„Wir brauchen mehr soziale Leidenschaft“

Mehr soziale Gerechtigkeit bei den Reformen in Deutschland fordert der Generalsekretär der NRWSPD, Michael Groschek. Mit ihm sprach Jürgen Zurheide vom Generalanzeiger Bonn.

Generalanzeiger:
Sie wollen sich mehr um ihre Stammwähler kümmern. Wer sind denn überhaupt Ihre Stammwähler?

Groschek:
Dies sind vor allem die Anhänger unserer Partei, die die SPD „von klein auf“ als Schutzmacht der kleinen Leute kennen gelernt haben und wegen ihrer sozialen Verlässlichkeit gewählt haben.

Generalanzeiger
Was wollen Sie für Ihre Stammwähler tun?

Groschek:
Erstens die Sicherheit vermitteln, dass bei den Reformmaßnahmen niemand unter die Räder kommt, denn wir wissen, dass die Menschen sich teilweise existenzielle Sorgen machen. Zweitens praktisch den Nachweis antreten, dass für jeden Jugendlichen eine Ausbildungschance geschaffen wird. Für jedes Kind bieten wir bedarfsgerecht ein Ganztagesschulangebot. Die nächsten Neuerungen am Arbeitsmarkt müssen 100 prozentig sitzen. Hier sind existenzielle Fragen berührt. Wir brauchen ein Signal, dass die sozial schwierigen Stadtteile auch im Westen nicht zu kurz kommen.

Generalanzeiger:
Es kann ja nicht nur dahin gehen, die bisherige Politik anders zu vermitteln?

Groschek:
Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit zurück zu gewinnen, verlangt mehr als bessere Erklärung. Handwerkliche Professionalität, Konzentration auf den jeweils nächsten Schritt, um nicht ins Stolpern zu kommen, sind gefordert. Der Maßstab sozialer Gerechtigkeit muss deutlich erkennbar an jedes Reformvorhaben angelegt werden.

Generalanzeiger:
Selbst wenn man unterstellt, dass der Begriff der sozialen. Gerechtigkeit sich verändert, haben viele Menschen das Gefühl, dass Ihre Reformen eine soziale Schlagseite haben.

Groschek:
Das Wahlergebnis der Europawahl war eine Abrechnung unserer Anhänger mit „ihrer Partei". Viele erwarten zu Recht von uns, dass wir deutlicher machen, warum soziale Gerechtigkeit und Zukunftsgerechtigkeit zwei Seiten einer Medaille sind. Wir brauchen in der öffentlichen Positionierung wieder erkennbar mehr soziale Leidenschaft. Nicht ein einzelner Minister, sondern die ganze Regierung muss unzweifelhaft der sozialen Gerechtigkeit Gesicht und Gewicht verleihen.