Matthias Platzeck würdigt Johannes Rau

Matthias Platzeck
Matthias Platzeck

Der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck, würdigt Bundespräsident a. D. Johannes Rau anlässlich seines 75. Geburtstages am 16. Januar 2006:

"Johannes Rau, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, ist einer der herausragendsten und beliebtesten Politiker unseres Landes. Seit fast fünfzig Jahren ist er Sozialdemokrat. Er hat seitdem die Geschichte der Bundesrepublik entscheidend mitbestimmt und mitgestaltet.

Er hat sich der Politik zugewendet, weil er immer davon überzeugt war, dass unsere Welt besser sein könnte, als sie ist, und dass es gerechter zugehen sollte, als es zugeht. Er hat in all seinen Ämtern gegen Ungerechtigkeit gekämpft und sich mit ganzer Kraft für mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität eingesetzt. Der SPD hat er in vielen kritischen und schwierigen Situationen Selbstvertrauen und Siegeswillen vermittelt.

Sein unvergleichliches politisches Lebenswerk begann auf der kommunal- und landespolitischen Ebene in Nordrhein-Westfalen. Als Oberbürgermeister, als Abgeordneter, als Wissenschaftsminister und schließlich als Ministerpräsident hat Johannes Rau sich unschätzbare Verdienste um das größte Bundesland und seine Menschen erworben. In seiner Zeit als Wissenschaftsminister liegt die Gründung zahlreicher neuer Universitäten. Ohne diese Förderung des Wissenschaftsstandortes mit neuen zukunftsweisenden Investitionen wären die schwierigen Strukturprobleme des Landes nicht zu bewältigen gewesen. Als Ministerpräsident hat Johannes Rau den notwendigen Strukturwandel in Nordrhein-Westfalen mit Augenmaß und Weitsicht vorangetrieben. Er hat bei allem raschen Wandel den Menschen Sicherheit, Zuversicht und Orientierung gegeben.

Sein politisches Wirken war für die Menschen in Nordrhein-Westfalen Identität stiftend: Es zeigte sich in einem neu gewonnenen Selbstbewusstsein und Zusammengehörigkeitsgefühl. "Wir in Nordrhein-Westfalen" war Ausdruck dafür. Johannes Rau gehörte dem nordrhein-westfälischen Landtag vierzig Jahre lang an und er war zwanzig Jahre ein Ministerpräsident, der von vielen Menschen als ihr "Landesvater" geschätzt und verehrt wurde. Mit seinem besonderen Politikstil Gemeinsamkeiten zu betonen, statt Gegensätze hervor zu heben, ist es Johannes Rau immer wieder gelungen, die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler für sich zu gewinnen.

Dieser besondere Politikstil ist in seiner unbedingten Mitmenschlichkeit begründet. Johannes Rau ist als Person glaubwürdig und die Menschen vertrauen ihm deswegen. Allein durch dieses Vertrauen ist politische Macht für Johannes Rau demokratisch gerechtfertigt.

Johannes Rau ist geprägt durch seinen tiefen, christlichen Glauben. Sein Wahlspruch "Ich halte stand, weil ich gehalten werde" drückt diese Verankerung im Glauben aus.

All dies prädestinierte ihn in einem ungewöhnlichen Maß für das Amt des Bundespräsidenten. Auch als Staatsoberhaupt ist Johannes Rau sich auf beeindruckende Weise treu geblieben. Seine Amtszeit von 1999 bis 2004 war von tief greifenden Veränderungen im Land und erschütternden Ereignissen weltweit geprägt. Auch im höchsten Staatsamt hat er die Ängste und Sorgen vieler Menschen aufgenommen und Lösungen und Wege zur Bewältigung der anstehenden Probleme aufgezeigt. Er tat dies nicht nur in seinen "Berliner Reden", sondern – wie auch in all seinen Ämtern vorher – in zahlreichen persönlichen und brieflichen Kontakten.

Als Bundespräsident hat Johannes Rau auch immer auf die Stärken unseres Landes und seiner Menschen hingewiesen. Alle, die in Deutschland Verantwortung tragen, hat er in seiner letzten großen Rede als Bundespräsident dazu aufgerufen, das Vertrauen in Deutschland wieder herzustellen.

Die Würdigung des politischen Lebenswerkes von Johannes Rau wäre unvollständig ohne die Anerkennung seines lebenslangen Einsatzes für die Aussöhnung mit Israel. In einer historischen Rede vor der Knesset hat er als erster deutscher Präsident um Vergebung gebeten für das unermessliche Verbrechen des Holocausts. Das Wiedererblühen jüdischen Lebens in Deutschland ist ihm ein Herzensanliegen und unverzichtbarer Teil unserer Kultur.

Ich gratuliere Johannes Rau herzlich zum 75. Geburtstag und danke ihm – auch im Namen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands – für die geleistete Arbeit. Er hat sich um unser Land und seine Menschen verdient gemacht. Sein langjähriger Einsatz in vielen wichtigen Ämtern und Funktionen hat die SPD geprägt. Vieles wird bleiben und viele Jüngere, inner- und außerhalb der SPD, zählen weiter auf seinen klugen Rat.

Wir sind stolz darauf, dass Johannes Rau einer von uns ist, und freuen uns auf seine kritische, immer wohlwollende und weiterführende Begleitung in den kommenden Jahren. Wir wünschen ihm alles erdenklich Gute zum Geburtstag: Gesundheit, Glück und Zufriedenheit."