Hans-Jochen Vogel: Rede auf dem NRWSPD-Programmkonvent

Rede von Hans-Jochen Vogel auf dem Programmkonvent der NRWSPD
Hans-Jochen Vogel erntete in Bochum stürmischen Applaus

Lieber Peer Steinbrück,
lieber Harald Schartau,
verehrte Anwesende,
liebe Genossinnen und Genossen,

ich habe im Laufe meines Lebens in vielen Eigenschaften an Parteiveranstaltungen und Parteitagen teilgenommen. 1956 zum ersten mal als Gast an einem Bundesparteitag in München, dann als Delegierter, als Referent, als Mitglied der Antragskommission und am Schluss als Parteivorsitzender.
Auch als Nothelfer bin ich schon gelegentlich gebeten worden, wenn ein Referent plötzlich ausfiel; wobei ihr das hier wirklich genial gemacht habt. Im Alphabet folgt der Vogel ganz dicht auf den Verheugen, aber als Überraschungsgast auf einem Parteikonvent in Bochum, das ist nun wirklich eine Premiere für mich.
Ich bin gern gekommen, auch wenn die Einladung ein bisschen kurzfristig war und ich inzwischen ein bisschen älter bin. Ich gehöre ja inzwischen schon der Arbeitsgemeinschaft 80 minus an. Aber ich habe Solidarität immer ernstgenommen und Solidarität heißt nicht nur kommen, wenn es um das eigene Interesse und um die eigene Wahl geht, sondern kommen auch dann, wenn man anderen hilft.

Außerdem Peer, du hast ja gerade, wenn ich es richtig mitbekommen habe, in deiner Rede gesagt, man sollte das Potenzial der älteren Mitmenschen stärker nutzen. Na, das habt ihr dann ja offenbar getan. Übrigens komme ich auch gerne mal wieder nach Bochum, da kommen alte Erinnerungen in mir wieder hoch zum Beispiel an den Oberstadtdirektor Petschel, der mein Kollege war. Die Jüngeren meinen, es war kurz nach dem Punischen Krieg. Ich nenne seinen Namen in dankbarer und respektvoller Erinnerung. Und weil ich selber Bürgermeister war, freue ich mich auch über das glänzende Wahlergebnis eurer Oberbürgermeisterin hier in Bochum.

So, jetzt habt ihr den Oberlehrer eingeladen. Klarsichthüllen habe ich aber keine dabei! Und nun: Was hat euch der Oberlehrer zu sagen?

Erstens mal: Die deutsche Sozialdemokratie steht in einer harten Bewährungsprobe. Die ist auch noch nicht vorbei. Aber andere Generationen von Sozialdemokraten vor uns hatten viel härtere Bewährungsproben zu bestehen. Das sollte man nicht vergessen. Die Partei hat nicht begonnen in dem Augenblick, in dem wir jeweils beigetreten sind, sondern wir stehen auf den Schultern von Generationen von Sozialdemokraten vor uns. Wir stehen in einer harten Bewährungsprobe, weil sich die Realität verändert hat – die Wirklichkeit – und weil es neuer Antworten bedarf.
Realität hat sich verändert,

  • erstens durch die Beschleunigung aller Entwicklungen,
  • zweitens durch die Globalisierung, die nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile hat, aber einen entscheidenden Punkt bewirkt, dass die nationalen Rahmenbedingungen für die Wirtschaft nicht mehr so greifen, wie wir das lange gewohnt waren,
  • zum dritten durch die demographischen Veränderungen.
    Da will ich ganz leise sagen: Passt bei euren Planungen gut auf. Die über 60 sind jetzt schon bundesweit bei etwa 21 Prozent. Und wenn ihr nur die Wahlberechtigten nehmt, weil die bis 18 noch nicht dürfen und viele die Staatsangehörigkeit nicht haben, dann sind wir schon an die 27 bis 28 Prozent.
    Und wenn wir die nehmen, die wirklich zur Wahl gehen, dann sind es ungefähr 33 Prozent. Also aufpassen auf diese alten Burschen – und Frauen – natürlich.

    Dann haben sich auch die multiethnischen Strukturen geändert, in denen wir leben. Jedenfalls tritt es stärker ins Bewusstsein. Ich sage nicht multikulturelle, aber multiethnische Strukturen. Und wer wüsste das besser als ihr hier im Ruhrgebiet: Die Veränderung alter gewohnter Milieus und alter gewohnter Strukturen.
    Da reichen die alten Antworten nicht mehr, und da darf man an den Gründer unserer Partei erinnern. Der hat schon gewusst, wie man mit der Wirklichkeit umgeht: Ferdinand Lasalle. Der hat 1862 gesagt: Jede politische Aktion beginnt mit dem Aussprechen dessen, was ist. Und jede Kleingeisterei und Beschönigung beginnt mit dem Verschweigen dessen, was ist!

    Wer die veränderte Realität nicht zur Kenntnis nimmt und aus ihr flieht, ja, der endet rasch in der Opposition. Und ich will auch nicht verkennen, dass mancher sich heimlich dahin sehnt. Aber das wäre Flucht aus der Verantwortung und das ist keine sozialdemokratische Antwort.

    Willy Brandt hat gesagt: Jede Zeit verlangt ihre Antworten. Das ist wohl wahr. Wenn alte Antworten durch neue ergänzt und da und dort ersetzt werden müssen, bleibt eins bestehen; das können Sozialdemokraten nicht auf die Seite wischen. Und das sind unsere Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität.
    Und die neuen Antworten müssen diesen Kriterien standhalten. Sonst verlässt die Sozialdemokratie ihre feste Orientierung und reiht sich ein in diejenigen, die beliebige Tagespolitik machen, und Beliebigkeit kann nicht die Antwort der Sozialdemokratie sein.

    Nun gibt es eine neue Agenda. Mir passt auch nicht jede Einzelheit, das will ich durchaus zugeben, aber wenn man die Agenda insgesamt am Grundwert der Gerechtigkeit misst, dann ist für mich entscheidend:
    Erstens sie zielt daraufhin, dass die Massenarbeitslosigkeit nicht noch weiter steigt, sondern allmählich sinkt. Ich bin mit Äußerungen wie `Halbieren innerhalb von zwei, drei Jahren´ verdammt vorsichtig. Und Arbeitslosigkeit, verehrte Anwesende, ist das größte Unrecht in der Gegenwart: Dass Menschen die arbeiten wollen, und die Mehrheit der heute Arbeitslosen will arbeiten, dass die nicht arbeiten können, ist eine Demütigung und eine Ausgrenzung aus unserer Gesellschaft. Das ist das größte Unrecht unserer Tage. Und hier setzt die Agenda an.

    Und das zweite Unrecht, das ist nicht viel geringer. Das würde eintreten, wenn die Kernbereiche unserer sozialen Sicherung nicht mehr finanzierbar wären. Auch hier versucht die Agenda, eine Antwort zu geben.
    Verehrte Anwesende, es ist für einige zutiefst unsozialdemokratisch irgendetwas gut zu finden, was die eigene Regierung tut. Es ist ja eine sympathische Eigenschaft.
    Nur, wenn man andere Menschen überzeugen will, dass sie sich für die Sozialdemokraten engagieren oder ihr wenigstens ihre Stimme geben sollen, dann passen die natürlich auf, ob auch mal was Gutes gesagt wird über die eigene Regierung, oder ob die lebhaftesten Kritiker sozialdemokratischer Regierungen aus den eigenen Reihen kommen.

    So, da sage ich: Ich war, weiß Gott, nicht immer ein Fan von Gerhard Schröder, hab bei Zeiten durchaus ihm gegenüber den Mund aufgemacht. Aber ich habe großen Respekt vor der Standfestigkeit von Gerhard Schröder und von Franz Müntefering. In zwei Punkten: Punkt eins: Die Festigkeit in der Irak-Frage. Erinnert ihr euch noch, wo überall rumgeschrieben wurde: Deutschland völlig allein, ein Sonderweg. Die ganze Welt schüttelt den Kopf über Deutschland.
    Und was ist heute? Die Antwort, die damals gegeben wurde, hat sich unter allen Aspekten als richtig erwiesen! Und das ist eine Frage der Standfestigkeit.

    Und wenn jetzt die anderen sagen, ja das hat er doch nur wegen der Wahl getan… Ja, verflucht noch mal, warum soll man vor der Wahl nicht etwas Wichtiges und Wahres sagen. Muss man das vor der Wahl verheimlichen? Ich bin vorsichtig im Umgang mit dem politischen Gegner, weil das ja auch meinen eigenen Familienbereich betrifft. Aber man darf der Angela Merkel durchaus in Erinnerung rufen, dass sie damals, als die Sache auf dem Höhepunkt war nach Warschau gereist ist und dem Altkommunisten Leszek Miller die Hand geschüttelt und ihn gepriesen hat, weil er Truppen in den Irak geschickt hat.
    Das darf man schon irgendwo einmal aussprechen.

    Und das zweite ist die Standfestigkeit bei der Umsetzung derAgenda. Ich war selber einige Zeit Parteivorsitzender. Da gehören schon einige Nerven dazu, mehrere Wahlen hintereinander zu verlieren und trotzdem stehen zu bleiben. Und weil man das, was man tut, für richtig hält, den Weggang von Zehntausenden Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten erleben zu müssen. Das tut bitter weh.
    Um so höher ist aber diese Standfestigkeit anzuerkennen. Auch deswegen sieht man jetzt Licht am Ende des Tunnels. Und ihr habt dazu beigetragen, dass das Licht heller wurde, ganz erheblich durch eure Kommunalwahl.

    Im übrigen, die anderen helfen uns ja im Moment! Ich komme aus München und das ist schon bemerkenswert, wie sie jetzt den Nachweis liefern, dass sie keine klare Linie haben und dass sie es nicht besser, sondern schlechter können. Und Gewerkschaftskolleginnen und Kollegen, gut aufgepasst für die nächsten öffentlichen Angriffe: Jetzt ist klar, wer den Flächentarifvertrag abschaffen will, wer die Mitbestimmung abschaffen will und wer den Kündigungsschutz abschaffen will.
    Ich finde aber auch manches gut, was ihr hier in NRW macht, – unter schwierigen Umständen, insbesondere im Ruhrgebiet. Das ist eine verdammt schwere Aufgabe, die Strukturen zu verändern und zu modernisieren und den Menschen dabei dennoch Halt und Hoffnung zu geben.
    Ich glaube, ihr habt das jetzt unter Verantwortung von Peer Steinbrück und Harald Schartau wirklich angefasst. Ich konnte die Rede von Peer Steinbrück ja nicht hören, sonst wäre die Überraschung beim Teufel gewesen. Aber ich konnte sie lesen, und da ist vieles zu finden gewesen, lieber Peer, was ich ausgesprochen gut finde. Im übrigen, wenn NRW im Mai 2005 die Sache schafft, dann ist es auch ein ganz klares Signal für 2006. Aber das Gegenteil gilt auch!

    August Bebel hat immer gesagt: Das Herzstück der Sozialdemokratie ist Hamburg! Aber ich sage heute: Das Herzstück der Sozialdemokratie war und ist NRW und hier das Revier und hier insbesondere, – das sage ich mit Blick auf Hermann Heinemann: Dortmund.
    Und das Herz muss kräftig schlagen, dann geht es auch dem ganzen Körper gut.

    Auf diesem Programmkonvent geht es auch um euer Wahlprogramm .Gut das ihr an der Ausarbeitung des Wahlprogramms schon in einem frühen Stadium die Menschen beteiligt. Aber bitte: Die Sozialdemokratie kann nicht Sozialdemokratie bleiben, wenn sie nicht auch eine reale Vision hat, die über den Tag und über den Tellerrand hinausreicht. Das war im Kaiserreich die Vision von einer demokratischen Republik.
    Das war unter Willy Brandt die Vision der Ostpolitik zur Überwindung der deutschen Spaltung und zur Stärkung der Sicherheit und des Friedens in Europa.
    Und wir dürfen nie vergessen: Für die deutsche Einheit war diese Ostpolitik eine ganz wesentliche und entscheidende Voraussetzung. Das sollten wir uns nicht aus der Hand nehmen lassen.

    Aber ich möchte von einer konkreten Utopie, von einer Vision sprechen. Warum ist die Sozialdemokratie und sind die katholischen und anderen Reformbewegungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden?
    Weil Macht und Wohlstand in dem damaligen Deutschland, es war ja noch eine Summe von Einzelstaaten, grob ungerecht verteilt waren. Aber, verehrte Anwesende: Das war damals ein Klacks gegen die grobe Ungerechtigkeit der Verteilung von Wohlstand und Macht auf unserem Planeten, auf unserer Erde.
    Ist uns eigentlich klar, wenn wir von unseren eigenen Sorgen reden, dass eine Milliarde Menschen auf dieser Erde von weniger als einem Euro am Tag lebt und zwei Milliarden von weniger als zwei Euro ?
    Und ist uns wirklich klar: wie die Macht verteilt ist? Hat schon mal einer nachgedacht: Wenn die internationalen Institutionen, Weltbank, Weltwährungsfond, und insbesondere der Weltsicherheitsrat nach dem demokratischen Prinzip `one man – one vote´ besetzt wären, dann hätten wir Deutschen 1,4 %, wenn alle die deutsche Liste wählen würden. Und die Amerikaner hätten 4,25%.
    Ich bin kein Phantast, aber irgendwo muss man das im Hinterkopf haben.
    Ich sage euch: Wer den Terror überwinden will, der muss dazu – natürlich immer im Einklang mit dem Völkerrecht wohlgemerkt – auch staatliche Gewaltmittel einsetzen zur Abwehr. Aber wer glaubt, er könne damit oder gar mit Präventivschlägen das Problem aus der Welt schaffen, der irrt sich.
    Nur das hartnäckige Streben und der hartnäckige Einsatz für eine gerechtere Weltordnung wird diesen Sumpf austrocknen.

    Und da können wir Sozialdemokraten einmal mehr an Willy Brandt anknüpfen und seine Arbeit in der Nord-Süd-Kommission.
    Noch einmal: Ich weiß, es gibt Probleme, die uns jetzt viel mehr unter der Haut brennen. Aber wer meint, dass wir in dieser geschrumpften Welt auf die Dauer eine solch grobe Ungerechtigkeit der Verteilung von Wohlstand und Macht hinnehmen können, der irrt sich.

    Verehrte Anwesende,
    Die Überraschung ist zu Ende. Ich schließe mit einem herzlichen Glückauf für Nordrhein-Westfalen. Glückauf für die nordrhein-westfälische und für die deutsche Sozialdemokratie!