zu einer Radikalisierung seiner politischen Ansichten mit der Folge, daß ihm die Mitwirkung in der sozialistischen Arbeiterjugend und die zeitweise Zusammenarbeit mit Erich Mühsam bald nicht mehr genügte und er 1927 – also mit noch nicht ganz 21 Jahren – der KPD beitrat. Beseelt von dem Glauben, die Befreiung der Unterdrückten, die Gerechtigkeit und der Friede ließen sich nur auf dem vom Kommunismus als gesetzmäßig und deshalb als zwangsläufig beschriebenen Wege ein für allemal verwirklichen, übernahm er in der KPD zunächst in Sachsen und dann in der Zentrale in Berlin Funktionen, die er mit all seiner Kraft ausfüllte.

Gegen den Nationalsozialismus kämpfte er als Kommunist schon vor 1933. Danach setzte er den Kampf im Untergrund und von außen her fort. 1937 wurde er nach Moskau beordert und lebte dort in der Zeit der Stalin’schen Säuberungen im Hotel Lux unter Bedingungen, die wir Heutigen uns kaum mehr vorstellen können. 1941 mit dem Auftrag nach Stockholm entsandt, in Deutschland von neuem Untergrundstrukturen der KPD aufzubauen, verurteilten ihn schwedische Gerichte alsbald wegen angeblicher Spionage für eine fremde Macht zu einem Jahr Zuchthaus und zu Zwangsarbeit. Daran schloß sich eine Internierung bis Juli 1944 an. In dieser Zeit verfaßte Herbert Wehner noch im Gefängnis eine Aufzeichnung, die er mit den Worten „Selbstbesinnung und Selbstkritik“ überschrieb. Schon in dieser Zeit brach er mit der kommunistischen Ideologie. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde das in einem Referat manifest, das er im Oktober 1946 vor einem sozialdemokratischen Arbeitskreis in Hamburg hielt. In dem Referat sagte er, der Sozialismus stehe und falle keineswegs mit der Eigentumsfrage. Und die Verengung des Begriffs des Sozialismus auf die Lehre von der Strategie und Taktik des Kampfes der Arbeiterklasse sei der – Lenin’sche – Bruch mit der Kontinuität der freiheitlichen und humanitären Bestrebungen der Vergangenheit gewesen. Daher rühre „die Gleichschaltungstendenz, die geistige Verflachung der Menschen, die sich dieser Lehre unterwarfen, ihre geistige Versklavung, die so weit geht, daß sie am Schluß nicht mehr sich selbst trauen dürfen“. Hier zieht er unverkennbar die Konsequenz aus seinem eigenen Erleben. Und auf diesem Hintergrund bekennt er sich ausdrücklich zur Demokratie und zur Pluralität.

Nicht zuletzt der Eindruck, den Kurt Schumacher im Rundfunk auf ihn machte, bewog Herbert Wehner 1946 dazu, der SPD beizutreten. Der Parteivorsitzende wurde bald auf ihn aufmerksam und erwartete, daß Wehner der Partei helfen könne, den damals noch starken Einfluß der Kommunisten in den Hamburger Betrieben zu brechen. Wehner wußte, was er damit auf sich nahm. Als es 1949 um die Kandidatur für den Deutschen Bundestag ging, habe er zu Schumacher gesagt: „Sie werden mir die Haut vom lebendigen Leibe abziehen“. Schumacher habe geantwortet „Ja, das werden sie, und das wirst Du aushalten“. Beide haben recht behalten.
Seit diesem Zeitpunkt gehörte sein ganzes Leben, gehörte all seine Kraft der deutschen Sozialdemokratie. Er diente ihr zunächst als Redakteur in Hamburg und in der örtlichen Parteiorganisation und dann von 1952 bis 1982 als Mitglied des Parteivorstandes, von 1958 bis 1973 auch als stellvertretender Parteivorsitzender. Während dieser Zeit gehörte er fast 34 Jahre lang – von 1949 bis 1983 – als Hamburger Abgeordneter dem Deutschen Bundestag an; davon 13 Jahre als Fraktionsvorsitzender.

In diesen drei Jahrzehnten hatte er vor allem ein Ziel vor Augen. Er wollte ein neues demokratisches und freiheitliches Deutschland, in dem eine gerechte soziale Ordnung allen die gleiche Chance für ein sinnvolles Leben und eine volle Teilhabe an den Früchten der gemeinsamen Anstrengung bieten sollte. Darum trat er unermüdlich für die Aussöhnung gerade mit den Völkern ein, die in besonderer Weise unter der Barbarei der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gelitten hatten; also den Juden und den Polen. Zu ihnen schlug er Brücken der Verständigung, zu deren Bau er auf Grund seiner eigenen Lebenserfahrungen besonders befähigt war. Und er reiste zu ihnen; nicht nur, wenn alle reisten, sondern auch in Zeiten der Bedrängnis, wenn sich nur wenige auf den Weg machten.

Darum kämpfte er für Frieden und Abrüstung. Darum bewegte ihn die deutsche Frage ohne Unterlaß. Darum engagierte er sich unermüdlich in der Ost- und Deutschlandpolitik und hob warnend seine Stimme, wenn er sie in Gefahr glaubte oder sie ihm an Dynamik zu verlieren schien. Es gehört zur Tragik seines Lebens, daß er, der von Anfang an unter der Teilung Deutschlands litt und der stets an der Einheit der Nation festhielt, die Volksbewegung im anderen deutschen Staat, daß er den Fall der Mauer, daß er das Wiedererstehen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in seiner alten Heimat nicht mehr bewußt wahrnehmen konnte. Im Innern engagierte er sich vor allem für Fragen der sozialen Gerechtigkeit und für die Mitbestimmung.

Sein entscheidender Beitrag zur deutschen Nachkriegsgeschichte war, daß er der deutschen Sozialdemokratie mit unerschütterlicher Beharrlichkeit den Weg in die Regierungsverantwortung bahnte und damit ein Doppeltes bewirkte: Die endgültige Widerlegung des konservativen Vorurteils, die älteste deutsche Partei sei zur Regierung des Staates nicht fähig und tauge allenfalls zur Opposition. Und die Anwendung eines elementaren Prinzips der Demokratie – nämlich den Wechsel der Parteien zwischen den Funktionen der Regierung und der Opposition, der gerade auf Grund seines Engagements zwanzig Jahre nach Gründung der Bundesrepublik zum erstenmal stattfand. Darum hat er mit eiserner Energie für die Regierungsfähigkeit der Sozialdemokratie gekämpft. Die Partei verdankt ihm wesentliche Anstöße zur programmatischen und organisatorischen Erneuerung nach den Niederlagen der fünfziger Jahre. Als stellvertretender Parteivorsitzender hat er nach seiner Wahl auf dem Stuttgarter Parteitag im Mai 1958 die hauptamtlichen Mitarbeiter nicht nur straff und mitunter streng angeleitet, sondern auch jeden einzelnen von ihnen als Funktionär gesehen und als Mensch ernst genommen und respektiert. Die Arbeitsgemeinschaften in der Partei hat er als Sensoren gesellschaftlicher Entwicklungen unterstützt, ihre Repräsentanten aber zugleich davor gewarnt, sich als „Abgeordnete der Arbeitsgemeinschaften innerhalb der Partei und der Fraktion aufzuführen“.

Die Arbeit am Godesberger Programm hat er unterstützt; unter anderem durch einen Beitrag zum außenpolitischen Teil des Entwurfs. Wichtiger noch war aber die engagierte Rede, die er im November 1959 für die Annahme des Programms auf dem Parteitag hielt. Sie bewirkte, daß auch Zweifelnde und Zögernde aus dem linken Spektrum dem Programm zustimmten und dafür dann eine breite Mehrheit zustande kam.
Ein wesentlicher Schritt auf dem Wege zur sozialdemokratischen Regierungsverantwortung war seine inzwischen schon historische Bundestagsrede vom 30. Juni 1960. Bis zu diesem Zeitpunkt stand die Sozialdemokratie dem Adenauer’schen Konzept der militärischen, politischen und wirtschaftlichen Westbindung der Bundesrepublik skeptisch gegenüber. Die SPD stellte die Bindung an NATO und europäische Strukturen stets unter den Vorbehalt, sie dürften der deutschen Wiedervereinigung nicht im Wege stehen. Im März 1959 hat sie mit ihrem Deutschlandplan, an dessen Formulierung Herbert Wehner und auch Helmut Schmid maßgebend mitwirkten, zum letzten Mal den Versuch unternommen, ein Alternativmodell anzubieten, das ein wiedervereinigtes, unabhängiges und bündnisfreies Deutschland im Rahmen eines europäischen Sicherheitssystems vorsah. Auf der Genfer Außenministerkonferenz von 1959 nahmen jedoch weder die Westmächte noch die Sowjetunion den Deutschlandplan der SPD ernst. Eine Gipfelkonferenz, die für Mai 1960 in Paris geplant war, trat erst gar nicht zusammen.

In dieser Situation befreite Herbert Wehner mit seiner Rede die SPD aus ihrer außenpolitischen Isolierung. Es gehe jetzt – sagte er – „um das höchst erreichbare Maß an Übereinstimmung in der Bewältigung der deutschen Lebensfragen“. In der gefährlichen, unübersichtlich gewordenen Lage sollten die Fraktionen des Deutschen Bundestags „den Vorsatz zu fassen imstande sein, unser innenpolitisches Verhältnis zueinander in die Ordnung zu bringen, die uns befähigen könnte, der gesamtdeutschen Verpflichtung der Bundesrepublik gerecht zu werden“. Ganz konkret antwortete Herbert Wehner auf entsprechende Fragen in der öffentlichen Diskussion, die der Parlamentssitzung vorausgegangen waren, „Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands geht davon aus, daß das europäische und das atlantische Vertragssystem, dem die Bundesrepublik angehört, Grundlage und Rahmen für alle Bemühungen der deutschen Außen- und Wiedervereinigungspolitik ist“. Zugleich erklärte er den Deutschlandplan für überholt. Er beendete seine Rede mit dem berühmt gewordenen Schlußsatz „Innenpolitische Gegnerschaft belebt die Demokratie. Aber ein Feindverhältnis, wie es von manchen gesucht und angestrebt wird, tötet schließlich die Demokratie, so harmlos das auch anfangen mag. Das geteilte Deutschland kann nicht unheilbar miteinander verfeindete christliche Demokraten und Sozialdemokraten ertragen“.

Die Wirkung der Rede war gewaltig. Sie hatte nicht nur ein immenses Presseecho. Sie veränderte vielmehr die innenpolitische Situation grundlegend. Denn sie nahm Konrad Adenauer und der Union ein Aktionsfeld, auf dem sie die SPD bis dahin unentwegt als unzuverlässig und nicht vertrauenswürdig angegriffen hatte. Sie taten dies bis dahin mit Erfolg – wie unter anderem die Bundestagswahl vom September 1957 zeigte, bei der die Union auch deshalb die absolute Mehrheit erreichte. Gelegentlich wird behauptet, Wehner habe mit dieser Rede die Parteiführung und die Fraktion überrumpelt. Das ist unzutreffend. Ihre Kernpunkte sind vielmehr zuvor in den zuständigen Gremien erörtert und auch gutgeheißen worden. Darauf hat Herbert Wehner – er war damals auch außen- und deutschlandpolitischer Sprecher der Fraktion – Wert gelegt. Christoph Meyer hat das in seiner kürzlich erschienenen Biographie, die zu Recht große Aufmerksamkeit gefunden hat, im Detail dargelegt.

Über Jahre erstreckten sich die Bemühungen Wehners um das Zustandekommen einer Großen Koalition, die demselben Ziel galt. Ihn beseelte dabei die Vorstellung, daß nur die Mitwirkung in einer Großen Koalition der SPD Gelegenheit gäbe, ihre Regierungsfähigkeit unter Beweis zu stellen und damit ihre Chancen für die Zukunft zu verbessern. Eine Vorstellung, die sich Ende der sechziger Jahre als durchaus zutreffend erwies.
Erste Kontakte in dieser Richtung knüpfte er bereits in den fünfziger Jahren. Seine wichtigsten Gesprächspartner in der Union waren zunächst Jakob Kaiser und Ernst Lemmer und später Karl-Theodor zu Guttenberg, Paul Lücke, Johannes Schauff und Heinrich Krone. Insbesondere mit Guttenberg ergab sich ein kontinuierlicher, von gegenseitigem Vertrauen getragener Gedankenaustausch. Ein erster konkreter Erfolg stellte sich im Herbst 1962 ein, als kein Geringerer als Konrad Adenauer während der durch die Spiegel-Affäre ausgelösten Koalitionskrise offizielle Gespräche mit der SPD führte. Daß er so primär Druck auf die FDP ausüben wollte, ändert nichts daran, daß er damit die von ihm seit 1949 immer wieder als Gefahr für unser Land verunglimpfte SPD erstmals als potentiell regierungsfähig anerkannte. Überdies empfing er damals als Gesprächspartner neben Erich Ollenhauer und Fritz Erler eben auch den von ihm öffentlich als Mann, „der die Sprache der SED spricht“ abqualifizierten Herbert Wehner. Das muß für Herbert Wehner eine Stunde großer innerer Genugtuung gewesen sein.
Zustande kam die Große Koalition dann bekanntlich im Herbst 1966. Ich gehörte übrigens zu denen, die ihrer Bildung zunächst deshalb mit Skepsis begegneten, weil ihr der einige Zeit zuvor wegen der Spiegel-Affäre aus dem Amt des Verteidigungsministers geschiedene Franz-Josef Strauß als Finanzminister angehören sollte. Aber ich sah schließlich ein, daß diese „Kröte“ im Interesse des Gemeinwesens und auch im Interesse der deutschen Sozialdemokratie geschluckt werden mußte. Die erste Große Koalition hat dann ja auch respektable Arbeit geleistet.

Nach der Bundestagswahl 1969 wollte Herbert Wehner die Große Koalition fortsetzen. Er akzeptierte aber die Entscheidung Willy Brandts für eine sozialliberale Koalition. Und tat dann als Fraktionsvorsitzender alles, um ihr zu konkreten Erfolgen zu verhelfen und ihr den Rücken freizuhalten. Besonders engagierte er sich für die neue Ostpolitik, für eine Entwicklung der Beziehungen zur DDR, die die Lebensverhältnisse der dort lebenden Menschen verbesserte, und für die inneren Reformen. Anteil hatte er auch daran, daß unsere Republik im Herbst 1977 ihre Schutzfähigkeit gegenüber den Anschlägen der RAF ebenso besonnen wie entschlossen verteidigte. Das Scheitern der sozialliberalen Koalition im Herbst 1982 erfüllte ihn mit Bitterkeit. Gefragt, wie lange jetzt die Oppositionszeit für die SPD dauern werde, sagte er: „………….. Es kann 15 Jahre dauern“. Ganz Unrecht hatte er damit nicht.
Was trieb ihn zu diesem, seine Kräfte immer wieder bis an die äußersten Grenzen beanspruchenden Engagement? Nach meinem Eindruck galt es nicht abstrakten Ideen und auch nicht der Macht als solcher, obwohl er sich der politischen Bedeutung der Macht stets bewußt war und zu ihr ein sehr realistisches Verhältnis hatte. Sein Engagement und seine Liebe galten vielmehr seinem Volk, galten den Menschen und den Menschen zumal, aus deren Mitte er hervorgegangen war. Ihnen wollte er einen gerechten Anteil am Wohlstand und an politischem Einfluß in einem demokratischen Rechts- und Sozialstaat sichern. Ebenso wollte er sein Volk für immer vor der Wiederholung der Schrecken und der Verführungen bewahren, denen es einmal in so furchtbarer Weise erlegen war. Er, der Ausgebürgerte und Verfolgte, der „Reichsfeind“, wie das in der Sprache der damaligen Machthaber hieß, wollte wiedergutmachen, was andere verbrochen hatten. Aber – so schrieb er schon im Winter 1942/43 in sein Tagebuch – „Wiedergutmachen muß zugleich das deutsche Volk sich selbst“.

Was für ein Mensch war dieser Herbert Wehner? Manches dazu habe ich schon gesagt. Anderes bleibt noch zu erwähnen. Zunächst: Er war mit Leib und Seele Parlamentarier. Und er war es mit Leidenschaft. Diese Leidenschaft beflügelte ihn und brach immer wieder aus ihm heraus. Dann konnte er scharf, sarkastisch, ja mitunter kränkend und ungerecht werden. Aber er konnte auch unerbittlich schweigen. Und er vergaß auch nicht leicht. Manche seiner ebenso berühmten wie gefürchteten Zwischenrufe und mancher Zornesausbruch, der ganz unvermittelt auch Freunde und Vertraute treffen konnte, beweisen das. Seine Leidenschaft machte ihn auch zu einem Meister des Wortes. Er hat seine Sätze zusammengefügt wie die Zyklopen der Vorzeit ihre gewaltigen Mauern. Kein Satz verlor sich unfertig im Unbestimmten. Jeder kam zu seinem vorbedachten Schluß. Und auch, was zunächst dunkel erschien, gab seinen Sinn dem preis, der nicht nur an der Oberfläche blieb.

Aber Herbert Wehner verstand es auch, zuzuhören. Jedenfalls denen, die etwas zu sagen hatten oder die seine Unterstützung brauchten. Denen half er dann im Stillen mit der gleichen Empfindsamkeit, Beharrlichkeit und Geduld, mit der er sich den großen politischen Aufgaben gewidmet hat. Die Zahl derer, die ihm Ermutigung, Erleichterung, ja die Freiheit verdanken, ist Legion. Ich denke dabei nur an die unzähligen Stunden und Tage, in denen er sich um die Freilassung und die Übersiedlung von Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik bemüht hat. Da war ihm kein Brief, kein Telefongespräch und auch keine Reise zu viel. Nach vorsichtigen Schätzungen hat er Tausenden von Menschen auf diese Weise geholfen.

Hier in diesem Bemühen, von dem er nur selten sprach, offenbarte sich etwas vom Wesen des Menschen Herbert Wehner, das sich auch denen, die ihm nahestanden, nur langsam in all seinen Dimensionen erschloß. Hier offenbarte sich ein Stück von jener Substanz und Dichte, die ihn ein Leben bestehen ließ, an dessen Herausforderungen und Prüfungen viele andere gescheitert wären und auch gescheitert sind. Zu dieser Substanz gehörte die Nächstenliebe; eine Nächstenliebe, die – mehr, als vielen bewußt war – in seinem christlichen Glauben wurzelte. Einem Glauben, den er übrigens bei nicht wenigen Gelegenheiten auch öffentlich bekannte, indem er sich auf die Bergpredigt berief oder aus dem 23. Psalm und dem Brief des Paulus an die Korinther zitierte. Wie ich schon erwähnte, ist er während der Haft in Schweden zu dem Glauben seiner Kindheit zurückgekehrt (zerlesene schwedische Bibel). Zu dieser Substanz gehörte auch ein hohes Maß an Sensibilität und Selbstdisziplin, mit deren Hilfe er letztlich die vulkanischen Kräfte bändigte, die in ihm wohnten. Dazu gehörte schließlich eine seltene Vitalität, eine schier unerschöpfliche Lebenskraft, die erst in den letzten Jahren an ihre Grenze gelangte und dann allmählich versiegte.

Wie sehr er bei all dem auch der leisen und zarten Töne fähig war, zeigen nicht wenige seiner Briefe. Und auch die rührende Sorge, mit der er Lotte Burmester, seine 1979 verstorbene Frau, in den Wochen und Monaten ihrer schweren Krankheit bis zum letzten Tag beistand, gehört zu dieser Seite seines Wesens, die nicht für jedermann offen zutage lag.
Und noch etwas charakterisiert ihn. Nämlich seine Anspruchslosigkeit und seine Integrität. Gewiß: Er wußte mit der Macht umzugehen. Aber er verschmähte es, daraus für sich Vorteil zu ziehen. Alles, was ihn selbst betraf, war bis zur Kargheit einfach und auf wohltuende Weise altmodisch. Seine Reihenhauswohnung am Heiderhof in Bonn und sein Ferienhaus in Schweden eingeschlossen. Und auch das war ein Grund dafür, daß ihn mehr und mehr Menschen achteten und bewunderten. Die überheblicherweise von manchen so genannten „kleinen Leute“ zumal.

Bleibt die Frage nach den Vorwürfen und Verleumdungen, denen er nach 1945 ausgesetzt war und die selbst nach seinem Tode in gewissen Abständen von neuem erhoben werden. Sie beziehen sich hauptsächlich auf die Jahre des Moskauer Exils und die Frage, wie sich Herbert Wehner dort verhalten hat. Die Meyer’sche Biographie läßt keinen Zweifel daran, daß Herbert Wehner in dieser Zeit ein überzeugter und linientreuer Kommunist war. Einer auch, der deshalb die sogenannten Trotzkisten entschieden bekämpfte. Meyer widerlegt aber akribisch den Vorwurf, Wehner sei der eigentlich Verantwortliche für die damaligen Stalin’schen Säuberungsmaßnahmen gegen deutsche Kommunisten gewesen. Übrig bleibt, daß er ein Rädchen des riesigen Verfolgungsapparates des NKWD und überdies selbst vorübergehend von gefährlichen Sanktionen bedroht war. Es wäre gut, wenn die Debatte über diesen Punkt nunmehr endgültig beendet werden könnte. Ebenso aber auch die über die daraus abgeleiteten Behauptungen, Herbert Wehner habe auch nach 1946 in konspirativer Verbindung mit der sowjetischen Führung oder der Führung der DDR gestanden. Denn gerade diese Behauptungen entlarvt Meyer als üble Verleumdungen zum Zwecke der Diffamierung eines politischen Gegners.
Andere Vorwürfe betreffen die Spannungen zwischen Herbert Wehner und Willy Brandt in den siebziger Jahren und den Konflikt, zu dem es 1973 im Anschluß an die Äußerungen Wehners während einer Delegationsreise nach Moskau kam. Wenn man sie auf ihren Kern zurückführt und der jeweiligen journalistischen Zutaten entkleidet, bleibt die unterschiedliche Persönlichkeitsstruktur der beiden und die Ungeduld Wehners bei der Umsetzung der Ostpolitik. Eine Ungeduld, die Willy Brandt in der Form, in der sie ihm übermittelt wurde, in der Tat verletzte. Manche mögen das anders sehen. In der Tat haben sich ja Willy Brandt, Herbert Wehner und auch Helmut Schmidt gegenseitig nicht immer innig geliebt, aber sie haben doch immer wieder zur Zusammenarbeit an dem großen gemeinsamen Projekt gefunden, das Wehner im Dezember 1960 in einem Brief an Brandt, dessen Nominierung als Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl 1961 er nachdrücklich unterstützt hatte, so umriß: „Eine Sozialdemokratie zustande zu bringen, die den Anforderungen der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts gerecht werden kann, das heißt, die nicht am Kommunismus zerbricht und in ihrem Volk eine unentbehrliche gestaltende Kraft nicht nur in ihrer eigenen Vorstellung wird.“
Wir sollten jedoch keinesfalls denen auf den Leim gehen, die noch im Nachhinein Spaltkeile zwischen die wichtigsten gestaltenden Persönlichkeiten der Sozialdemokratie in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts treiben wollen.

Herbert Wehner war niemand, der sich für unfehlbar hielt. Vielmehr haderte er mit sich selbst wegen seines frühen Irrtums, der ihm stets bewußt blieb. Er wollte nicht nur, daß sich das deutsche Volk „wieder gut machte“. Er wollte sich auch selbst „wieder gut machen“. Darin wurzelte letzten Endes sein ganzes Engagement von dem Zeitpunkt an, in dem er seinen Irrtum erkannte.
In den letzten Jahren seines Lebens ist es um Herbert Wehner still geworden. Die Krankheit bemächtigte sich seiner immer mehr und die Augenblicke des Erinnerns wurden seltener. Zwei Reisen in seine alte Heimat in den Jahren 1985 und 1986 verschafften ihm solche Augenblicke, in denen er manches wiedererkannte. Den Fall der Mauer hat er nicht mehr bewußt wahrgenommen. Geradezu tragisch erscheint mir, daß er die deutsche Einigung, für die er so nachdrücklich eingetreten ist, nicht mehr erleben konnte. Auch die tiefe Freude, mit der ihn die Wiedererrichtung der Frauenkirche in seiner Heimatstadt Dresden erfüllt hätte, blieb ihm versagt.

Daß er bis zu seinem Tode noch in Würde existieren konnte, verdankte er der Pflege seiner Frau Greta. Auch vorher war sie ihm jahrzehntelang eine unermüdliche Helferin. Dafür danken wir ihr gerade an diesem Tage mit großem Respekt.
Was würde – und damit schließe ich – Herbert Wehner uns Heutigen sagen? Was würde er seiner Partei raten, die sich ja wiederum, wie vor vierzig Jahren, in einer Großen Koalition befindet? Man soll sich da mit seinen eigenen Vermutungen nicht überheben. Aber in fünf Punkten bin ich mir doch ziemlich sicher. Nämlich, daß er raten würde:

  • Bleibt eine Mitgliederpartei, werdet nicht zu einem Wahlverein und unterschätzt nicht, wieviel von der organisatorischen Stärke abhängt.
  • Gebt Euch keinem Wunschdenken hin, sondern nehmt die veränderten Realitäten zur Kenntnis und gebt realistische Antworten auf die neuen Herausforderungen. Aber haltet an den Grundwerten Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität fest und meßt auch die neuen Antworten an ihnen.
  • Engagiert Euch für ein freiheitlich, sozial und demokratisch verfaßtes und auf allen politischen Feldern handlungsfähiges Europa.
  • Arbeitet fair mit dem Koalitionspartner zusammen. Aber wahrt das eigene Profil.
  • Schließlich: Vergeßt die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie nicht. Meine Generation ist auf härtere Proben gestellt worden und hat sie bestanden. Gerade auch deshalb: Bekämpft das Wiederaufleben nationalsozialistischer Ideen und Parolen und insbesondere das gewalttätige Wiederaufleben von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit mit aller Kraft.

    Ja: Das Nie wieder! Nicht noch einmal! ist wohl sein aktuellstes Vermächtnis. Wir wollen es beherzigen.