Rede von Jochen Dieckmann zum Tode von Johannes Rau

Wir trauern um Johannes Rau. Mit uns trauern viele Menschen – in Deutschland und in der ganzen Welt. Sie trauern um den Bundespräsidenten, den Staatsmann, den liebenswürdigen Menschen.

Wir in NRW sehen wir in ihm immer noch den Ministerpräsidenten, "unseren" Landesvater, wir hier in der Fraktion auch den Landtagsabgeordneten – und vor allem den Sozialdemokraten.

In diesen Tagen werden sie zu recht immer wieder aufgezählt – seine Verdienste um unser Land: Wie kein anderer hat er Nordrhein-Westfalen geprägt, das gestehen ihm jetzt auch seine Gegner und Kritiker zu.

Wir werden es nicht vergessen: es war der junge Wissenschaftsminister Rau, der unsere Hochschulllandschaft erweitert und gestärkt hat.

Wir werden es nicht vergessen: es war der Ministerpräsident Johannes Rau, der unser Land führte und den Menschen zur Seite stand, als es dran ging, den Strukturwandel zu bewältigen.

Wir werden es nicht vergessen: es ist Johannes Rau, dem wir das Leitmotiv "Wir in NRW" verdanken. Er hat es zum Erfolg gemacht, indem er es vorlebte. Die Unterschiede zwischen Rheinländern, Westfalen und Lippern sind dabei nicht geringer geworden, aber wir verdanken ihm das Bewusstsein, ein Land zu bilden, in dem aus Vielfalt Kraft wird.

Johannes Rau war einer der ganz Grossen in der sozialdemokratischen Partei – so hat Matthias Platzeck gesagt. Er hat Recht. Wie kaum jemand anders verkörperte Johannes Rau unsere Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität.

Sein Fundament war die Bergpredigt. Damit ist er bei uns nicht allein – mancher Christ ist in die SPD gekommen und ist dort heimisch geworden. Sozialdemokrat sein aus christlicher Überzeugung – das gilt nach wie vor für viele von uns. Auch wenn nicht jeder so weit geht wie Johannes Rau, wenn er sagte: "Wie kann man denn ohne Bergpredigt Politik machen? Und wenn man dann eine solche Frage stellt, wird man schon zum Schwärmer oder zum Träumer erklärt, jedenfalls gerät man in den Verdacht, sanftmütig zu sein, was heute offenbar so viel wie "politisch untauglich" heißt. Wer glaubt, im politischen Geschäft hätten Sanftmut oder auch Barmherzigkeit nichts zu suchen, der hat nicht verstanden, was Aufgabe der Politik ist."

Johannes Rau war es wichtig, dass die Menschen und gerade Christen sich engagieren für die gemeinsame Sache, das Gemeinwohl. Er sagte es nicht so knapp wie sein väterlicher Freund Gustav Heinemann, der gesagt haben soll: "Wer nicht handelt, der wird behandelt". Johannes Rau hat bei vielen Gelegenheiten die Notwendigkeit unterstrichen, sich politisch und gesellschaftlich zu engagieren.

Erhard Eppler hat geschrieben: "Niemand kann Johannes Rau nachahmen. Aber lernen von ihm kann man schon."

Was also können wir von ihm lernen?

Für mich ist das wichtigste die Glaubwürdigkeit. Johannes Rau machte keine großen Ankündigungen – im Gegenteil: sein Satz "Immer das sagen, was man tut – und das tun, was man sagt." bedeutet den Verzicht auf schnelle Ankündigungen. Den hat er auch gelebt:

Bei der Begegnung mit den demonstrierenden Arbeitern in Rheinhausen gab jemand ihm den Rat, in der Ansprache eine Garantie für die Arbeitsplätze abzugeben. Johannes Rau sagte: "Das kann ich nicht, das sage ich nicht". Auch als er bei der letzten Grubenfahrt in der Zeche Sophia Jacoba in Hückelhoven dabei war, wäre es einfach gewesen, ein solches Versprechen abzugeben. Aber er kümmerte sich darum, dass etwas geschah. Und das wussten und wissen die Betroffenen mehr zu schätzen als einen schnellen Spruch. Wie jemand formuliert hat: "Die Menschen wussten: der tut für uns, was er kann. Er kann sich irren, aber er führt uns nicht hinters Licht".

Eng mit der Glaubwürdigkeit verbunden ist die Zuwendung zu den Menschen. Das meint nicht das Kumpelhafte, das Distanzlose. Das war nicht Johannes Rau’s Sache. Aber er hörte zu – und handelte dann. So ist das Vertrauen der Menschen in Johannes Rau von Jahr zu Jahr gewachsen. Auch wir sollten gelegentlich wieder darauf achten zuzuhören – ganz im Sinne von Johannes Rau: "Man hat bei manchen Politikern das Gefühl, Rednerschulen haben sie besucht, aber in Zuhörerseminaren sind sie nie gewesen."

Darüber hinaus nenne ich Geduld und Ausdauer, oder besser Beharrlichkeit in der Verfolgung von Zielen.

Er hat Konflikte nicht gescheut. In Kampfkandidaturen setzte er sich sowohl als Landesvorsitzender der SPD wie als Ministerpräsidenten-Kandidat durch.

Johannes Rau hat auch Niederlagen erlitten, er hat auch schwierige Stunden und Tage erlebt:

Seine Kandidatur gegen Bundeskanzler Helmut Kohl war ohne Erfolg.

Der Brandanschlag von Solingen hat ihn getroffen. Jetzt erst erfahren viele davon: er hat mit dem Gedanken gespielt, sein Amt aufzugeben

Mit der unsäglichen sog. Flugaffäre versuchten die damalige Landtagsopposition, an der Spitze ihr Vorsitzender Laurenz Meyer, und einige Medien ihn zu treffen.

Er blieb davon nicht unberührt. Aber es hat ihn nicht beschädigt.

Als Johannes Rau im Sommer 2004 das Amt des Bundespräsidenten an Horst Köhler abgab, war er fast 50 Jahre politisch aktiv. Das Amt des Bundespräsidenten war für ihn die Krönung seines politischen Lebens. Er hat es mit seiner Persönlichkeit ausgefüllt. Er war ein großer Bundespräsident.

Wir Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen in Nordrhein-Westfalen sind ein langes Stück Weg mit ihm gegangen. Dafür sind wir dankbar.

Manfred Dammeyer hat es beim Abschied der Fraktion vom Landtagsabgeordneten Johannes Rau im Mai 1999 gesagt: "Johannes Rau war einer von uns, er ist einer von uns und er bleibt einer von uns."

Wir trauern mit seiner Frau Christina und seinen Kindern.