Schartau will Garantie für Opel Bochum. Interview mit der Westfälischen Rundschau

NRW-Wirtschaftsminister Harald Schartau (SPD) ist für einen Kompromiss bei Opel: Der Konzern gibt eine Bestandsgarantie für das Werk Bochum. Die Arbeitnehmer machen dafür Zugeständnisse. "Die Konzernführung muss den Arbeitnehmern Sicherheiten über den Tag hinaus bieten", sagte Schartau einen Tag vor Beginn der Verhandlungen über die Zukunft des Werks zur Westfälischen Rundschau. "Wenn die Leute wissen, dass der Standort Bochum auf Dauer gesichert ist, werden sie auch zu Zugeständnissen bereit sein". Als Rezept für die Zukunft müsse gelten: "Innovative Produkte, besserer Service, höhere Qualifikation der Mitarbeiter, mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten", sagte der Wirtschaftsminister.

WR: Herr Minister, wie zuversichtlich sind Sie, dass das Bochumer Opel-Werk auch über das Jahr 2006 hinaus bestehen wird?

Schartau: Zuversicht wäre zuviel gesagt. Aber die Chance dafür besteht. Ich glaube, dass die derzeitige Krise zu einem reinigenden Gewitter führen muss.

WR: Es ist im Moment viel die Rede von zu hohen Lohnkosten und zu teuren Strukturen.

Schartau: Wenn am Ende dieses Prozesses nur stünde, dass die Lohnkosten gesenkt wurden, dann müsste man sich weiterhin Sorgen um Bochum machen. Das wäre ein rein defensives Konzept, das weder der Marke noch dem Standort auf Dauer helfen würde. Man darf das Problem nicht auf die Frage reduzieren, wo Autos am billigsten zu bauen sind.

WR: Was aber tun, wenn in Polen die Lohnkosten gerade einmal 25 Prozent der Lohnkosten in Bochum betragen?

Schartau: Diesen Wettlauf um den niedrigsten Lohn können wir nicht mitmachen. Aber: Wenn wir höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten haben als in anderen Ländern, dann müssen wir eben in der Qualität eine Nasenlänge voraus sein.
Das heißt: Innovative Produkte, besserer Service, höhere Qualifikation der Mitarbeiter, mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten.

Dezentralisierung würde gut tun

WR:: Inklusive Lockerungen beim Kündigungsschutz?

Schartau: Nein. Das brächte keine Verbesserungen. Die Debatte um den Kündigungsschutz ist eine reine Gespensterdebatte.

WR: Gerade hat der Opel-Betriebsrat ein neues Unternehmensmodell vorgeschlagen, eine Art Europa AG der europäischen Töchter von General Motors.

Schartau: Dahinter steckt der Wunsch, Opel als ein Unternehmen mit eigenem Spirit, mit eigener Identität dauerhaft am Markt zu etablieren. Ich kann den GM-Managern nur raten, diesen Vorschlag ernst zu nehmen. Eine gewisse Dezentralisierung des Unternehmens würde die Marke ohne Frage stärken.

WR: Nun war Stetigkeit, vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade die Stärke von Opel in den letzten Jahren.

Schartau: So ist es. Der Chefposten bei Opel war mehr ein Art Durchlauferhitzer für weitere Karriereschritte im Mutterkonzern GM. So wächst kein Unternehmensgeist. Die Undurchschaubarkeit von Strukturen ist eines der größten Defizite in dem Unternehmen.
Das einzig Stetige sind die Arbeitnehmervertreter, sie sind Experten im Produktionsbereich und sind nah am Markt. Doch gerade die Kompetenzen der Mitarbeiter wurden über Jahre nicht einbezogen, es gab nur ferngesteuerte Entscheidungen. Das war ein kolossaler Fehler.

Das ist ein Geben und Nehmen

WR: Was ist von den angelaufenen Gesprächen zwischen Konzern und Betriebsrat zu erwarten?

Schartau: Man darf sich nichts vormachen: Das werden ganz harte Diskussionen, und es wird auch schmerzlich werden für die Beschäftigten. Wichtig ist: Die Konzernführung muss den Arbeitnehmern Sicherheiten über den Tag hinaus bieten. Wenn die Leute wissen, dass der Standort Bochum auf Dauer gesichert ist, werden sie auch zu Zugeständnissen bereit sein. Das ist ein Geben und Nehmen.