Rede von Franz Müntefering anlässlich des Staatsakts für Johannes Rau

Verehrte Christina Rau,

sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin von Dinther,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident Rüttgers,
sehr geehrte Trauergemeinde.

Wir gedenken hier gemeinsam
eines außergewöhnlichen Mannes,
eines bedeutenden Politikers,
eines großen Sozialdemokraten.

Wir trauern um Johannes Rau.

Wir trauern mit Ihnen, Frau Rau und mit Ihren Kindern.
Der Tod in seiner Endgültigkeit macht Trost spenden schwer. Wir wünschen Ihnen Kraft und Lebensmut für diese schwere Zeit.

Johannes Rau hat die Werte der Sozialdemokratie
lebendig gemacht.
Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität konkret
werden zu lassen und erfahrbar, – das hat ihn angetrieben in seinem politischen Denken und Handeln.

Er wusste um die Kraft der sozialdemokratischen Idee. Und um die Verantwortung, aus ihr praktische Politik zu machen.

Dass wir die Schutzmacht der kleinen Leute sein wollen.
Dass niemand ins Bergfreie fallen darf.
Das waren Maximen, die er oft ansprach und einforderte.
Mit Leidenschaft in der Sache, mit Augenmaß für das Mögliche und mit der Verantwortung fürs Ganze.

Der Partei war er eng verbunden. Hat sich manches Mal auch vor ihren Karren spannen lassen.
Er hat uns Impulse gegeben und uns angespornt.
Aber er ging nicht in der Partei auf. Parteimann oder gar parteiisch war er nicht.
Er war und blieb authentisch er: Johannes Rau.

Die Sozialdemokratie hat Johannes Rau viel zu verdanken. Er hatte einen Kompass. Deshalb konnte er den Weg zeigen in besonderen Zeiten, auch in schwierigsten Situationen. Wenn der Kurs unklar war und wenn Personen keine gemeinsamen Wege fanden.

Die politische Energie von Johannes Rau speiste sich immer auch aus einer zweiten Quelle – und vielleicht war das überhaupt seine erste, denn die essenziellen menschlichen Fragen werden nicht in Parteiprogrammen beantwortet. Da war er sich ganz sicher.

Wer ihn erlebte erfuhr: Er war Christ und getragen von seinem Glauben. „Ich halte, weil ich gehalten werde“ – das Wort der Bekennenden Kirche war sein Leitspruch. Er war sich der Dinge gewiss, wie es ein Mensch nur sein kann. Nicht ohne Zweifel – Skepsis und Verzagtheit waren ihm nicht fremd -, aber im Kern und wenn es darauf ankam, voller Glaube an die Hoffnung und an die Liebe.

Ich habe ihn nie frömmelnd erlebt, aber dass er glaubte und dass ihm dies Kraft gab, das versteckte er nicht. Man trifft nicht viele in der Politik, die da so eindeutig sind.

„An ihren Taten sollt ihr sie erkennen“. Er war erkennbar.Nie aufgeben, auch nach schweren Niederlagen und Krankheiten nicht, immer die Hoffnung haben, dass es morgen und übermorgen weitergeht. Dass es besser werden kann. Für Johannes Rau war das selbstverständlich.

Politische Anfeindungen und Diffamierungen trafen ihn persönlich und hart; eine dicke Haut hatte er nicht. Aber er hatte Statur und einen Blick für das Richtige und das Wichtige.

Ganz besonders lag ihm Nordrhein-Westfalen am Herzen. Er hat nicht nur in diesem Land gelebt, sondern auch für dieses Land. Er hat es von Herzen gemocht. Johannes Rau hat das Land gestaltet und ihm gedient.

In Wuppertal, in Düsseldorf. Wohl keine Gemeinde in NRW, in der er nicht war. In der er keine Freunde gehabt hätte. Über enge Parteigrenzen hinweg.
Engagiert und gelassen, wie er war.
Entschlossen und voller Humor, ausdauernd, ein Leben lang. Er hat dazu beigetragen, dass aus Westfalen, Rheinland, Ostwestfalen und Lipperland „WIR in NRW“ werden konnte. Die Identifikation der Menschen mit dem Bindestrichland NRW – das war auch sein Werk.

Und er hat in seinen 20 Jahren als Landesvater die schwierigen Umbrüche des Landes begleitet, die sich aus der Krise bei Kohle und Stahl ergeben haben. Er hat Weichen gestellt. Vor allem weil er früh erkannt hat, dass Bildung und Forschung die Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit des Landes sind.

Er hat auch Universitäten gebaut, weil er ein Aufklärer war, ein Liberaler, der wollte, dass die Menschen Bildung haben können. Dass sie Bescheid wissen können. Er wusste, dass gleiche Bildungschancen für alle die Grundlage für soziale Gerechtigkeit und für eine freie Gesellschaft gleicherweise sind.

Sein Wirken als Bundespräsident war die konsequente Fortsetzung seines politischen Lebensweges. Dann allerdings jenseits der Parteipolitik.

Zu vielen Menschen hat er gesprochen, über die Medien zu allen im Land. Er hat Briefe geschrieben und telefoniert. Denn der direkte Kontakt bedeutete ihm viel.
Jede und jeder Einzelne war ihm wichtig.
Und all dies hatte eine zentrale tragende Melodie:
Vertrauen.
Vertrauen schaffen und sichern und vertreten.
Vertrauen haben.
Vertrauen in sich, in die Anderen, in das Leben.
Johannes Rau war ein Mutmacher ohne billigen Optimismus. So habe ich ihn erfahren.

Schon 1958 in seinem ersten Wahlkampf hat er auf Plakaten um Vertrauen geworben. Er wusste um die Kraft aber auch die Verantwortung, die daraus erwachsen kann.

Zum Abschluss seiner Amtszeit als Präsident hat Johannes Rau uns Politikerinnen und Politiker gemahnt, das Vertrauen in die Kraft des sozialen Zusammenhalts und der Politik nicht zu verspielen.
Vertrauenswürdig zu sein. Er hat sich ein Leben lang um dieses Vertrauen bemüht.

Für Johannes Rau war Politik nie nur das „Durchführen von Maßnahmen“ sondern ein andauerndes Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern.

Das Vertrauen der Menschen in die Politik, in die soziale Marktwirtschaft und die soziale Ordnung ist wichtig. Politik darf dieses Vertrauen nicht enttäuschen – denn es ist die Grundlage für alles demokratische Handeln. So sah er das.

Er war ein Mann des Wortes. Und da manchmal auch penibel. Eigenarten, z. B. der Sauerländer Mundart, hat er mir nicht immer durchgehen lassen. Unvollständige Sätze hatten seine besondere Wertschätzung nicht.

Was aber wichtiger war: Er hat das unzulängliche Instrument Sprache, das zwischen Menschen so oft zu Missverständnissen statt zum Verstehen führt, in ungewöhnlicher Weise beherrscht und genutzt.
Er konnte mit dem Wort umgehen.

Seine Sprache war so gar nicht dröhnend, nicht lautsprecherisch. Sondern in aller Regel behutsam, bedächtig – weil bedacht.
Man darf – das drängt sich auf beim Bibelmenschen Johannes Rau – die Schrift bemühen:
„Am Anfang war das Wort“ – so beginnt das Johannes-Evangelium. Aus dem Wort ist alles geworden, sagt der Evangelist, nichts was geworden, ward ohne das Wort. Worte haben Kräfte, schöpferische, auch zerstörerische. Worte können Sinn stiften, aber auch vernichten. Sie können zerrütten, aber auch Vertrauen schaffen.
Sie können spalten, aber sie können auch versöhnen.

Man konnte von Johannes Rau lernen, auf das eigene Wort zu achten.
Denn man konnte an ihm erfahren, was das Wort bewirken kann.

Mich hat die Macht seines Wortes zum ersten Mal 1977 auf dem Landesparteitag in Duisburg berührt. Friedhelm Farthmann und Johannes Rau wollten Landesvorsitzender werden. Nachfolger von Werner Figgen. Für meinen Bezirk Westliches Westfalen war vorher klar:Friedhelm Farthmann sollte das machen.

Dann aber hat Johannes Rau geredet – und alles kam anders. Im zweiten Wahlgang, mit 158:155. Er wurde Landesvorsitzender, weil er sich in die Herzen und in Köpfe geredet hatte. „Seine Rede brachte Rau den Sieg“, schrieb die Westdeutsche Allgemeine. So war es. Johannes Rau hatte diese Gabe. Er wusste mit Worten zu überzeugen. Wobei ihm auch bewusst war: Das Wort ist wenig ohne den, der es sagt. Es muss zu ihm passen. Bei ihm passte es.

Im Wahlkampf hat er über vermeintlich Nebensächliches gesprochen, über den Alltag, über persönliche Erlebnisse. Auch Humorvolles – und immer eine Anekdote waren dabei. Dass da einer war, der anders redete – erfolgreich anders -, das haben nicht alle gleich erkannt:
Ministerpräsident Heinz Kühn – mittlerweile darf man diese Anekdote wohl erzählen – wollte Johannes Rau in den 70ern eigentlich zum Arbeits- und Sozialminister machen. Er hatte es ihm eigentlich schon zugesagt.

Beim Spaziergang um den Schwanenspiegel am alten Landtag hat er ihm dann aber eröffnet, dass das nicht ginge: Für Arbeit und Soziales bräuchte man jemand – so Heinz Kühn -, der Vertrauen gewinnen und mit den Kumpels auch mal ein Bier an der Theke trinken gehen könne. Johannes Rau hat sich später fröhlich an diese Episode erinnert.

Johannes Rau wurde also Minister für Wissenschaft und Forschung – und ein paar Jahre später Nachfolger von Heinz Kühn. Und er blieb es gute, lange Zeit. Er hatte wie kein Zweiter das Vertrauen der Menschen im Land gewonnen. Mit nur scheinbar beiläufigen Worten. Leise und machtvoll.

Johannes Rau war ein Freund Israels. Er durfte als erster Deutscher die deutsche Sprache in die Knesset, ins israelische Parlament tragen. Gerade auch angesichts der offenen und der latenten Konflikte im Nahen Osten hat ihn die Sorge um die friedliche Perspektive des israelischen Volkes und der gesamten Region bis in seine letzte Zeit begleitet. Kein Gespräch mit ihm, in dem er nicht irgendwann auf diese Herausforderung und Mitverantwortung hinwies.
Shalom, Johannes.

Wir verneigen uns mit großem Respekt und voller Freundschaft vor Johannes Rau.
Wir sind dankbar,dass wir ihn erlebt haben
und dass er einer von uns war.