Interview mit dem DGB-Vorsitzenden Guntram Schneider

Zeit zur Einarbeitung in sein neues Amt hat Guntram Schneider nicht. Der Streik im Öffentlichen Dienst und die Verhandlungsrunden zwischen IG-Metall und Arbeitgebern geben ihm den Rhythmus vor. Gerade kommt er aus der Düsseldorfer Uni-Klinik. Auch dort wird gestreikt.

„Wir werden sehr deutlich machen, was wir in wichtigen Politikfeldern von der neugewählten Landesregierung halten“, sagt der frisch gewählte DGB-Vorsitzende im Bezirk Nordrhein-Westfalen. Als Beispiel nennt er die Auseinandersetzung im Öffentlichen Dienst. In einer Zeit der vielfältigen Angriffe auf die sozialen Sicherungssysteme und auf die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Betrieb, so Schneider, sei nicht nur die Sprache der Diplomatie gefragt. „Manchmal muss man auch das Florett durch den Säbel ersetzen.“ Damit trifft der IG-Metaller die Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen. „Was sich zur Zeit abspielt, ist hohe Politik“, resümiert Schneider die harten Auseinandersetzungen zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberlager. Eine Herausforderung für die Gewerkschaften: Gefragt sind mehr denn je kluge Konzepte, die die Arbeitnehmervertreter den Spar-, Kürzungs- und Rationalisierungsvorstellungen privater und öffentlicher Arbeitgeber entgegensetzen. Schneider empört sich über Unternehmen, die profitable Arbeitsplätze in Deutschland abbauen, weil sie woanders noch profitabler sind. Dabei nehmen sie auch noch Subventionen mit. „Das muss steuerliche Konsequenzen haben,“ appelliert er an die Politik. „Hier darf man die Konfrontation nicht scheuen.“ Unausweichlich scheint Schneider die Einführung eines Mindestlohnes in Deutschland. Er verweist auf die 19 europäischen Länder, die ihn erfolgreich eingeführt haben. Wie im Baugewerbe soll die unterste Lohngruppe verbindlich werden, in Branchen ohne Tarifverträge würden sich auch Wege finden. Um die gewerkschaftliche Dachorganisation in Nordrhein- Westfalen politisch schlagkräftiger zu machen, will Guntram Schneider die Strukturen im eigenen Hause wo nötig verändern. Er will die richtigen Prioritäten setzen. Neben der Arbeitsmarktpolitik, Konsolidierung der öffentlichen Haushalte und einer industriepolitischen Initiative hat das Thema Bildung einen hohen Stellenwert. Ausbildungsplätze stehen weiterhin nicht in ausreichender Menge zur Verfügung. Schneider fordert deshalb von den Unternehmen, erheblich über Bedarf auszubilden. „Die Ausbildungsplatzumlage ist noch nicht von der Tagesordnung“, mahnt er. Guntram Schneider spart nicht mit Kritik an den Hartz-Gesetzen. Er fordert deutliche Nachbesserungen. In der einen oder anderen Frage kommen Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie seiner Meinung nach zu unterschiedlichen Auffassungen. Doch plädiert er dafür, das Gemeinsame zu betonen. Gute Arbeitsgrundlagen dafür gibt es.

Steckbrief Guntram Schneider

Der gebürtige Gütersloher und gelernte Werkzeugmacher begann 1974 mit der Gewerkschaftsarbeit. Damals wurde er Jugendsekretär des DGB-Bezirks Bielefeld. Bis 1976 war er zugleich Leiter der DGB Nebenstelle Halle/Westfalen und von 1976 bis 1982 leitete er die Abteilung Jugend und später das Büro des Vorsitzenden im DGB- Landesbezirk NRW. Von 1982 bis 1985 war er Referatsleiter beim DGB-Bundesvorstand in den Abteilungen Technologiepolitik und ausländische Arbeitnehmer. Zwischen 1985 und 1990 war Schneider Kreisvorsitzender des DGB Dortmund. Zur IG Metall wechselte er 1990 als Sekretär der Vorstandsverwaltung, bevor er 1995 in Münster Bevollmächtigter wurde. Schneider gehört seit 1971 der SPD an.