Schartau: Neues Modell der partnerschaftlichen Ausbildung soll alle Jugendlichen unterbringen

Freiwillige Vereinbarungen mit der Wirtschaft sind nach Ansicht von NRW-Wirtschafts- und Arbeits-minister Harald Schartau „ohne Alternative“, wenn es darum geht, die derzeitigen Probleme auf dem Ausbildungsmarkt zu lösen. „Zur Abgabe haben wir in NRW eine Alternative, den Ausbildungskonsens“, erklärte der Minister heute (13.11.03) in einer Aktuellen Stunde des nordrhein-westfälischen Landtags in Düsseldorf. „Der Ausbildungskonsens NRW, an dem neben der Landesregierung die Wirt-schaft, die Gewerkschaften, die Arbeitsverwaltung und die Kommunen beteiligt sind, ist unsere prak-tische und seit 1996 bewährte Antwort auf die schwierige Situation auf dem Ausbildungsmarkt. Bislang haben wir jedes Jahr die Probleme auf dem Ausbildungsmarkt in den Griff bekommen. Und auch dieses Jahr stehen alle Partner wieder fest zu ihrem Versprechen.“

Schartau: „Zurzeit kümmern wir uns in Nordrhein-Westfalen mit Hochdruck um die noch unvermittelten Jugendlichen. Die Wirtschaft, die Arbeitsämter und die anderen Partner sprechen die Jugendlichen persönlich an und führen mit ihnen intensive Beratungs- und Vermittlungsgespräche. Dabei stellt sich vielfach heraus, dass neben den angebotenen freien Ausbildungsstellen durchaus noch andere Wege gangbar oder notwendig sind, um die Berufs-wünsche der Jugendlichen zu realisieren.“

In Nordrhein-Westfalen waren Ende September noch rund 7.000 unvermittelte Bewerberinnen und Bewerber bei der Berufsberatung registriert. Ihnen standen rund 3.600 offene Stellen gegenüber. Ende Oktober sank die Zahl der unvermittelten Jugend-lichen um fast 2.000 auf rund 5.000. Gleichzeitig sind noch 2.500 Ausbildungsstellen unbesetzt.

„Insgesamt rechnen wir zum Jahresende 2003 mit 2.000 noch unversorgten Jugendlichen, von denen dann erfahrungsgemäß gut die Hälfte das Angebot des Konsenses für eine Verbund- oder partnerschaftliche Ausbildung annehmen“, sagte Schartau. Bei einer Verbundausbildung bilden zwei oder mehrere Betriebe gemeinsam aus. Die partnerschaftliche Ausbildung ist ein qualitativ neuer Ansatz des Ausbildungskonsenses NRW. Hier bilden ein Träger und Betriebe zusammen aus. Sie löst die frühere außerbetriebliche Ausbildung ab.“

Partnerschaftliche Ausbildung als neues Modell
Die „Partnerschaftliche Ausbildung“ richtet sich ausschließlich an solche Betriebe, die ausbildungs-fähig sind, aber bislang nicht ausgebildet haben oder über den Durchschnitt der letzten drei Jahre hinaus zusätzliche Ausbildungsstellen einrichten. Dabei wird der Ausbildungsvertrag zwischen den Jugendlichen und einem wirtschaftsnahen Bildungsträger geschlossen, wobei mindestens zwei Drittel der jeweiligen Ausbildungszeit in einem Partnerbetrieb absolviert wird. Schartau: „Wir erzielen damit positive Ergebnisse: Wir schaffen zusätzliche Ausbildungsplätze, entlasten die Betriebe von Bürokratie und Verantwortung, weil ihnen erfahrene und kompetente Träger dies größtenteils abnehmen. Diese Form der praxisnahen Ausbildung im Betrieb wird von den Jugendlichen eher akzeptiert.“

Das Land beteiligt sich an diesem Ansatz auch finanziell in erheblichem Umfang, indem es die vorbereitenden Phasen im Dezember und Januar sowie das beim Träger zu leistende „Drittel“ der partnerschaftlichen Ausbildung bezuschusst. Schartau: „Dieser Weg ist effizienter als die Finanzierung einer außerbetrieblichen Berufsausbildung.“

Der Minister sagte abschließend: „Dieser Weg des Ausbildungskonsens NRW ist unsere praktische Antwort auf die schwierige Situation auf dem Ausbildungsmarkt. Wir gehen damit weiter auf dem Weg, bei dem alle Verantwortlichen an einem Strang ziehen. NRW ist fest entschlossen, das Ziel im Konsens zu erreichen und damit eine gesetzliche Regelung überflüssig zu machen.“

"Der Ausbildungskonsens NRW – Ziele, Ergebnisse und Perspektiven"
Der Ausbildungskonsens NRW ist eine langjährig praktizierte Partnerschaft von Verantwortlichen in Wirtschaft und Gesellschaft zur Einlösung der politischen Zusage:
"Jeder junge Mensch in NRW, der ausgebildet werden will, wird ausgebildet".

Durch das Engagement und Zusammenwirken der am Ausbildungskonsens beteiligten Partner, vor allem der Wirtschaft, wurden bislang in jedem Jahr praktikable und tragfähige Lösungen für die Jugendlichen und Betriebe erreicht, die staatliche Zwangsmaßnahmen und bürokratische Regelungen, wie sie z.B. mit einer Ausbildungsplatzabgabe verbunden wären, überflüssig machen.

Dieser Erfolg war möglich durch eine neue Kultur der Diskussion und Entscheidungsfindung zur Stärkung des Systems der Dualen Berufsausbildung in NRW.

1. Gründung und Zielsetzungen
Der Ausbildungskonsens NRW wurde am 13. September 1996 auf Initiative der SPD-Landtagsfraktion und der Landesregierung NRW gemeinsam mit den wichtigsten Verantwortlichen aus Wirtschaft, Gewerkschaften und Verwaltung ins Leben gerufen. Die 1. Phase lief von 1996 – 2001; die 2. Phase läuft seit September 2001 bis auf weiteres.

Die wesentlichen Zielsetzungen lauten:
– Versorgung aller ausbildungswilligen und
ausbildungsfähigen Jugendlichen in NRW
– Verbesserung der Transparenz und Zusammen-
führung von Angebot und Nachfrage auf dem
Ausbildungsmarkt
– Differenzierung der Berufsausbildung zur
Integration und Förderung von Jugendlichen mit
unterschiedlichen Begabungen und Kompetenzen
– Erhöhung der Attraktivität dualer Ausbildung
durch Modernisierung und Neuordnung von Berufen
und Ausbildungsordnungen
– Verbesserung der Kooperation von Betrieben und
Berufsschulen
– Verbesserung der Qualifikation der
Schulabgängerinnen und Schulabgänger
– Weiterentwicklung der Zusammenarbeit Schule-
Wirtschaft – Sicherung des Ausbildungserfolgs
und Vermeidung von Ausbildungsabbrüchen
– Erhöhung der Ausbildungsbeteiligung von
jugendlichen Migrantinnen und Migranten sowie
Migrantenunternehmen

2. Partner und Organisationsform
In der laufenden 2. Phase des Ausbildungskonsens NRW seit 2001 beteiligen sich:

Ministerium für Wirtschaft und Arbeit, Ministerium für Schule, Jugend und Kinder, Landesarbeitsamt, Landesvereinigung der Arbeitgeberverbände, Deutscher Gewerkschaftsbund, Vereinigung der Industrie- und Handelskammern, Nordrhein-Westfälischer Handwerkstag, Westdeutscher Handwerkskammertag, Landesvereinigung der Fachverbände des Handwerks, Verband freier Berufe, Kommunaler Arbeitgeberverband, Städtetag, Städte- und Gemeindebund und Landkreistag.

Der Ausbildungskonsens ist eingebunden in das Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit NRW.

Die regionale Umsetzung des Ausbildungskonsenses NRW erfolgt auf der Ebene der 16 IHK-Bezirke mit den dort zuständigen Verantwortlichen der Partnerorganisationen.

3. Bisherige quantitative und qualitative Ergebnisse
3.1 Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge
Von 1996 bis zum Jahr 2000 erfolgte eine Steigerung der abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse von 112.557 auf 128.640. Seit 2001 ist dieser Trend rückläufig. Die abgeschlossenen Verträge sanken – bei gleichzeitig zurückgehenden Bewerberzahlen – auf 115.636 im Jahr 2002 und liegen 2003 voraussichtlich bei 110.000 Verträgen.

3.2 Versorgung ausbildungswilliger Jugendlicher
Alle Jugendlichen, die jeweils zum 30. September noch als unversorgte Ausbildungsplatzbewerber bei der Berufsberatung gemeldet waren, erhielten in den Monaten Oktober bis Dezember eines jeden Jahres weitere betriebliche Ausbildungsangebote. Teilweise entschieden sich die Jugendlichen auch für alternative Angebote in Schulen oder bei Bildungsträgern. Auf diese Weise gelang es, die Zahl der unversorgten Jugendlichen bis zum Jahresende jeweils mindestens zu halbieren und gleichzeitig die Zahl der offenen Ausbildungsstellen deutlich zu reduzieren.

Alle am 31.12. noch unversorgten Jugendlichen erhielten von der Arbeitsverwaltung bzw. vom Land NRW bislang ein Angebot für eine außerbetriebliche Berufsausbildung.

3.3 Differenzierung der Berufsausbildung
In 6 Modellversuchen und unterschiedlichen Berufen wurden neue Möglichkeiten zur Beteiligung und Integration von Jugendlichen mit differenzierten Begabungen erprobt.

Seit September 2003 existiert eine Vereinbarung zwischen dem Deutschen Kfz-Gewerbe, Landesverband NRW, der IG Metall NRW und dem Ministerium für Wirtschaft und Arbeit zur Modellausbildung zum Kfz-Servicemechaniker/-in, die ab 2004 mit mindestens 400 praktisch begabten Jugendlichen pro Jahr umgesetzt werden soll.

3.4 Verhältnis von Betrieben und Berufsschule
Seit 1997/98 wurde der Berufsschultag auf 8 Stunden verlängert, wodurch die Auszubildenden den Betrieben 20 Tage pro Jahr zusätzlich zur Verfügung stehen. Eine Vielzahl von Kooperationsvereinbarungen zwischen Kammern, Betrieben und Schulen tragen zur weiteren Anpassung des Berufsschulunterrichts an die Bedarfe der Betriebe und Auszubildenden bei.

Außerdem wurde die Qualität des Berufsschulunterrichts durch verschiedene Formen der Lernkooperation verbessert.

3.5 Transparenz und Attraktivität steigern
Durch zahlreiche Marketing-Kampagnen, Ausbildungsbörsen und Infoveranstaltungen sowie Informationsbroschüren für bestimmte Branchen und Berufe konnte ein wirksamer Beitrag auf diesem Gebiet geleistet werden.

3.6 Zusammenführung von Angebot und Nachfrage
Aufgrund der seit einigen Jahren wieder schwieriger werdenden Situation auf dem Ausbildungsmarkt fördern wir im Ruhrgebiet zusätzliche Ausbildungsvermittler bei den Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammern.

3.7 Vor-Ort Besuche bei Betrieben
Allein im Jahr 2003 hat Wirtschafts- und Arbeitsminister Schartau über 50 vor-Ort-Besuche, vor allem bei Betrieben, durchgeführt, um für mehr Ausbildungsstellen zu werben und in direkten Gesprächen mit Betroffenen und Beteiligten die konkreten Probleme und Möglichkeiten zu erörtern.

4. Praktische Umsetzung im Jahr 2003/2004
Derzeit läuft für alle noch nicht vermittelten bei den Berufsberatungen gemeldeten Schulabgängerinnen und Schulabgänger der Nachvermittlungsprozess. All diejenigen, die bis zum Jahrsende nicht vermittelt sind, münden in den Ausbildungskonsens.

Ab Ende diesen Jahres werden folgende Instrumente neu eingesetzt:

– ein Kompetenzcheck und Profiling als Angebot für
alle zum Jahresende (Dezember) absehbar noch
nicht versorgten Jugendlichen
– ein Betriebspraktikum für die nicht versorgten
Jugendlichen bei den Betrieben, die im Verbund
mit anderen Betrieben oder Trägern zusätzliche
Ausbildungskapazitäten bereitstellen (Januar)
– die partnerschaftliche Ausbildung im Verbund, in
der zusätzliche Ausbildungsverhältnisse
gemeinsam von wirtschaftlichen Bildungsträgern
und bislang nicht oder überdurchschnittlich
ausbildenden Betrieben eingerichtet werden.
Diese Lernortkooperation mit klarer Dominanz der
betrieblichen Seite tritt an die Stelle der
bisherigen außerbetrieblichen Ausbildungsange-
bote.
– In diesem Modell können Betriebe, die aus den
unterschiedlichsten Gründen nicht voll
ausbilden, gemeinsam mit einem Träger eine
partnerschaftliche Ausbildung durchführen.Wie
in der Verbundausbildung mit mehreren Betrieben
wird das Engagement so auf mehrere Schultern
verteilt. Jeder bildet in dem Maße aus, das er
leisten kann.

5. Perspektiven
Vor dem Hintergrund aktueller Analysen und Untersuchungen sowie unserer bisheriger Erfahrungen im Ausbildungskonsens in Verbindung mit zahlreichen Gesprächen mit Beteiligten vor Ort ergeben sich für die nächsten Jahre folgende zentrale Handlungsfelder:

– Veränderungen und Weiterentwicklungen im
Schulbereich zur frühzeitigen und stärkeren
Arbeitsweltorientierung und realistischen
Berufswahl
– Umbau des bisherigen Übergangssektors Schule –
Beruf ("Warteschleifen") zu einem differenzier-
ten und durchgängig mit betrieblicher Praxis
verzahnten System des Einstiegs in anerkannte
berufliche Qualifizierung
– Differenzierung und Flexibilisierung des Dualen
Ausbildungssystems zur umfassenden Aktivierung
und Nutzung des vorhandenen Begabungs- und
Kompetenzpotentials der Jugendlichen sowie zur
Vermeidung von absehbarem Fachkräftemangel
– Verknüpfung von Aus- und Weiterbildung zu einem
flexiblen System des lebens- und berufsbeglei-
tenden Lernens mit anerkannten Zertifikaten und
Abschlüssen.