Die britische Königin Elisabeth II. im Landtag NRW: Rede von Peer Steinbrück

Königin Elisabeth II besucht den Düsseldorfer Landtag
Königin Elisabeth II besucht den Düsseldorfer Landtag
Königin Elisabethh II besucht den Düsseldorfer LandtagKönigin Elisabeth II, Ministerpräsident Peer Steinbrück und Prinz Philip

Majestät,
Königliche Hoheit,

als Ministerpräsident heiße ich Sie herzlich willkommen in Nordrhein-Westfalen.

Ihr Besuch hat eine große Bedeutung für die Menschen in unserem Land.

Das spüren Sie an der enormen Sympathie, die Ihnen entgegen gebracht wird.

Ihr heutiger Besuch ist für Nordrhein-Westfalen ein wichtiger Tag:

1946 stand das Vereinigte Königreich Pate bei der Gründung Nordrhein-Westfalens. Die "operation marriage", die Vereinigung der beiden Teile – das nördliche Rheinland und Westfalen – in ein größeres Land, ist nicht etwa eine journalistische Wortschöpfung. Sie ist Gegenstand der offiziellen Akten in London.

Nach 1965 besuchen Sie das "Patenkind" nun zum zweiten Mal.

Sie tun dies sicher auch, um sich einen eigenen Eindruck davon zu verschaffen, wie sich das Kind entwickelt hat und wie es um seine Beziehungen zum Paten bestellt ist.

Nordrhein-Westfalen ist heute ein anderes Land, als Sie es vor 39 Jahren Kennen gelernt haben. Der Charakter und das Profil des Landes haben sich verändert.

Ein Vergleich beider Besuchsprogramme verdeutlicht dies.

1965 haben Sie ein Stahlwerk in Duisburg besucht. Damals war Nordrhein-Westfalen noch von der Montan-Industrie geprägt.

Heute besuchen Sie, Majestät, moderne Forschung in der Universitätsklinik Düsseldorf, und Sie, Königliche Hoheit, das Designzentrum Nordrhein-Westfalen auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Zollverein.

Nordrhein-Westfalen ist heute ein Land von innovativen Unternehmen und Technologie, Wissenschaft und Forschung.

Und mit einer lebendigen und international hoch anerkannten Kunst- und Kulturszene. Dies hat auch ein großer gegenseitiger Kulturaustausch in den Jahren 2002 bis 2004 unterstrichen.

Nordrhein-Westfalen ist aber auch weiterhin das industrielle Herzland der Bundesrepublik Deutschland und ein Dienstleistungszentrum von europäischer Bedeutung. Es ist vor allem ein wichtiger Sitz für die europäischen Zentralen vieler internationaler Unternehmen.

Und es ein wichtiger Standort für britische Unternehmen. Hiervon zeugt die Ausstellung "Britische Investoren" in Nordrhein-Westfalen, die Sie gleich im Anschluss besuchen werden.

Die Ausstellung verdeutlicht die Vielfalt der ca. 300 britischen Unternehmen in unserem Land. Sie ist beindruckend und umfasst sowohl kleine und mittlere als auch Weltunternehmen, Produktion ebenso wie Marketing und Vertrieb.

Noch intensiver ist die Präsenz nordrhein-westfälischen Unternehmen im Vereinigten Königreich.

Die Enge unserer wirtschaftlichen Verflechtung im europäischen Binnenmarkt zählt deshalb heute zu den festen Banden zwischen unseren beiden Ländern.

Auch politisch hat Nordhrein-Westfalen einen Wandel bewältigt; und zwar einen von historischer Bedeutung.

Als Sie 1965 zu Besuch in Nordrhein-Westfalen waren, war "A Small Town in Germany", wie sie John le Carré in seinem Roman bezeichnet hat, Sitz von Bundestag, Bundesrat und Bundesregierung.

Als Land im Westen hat Nordrhein-Westfalen den Umzug der Bundesorgane nach Berlin zum Anlass genommen, sich noch stärker europäisch zu engagieren und sich verstärkt seinen Nachbarn zuzuwenden.

Vor allem den unmittelbaren Nachbarn, aber auch unseren Nachbarn jenseits des Kanals.

Als Finanzminister konnte ich keine europäische Roadshow zur Platzierung einer Anleihe unternehmen, ohne mich intensiv dem Finanzplatz London zu widmen.

Wir erfahren in wachsenden Ausmaß den Nutzen und die Notwendigkeit des europäischen Austauschs und der europäischen Zusammenarbeit.

Selbst unsere öffentliche Verwaltung bleibt davon nicht ausgenommen. Wir haben festgestellt, dass wir hier besonders von den britischen Erfahrungen mit public-private-partnership Modellen zur Finanzierung der öffentlichen Infrastruktur lernen können.

Und eine regionale Partnerschaft mit Schottland, die wir seit der "devolution" 1999 entwickeln, nimmt immer festere Gestalt an.

Majestät,
Königliche Hoheit,

letztlich ist es der zwischenmenschliche Austausch, der die Intensität und Qualität unserer Beziehungen prägt.

Hierfür stehen heute ein enges Netz an Partnerschaften zwischen Städten, Schulen und Universitäten und zahlreiche deutsch-britische Gesellschaften und Vereinen.

Die "Königswinter Konferenz" hat sich zum zentralen Ort des intellektuellen Austauschs zwischen Deutschen und Briten entwickelt.

Sprachkenntnis zählt zu den zentralen Voraussetzungen von Austausch und Verständigung. Bereits heute verfügen über 130 Schulen an Rhein und Ruhr über deutsch-englische bilinguale Zweige.

Und im jetzt begonnenen Schuljahr haben wir Englisch als Pflichtfach ab der 3. Klasse eingeführt.

Damit wollen wir die Grundlage dafür schaffen, dass künftig alle jungen Menschen die Sprache erlernen und im Erwachsenenalter beherrschen, die ihnen am ehesten Zugang zur internationalen Begegnung eröffnet.

Majestät,
Königliche Hoheit,

Wir haben allen Grund, auf das heute freundschaftliche Verhältnis zwischen Patenkind und Pate und auf das gemeinsam Erreichte stolz zu sein und mit Optimismus in eine gemeinsame Zukunft zu blicken.

Für Ihren Besuch in Nordrhein-Westfalen möchte ich mich bedanken. Sie sind hier von Herzen willkommen.

Quelle: Landesregierung NRW