Wolfgang Clement eröffnet Popkomm

Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement hat am Donnerstag die weltgrößte Musikmesse Popkomm eröffnet. Zu diesem Anlaß hob er die Bedeutung der Popmusik als Wirtschaftsfaktor hervor – den Gesamtumsatz der Branche in Deutschland bezifferte auf 15 Mrd. Euro pro Jahr. Er forderte die Musikunternehmen auf, Neuerungen und Herausforderungen eines schwieriger werdenden Marktes aktiv aufzunehmen, statt nur darauf zu reagieren oder sie gar abzuwehren.
Die Eröffnungsrede des Bundesministers für Wirtschaft und Arbeit Wolfgang Clement auf der POPKOMM 2003 zum Thema „Pop- und Rockmusik als Wirtschaftsfaktor“ am 14.08.2003 in Köln (Messe) im Wortlaut: (Es gilt das gesprochene Wort!)

Einleitung
Ich begrüße Sie zur POPKOMM 2003, zur nach wie vor weltweit größten, kurz: zur Leitmesse für Popmusik und Entertainment.
Die POPKOMM wird 15: Das ist schon ein richtiges Jubiläumsalter. Jubiläen geben eigentlich Anlass, zurückzublicken. Andererseits: welcher 15jährige blickt schon zurück?
Mit 15 befindet man sich vielleicht noch im Stimmbruch. Das ist eine Phase, in der man nicht immer so laut und beeindruckend singen kann, wie man gerne möchte.
Mit 15 hat der eine oder andere schon seine erste Liebe hinter sich. Man trennt sich, gelegentlich abrupt und ohne Vorwarnung.
Das ist nicht immer für alle Beteiligten schön, aber das ist so.
Auf jeden Fall aber haben 15jährige allen Grund, mutig und optimistisch in die Zukunft zu blicken.

1. Popmusik als Wirtschafts- und Beschäftigungsfaktor
Popmusik ist ein wichtiges Kulturgut, ein Seismograph für Stimmungen und ein Resonanzboden der Gesellschaft. Popmusik ist identitätsstiftend und funktioniert generationenübergreifend. Sie ist aber auch – als entscheidender Teil der Musikwirtschaft – ein Wirtschafts- und Beschäftigungsfaktor von Bedeutung.
Es dreht sich hier um eine innovative und kreative Branche, die hohe Umsätze erzielt und eine Vielzahl interessanter Arbeitsplätze stellt, die sich allerdings in ihren Anforderungen an Profil und Fertigkeiten der Beschäftigten sehr stark wandeln.
Dennoch oder vielleicht gerade deshalb sind die mit der Musikwirtschaft verbundenen Tätigkeiten hoch begehrt, und zwar nicht nur jene, die mit einer E-Gitarre auf der Bühne stattfinden, sondern in der gesamten Wertschöpfungskette.

1.1 Musikwirtschaft – ein umfassender Bereich
Zu Recht werden wir gerade in diesen Tagen darauf hingewiesen, dass sich Musikwirtschaft keineswegs allein auf die Herstellung und Vermarktung von Tonträgern beschränkt. Die Verlage spielen z.B. eine große Rolle, auch die Veranstaltungsindustrie.
Ohne die Kreativität der Künstler und Textdichter könnte die ganze Branche einpacken. Aber auch die Künstler-Managements, die Veranstaltungstechniker und Lichtdesigner, die Studiobetreiber und Tontechniker, Promotion-Firmen, Grafiker, Rechtsberater, Agenturen und auch die Instrumentenbauer und Zubehörhersteller gehören dazu und schaffen Mehrwert.
Nicht zuletzt profitieren Rundfunk, Fernsehen und Fachpresse zum Teil ganz erheblich von dem Content, den die Musikwirtschaft bereitstellt, ebenso wie die Unterhaltungselektronik oder die Clubbetreiber, ja selbst Modehersteller und –designer; die Liste ließe sich fortführen.

1.2. Branchenzahlen
Der Gesamtumsatz all dieser Wertschöpfenden in der deutschen Musikwirtschaft wird auf 15 Mrd. Euro geschätzt.
Der Kernbereich der Musikwirtschaft – nämlich etwa 100.000 Musikschaffende, über 1000 Tonträgerfirmen, etwa 4000 Musikverlage und gut 350 Musikveranstalter – erwirtschaften etwa 5,5 Mrd. Euro Umsatz pro Jahr.

1.2.1. Boom der Veranstaltungsbranche
Den größten Umsatzanteil verbuchen dabei seit einigen Jahren die Konzertveranstalter. Leider sind aktuelle Zahlen aus der Musikwirtschaft kaum vorhanden. Einer GfK-Studie vom Jahr 2000 zufolge erzielten die Veranstaltungsbetriebe jedoch bereits 1999 einen Gesamtjahresumsatz von 2,71 Mrd. Euro – und damit einen Umsatzvorsprung von rund 240 Mio. Euro vor der Tonträgerindustrie.
Den eigenen Angaben zufolge geht es Deutschlands Konzert- und Tourneeveranstaltern gut und sie verzeichneten in den letzten Jahren steigende Umsätze.
Die Menschen erleben offenbar Musik auch unverändert gerne live und sind bereit, viel Geld für Konzert- und Festivaltickets auszugeben.
Es freut mich übrigens ganz besonders, dass ein Bochumer mit mehr als 1,5 Mio. verkauften Tickets in Deutschland die erfolgreichste Tour 2002 gemacht hat (Herbert Grönemeyer).

1.2.2. Fortwährende Krise bei den Tonträgern
Weniger Grund zum Feiern haben hingegen die Tonträgerhersteller. Im fünften Jahr in Folge gibt es hier Umsatzverluste. 2002 verbuchten die deutschen Tonträgerhersteller nach eigenen Angaben einen Umsatzrückgang von 11,3 %. Weltweit betrugen die Umsatzverluste „nur“ 7,2 %.
Der Umsatz sank von 2,2 Mrd. Euro 2001 auf 1,97 Mrd. Euro 2002.
Die steigenden Absatzzahlen bei den Musik-DVDs zeigen jedoch, dass es gelingen kann, dem Negativ-Trend mit neuen Formaten und einem Mehrwert bei den Inhalten entgegenzuwirken.
Am Tonträgermarkt wird nach wie vor der meiste Umsatz mit Popmusik gemacht. Der Popanteil liegt stabil seit Jahren über 40% des Gesamtmarktes, 2002 betrug er 43,6%. Die Rockmusik legte von 14,0% in 2001 auf fast 16 % im vergangenen Jahr zu. Zum Vergleich: Die Klassik liegt seit Jahren stabil bei etwas über 7%.
Im Welt-Ranking des Musikmarktes belegte Deutschland im Jahr 2001 den 4. Platz. Aufgrund der negativen wirtschaftlichen Entwicklung des Tonträgermarktes in Deutschland mussten wir im vergangenen Jahr den vierten Platz im Welt-Ranking an Frankreich abgeben, stehen nunmehr auf Platz 5.

1.2.3. Gründe für die negative Entwicklung
Die Gründe für diese negative Entwicklung werden seit mehreren Jahren, u.a. hier auf der POPKOMM, diskutiert. Als Ursache Nr. 1 wird von Seiten der Musikwirtschaft nach wie vor das massenhafte Raubkopieren über CD-Brenner und Downloads aus dem Internet genannt. Aber auch die allgemeine Wirtschaftslage, eine generelle Kaufzurückhaltung und die weltweit angespannte Sicherheitslage, das wird auch so gesehen, spielen eine nicht unerhebliche Rolle.
Kritiker nennen zudem Versäumnisse beim Künstleraufbau und ein allgemein weniger attraktives und breitgefächertes Angebot, was sich ja gegenseitig bedingt. Schon auf der POPKOMM 2002 wurde ja eine Rückbesinnung auf das Wesentliche gefordert, nämlich auf die Künstler und das Repertoire.

Wie ich höre, wird auch immer wieder die Tendenz kritisiert, dass auf technische Entwicklungen zu spät oder rein abwehrend reagiert wird. Hier möchte ich nachdrücklich an Sie appellieren, nach vorne zu schauen und den Fortschritt engagiert zu begleiten.
Die Musikwirtschaft ist, wie ich bereits sagte, eine innovative Branche, aber sie muss sich gelegentlich auch einen Ruck geben und sich den Titel, zu den Innovativsten zu gehören, immer wieder neu erarbeiten!

1.3. Musik – ein Produkt wie jedes andere?
Kommen wir zum Produkt selbst. Lässt sich Musik so einfach und pragmatisch herstellen wie beispielsweise Schuhsohlen?
Vieles scheint zunächst wie in anderen Produktionszweigen: Ich brauche einen Rohstoff, den ich entdecken, fördern und veredeln muß, dabei bedarf es pfiffiger Unternehmer, die daraus innovative Produkte machen, und schließlich muss es bei potentiellen Kunden ein Bedürfnis für’s Produkt geben oder ein solches muß geweckt werden, damit sie eine Kaufentscheidung treffen.
Die Grundvoraussetzungen
Zu den guten Startfaktoren der Branche gehört, dass Musik hören ähnlich wie besohlte Schuhe tragen ein urmenschliches Bedürfnis ist. Es geht zwar auch ohne, aber nicht besonders lange und nicht besonders gut.
Musik bildet sogar eine Grundlage unserer menschlichen Kommunikation und damit auch menschlicher Gemeinschaftsbildung, sagen nicht nur Wissenschaftler. Jedenfalls hören die Menschen heute soviel Musik wie noch nie – das Potenzial ist enorm.

Der Rohstoff
Auch beim Rohstoff ist es m.E. wie sonst auch: Ein talentierter und kreativer Musiker oder eine begabte Band, der oder die nicht entdeckt und vermarktet werden, bleibt ein verborgenes Juwel. Oder eines, das die Konkurrenz entdeckt und zu Gold macht.
Die besondere Herausforderung für die Musikindustrie bleibt es, Talente zu entdecken, sie aufzubauen und zu fördern. Das geht kaum mit Pragmatismus und auch nicht ohne Risikobereitschaft.
In Zeiten, in denen es die technischen Möglichkeiten den Interpreten erlauben, sich selbst quasi im Wohnzimmer zu produzieren und ihre Musik von dort aus über das Internet zu vertreiben, muss in diesen Bereich sogar besonders viel Energie investiert werden.

Die Produktionsphase
Denn: Wie in jeder anderen Branche auch müssen Hersteller innovativ sein und die neuesten technischen Möglichkeiten für sich nutzbar machen, sonst tun es andere. Das Wettrennen um den Vertrieb über das Internet hat längst begonnen, wenn auch bislang fast jeder Teilnehmer mindestens einen Fehlstart hingelegt hat.

Das Verhältnis zum Kunden
Ein gutes Verhältnis zum Kunden ist das A und O. Die beste Basis für positive Emotionen ist Vertrauen. Wer Kundenvertrauen aufbauen will, sollte seine Kunden gut kennen. Er sollte den verschiedenen Bedürfnissen in den einzelnen Kundensegmenten so weit wie möglich entgegen kommen.
Wenn der Bedarf nach Musikdownload über das Internet massiv vorhanden ist, dann muss mit Macht versucht werden, nicht nur den vielen illegalen Angeboten den Dampf abzudrehen, sondern ihnen attraktive legale Angebote entgegenzusetzen.
Wenn z.B. Studien zeigen, dass Kunden über 36 unter dem derzeitigen Tonträgerangebot zu wenig Musik finden, die sie interessiert, dann gibt es auch hier ungenutztes Potenzial.
Auch die Preisgestaltung spielt eine Rolle. Es ist wichtig, auf neue Entwicklungen auch mit neuen Produkten und differenzierten Preisen zu reagieren. In Zeiten einer verhaltenen wirtschaftlichen Entwicklung überlegen sich die Käufer mehr als einmal, wofür sie ihr Geld ausgeben.
Deswegen ist es sicher ein interessanter Ansatz, Angebote für den schmalen Geldbeutel und die schnellere Kaufentscheidung auf den Markt zu bringen, wie es jetzt mit der so genannten Pock-it-CD auch versucht wird.

Besonderheit: Zugang zu Musik(-Neuheiten) hauptsächlich medienvermittelt
Eine weitere Besonderheit von Musik: Der Zugang zu ihr ist hauptsächlich medienvermittelt. Die wenigsten laufen durch einen Plattenladen wie durch einen Supermarkt und entscheiden sich wegen des günstigen Preises für eine Platte. Genauso wenig werden sie deswegen in ein Konzert gehen.
Die Menschen müssen vielmehr eine Musik schon gehört haben, bevor sie bereit sind, dafür – in welchem Format auch immer – Geld auszugeben.
Der Kampf um das knappe Gut Aufmerksamkeit der Kunden findet fast ausschließlich über die Medien Funk und Fernsehen statt – lassen wir neue Entwicklungen im Internetvertrieb einmal beiseite.
Radio und (Musik)-Fernsehen spielen bei der Vermittlung und Bekanntmachung von neuen Musikproduktionen eine enorm wichtige Rolle. Dabei sind sie nicht nur Bestandteil des Medien- und Werbemarktes, sondern originärer und essentieller Bestandteil der musikwirtschaftlichen Distributionswege.
In den letzten Jahren beobachten wir nun, dass die Zahl der im Hörfunk gespielten unterschiedlichen Titel dramatisch gesunken ist, und das, obwohl wir heute deutlich mehr Radiosender haben als noch vor etwa 20 Jahren.
Insbesondere bei den großen Sendern, die die meisten Hörer haben, gelangen heute kaum mehr als 1000 Titel in die Rotation. Scharf abgegrenzte Radioformate – vor allem in den hart umkämpften Märkten wie Berlin, Hamburg und München – bringen noch zwischen 200 und 400 Titel, ohne dass sie deswegen als Spartensender angesehen werden. Dabei hatten wir in Deutschland mal weit über eine Million Titel in der Radio – Rotation!
Diese radikal verkleinerten Sende- und Präsentationsflächen sind für die Newcomer auf dem Musikmarkt und namentlich für deutschsprachige Produktionen ein großes Problem. Deshalb ist es heute durchaus angebracht, zu fragen, ob nicht vielleicht doch eine nationale Radioquote der richtige Weg wäre.
Es geht den Befürwortern wahrlich nicht um Deutschtümelei, sondern um die Stärkung unserer kulturellen Vielfalt, der künstlerischen Kreativität und – natürlich – des eigenen Business. Es geht eben auch um einen ungehinderten Marktzugang für Wettbewerber, die auf die Vermittlung über die Radiosender nun einmal angewiesen sind.
Die Radiosender sind das Nadelöhr zum Kunden und damit mitbestimmend, wie vielfältig unsere Musikkultur sein kann.
Andrerseits. Geschmack lässt sich nicht regulieren. Sie alle wissen noch besser als ich, dass die ökonomisch interessanteste, die junge Zielgruppe auch beim Radiohören auf unbekannte, auf unbeliebte Titel reagiert wie beim Fernsehen: Sie zappt weg und scannt die ganze Skala durch, bis der „richtige“ Song kommt, egal übrigens, auf welchem Sender. Das gute alte Radio- Wunschkonzert präsentiert sich heute als individuelle Zapping – Orgie. Das wissen die Radiomacher. Sie wollen keine quotierten Zwangsprogramme, weil sie für die ohnehin schon relativ schwache Hörer-Sender-Bindung fürchten: „Völlig losgelöst…“
Aber: Es gibt im Bereich des Musikfernsehens ja mit VIVA durchaus auch einen deutschen Musiksender, der wegen – oder trotz ? – seiner freiwilligen Quote und seinem hohen Anteil an deutschsprachiger und in Deutschland produzierter Musik erfolgreich ist.
Ich unterstütze jedenfalls die Bemühungen meiner Kollegin Christina Weiss, und der Bundesländer, hier nenne ich namentlich meinen früheren Ministerpräsidentenkollegen Kurt Beck, dieses Thema in seiner kultur- und wirtschaftspolitischen Dimension sehr ernst zu nehmen und alles zu tun, um mit der Musikbranche und den Rundfunkanstalten im besten common sense zu einer Lösung zu kommen, die von den Hörerinnen und Hörern nicht als staatlich regulierte Zwangsbeglückung empfunden wird. Die Zeche zahlten dann am Ende die Radioveranstalter; und ihrem Geschäft – und am ende der Wertschöpfungskette: Ihren Künstlern – brächte es nichts. Dennoch: eine Lösung muss her und die ist – in diesen Tagen gilt das in des Wortes mehrfacher Bedeutung – des Schweißes der Edlen wert.

2. Rahmenbedingungen für den Kulturstandort Deutschland
2.1. Urheberrecht und Raubkopien

Natürlich müssen sich Künstler und Produzenten davor schützen und geschützt werden, dass die Produkte ihrer Arbeit einfach und ohne schlechtes Gewissen massenhaft geklaut werden.
Durch Musikpiraterie entstehen übrigens nicht nur der Medienwirtschaft, sondern der gesamten Volkswirtschaft erhebliche Schäden.
Deshalb machte sich bereits nach dem bislang geltenden Urheberrecht strafbar, wer Vervielfältigungsstücke herstellte, sich dabei aber weder auf eine Schranke des Urheberrechts noch auf eine vertragliche Rechtseinräumung berufen konnte. Ebenso war es bereits nach dem bislang geltenden Urheberrecht rechtswidrig, im Internet fremde Werke ohne Zustimmung der Rechtsinhaber zum Download bereitzustellen.
Das neue Urheberrechtsgesetz schafft noch mehr rechtliche Klarheit. Wer einen technisch wirksamen Kopierschutz umgeht, weiß jetzt, dass er sich strafbar macht und auf Unterlassung und Schadenersatz in Anspruch genommen werden kann.
Mit der aktuellen Regelung ist die Politik den Forderungen der Musikschaffenden entgegen gekommen, ohne den Schutz der Verbraucher aus den Augen zu verlieren.
In einem 2. Schritt bereitet die Bundesregierung nun die weitere Novellierung des Urheberrechtsgesetzes vor, die sich vor allem auch mit der Vergütungsregelung für die Privatkopien befassen wird.
Es ist völlig klar, dass Vielanbieter von Titeln im Internet und professionelle „Räuber“, die in großem Umfang Kopien zu Geld machen, strafrechtlich verfolgt werden müssen.
Ob sich allerdings die hiesige Musikindustrie der gegenwärtigen Tendenz in den USA anschließen sollte, die eigenen potenziellen Kunden massenhaft zu verklagen, das sollten Sie in den kommenden Tagen diskutieren.
Es ist zumindest zu konstatieren, dass es um ein Hersteller-Kundenverhältnis nicht zum besten steht, wenn beide Parteien hauptsächlich über Gericht miteinander kommunizieren.
Denn, eine letzte Besonderheit des Produktes Musik habe ich noch nicht erwähnt: Fast jede und jeder Jugendliche hört Pop- und Rockmusik und ist auch an weitergehenden Informationen darüber interessiert.
Und deswegen – das wissen Sie besser als ich – haben Sie die besten Chancen, über die Medien, die Werbung und vor allem über die Künstler vermittelt die Jugend zu erreichen.
Wenn es unter Jugendlichen eine sich verbreitende Kostnix-Mentalität gibt, dann gilt es diese zu bekämpfen und das Rechtsbewusstsein und den Respekt vor dem geistigen Eigentum zu stärken.
Denn es geht ja nicht nur um ihre Kunden von heute, sondern auch um die von morgen – Rock und Pop wird ja mittlerweile offenbar von vielen ein Leben lang gehört.
Es ist deswegen gut, wenn beispielsweise Künstler an die Schulen gehen und mit den Jugendlichen nicht nur zusammen musizieren, sondern auch darstellen, wie aufwändig und kostenträchtig die Produktion eines Musikstückes ist.
Wie ich gehört habe, gibt es derzeit ein Projekt von der Bundeszentrale für politische Bildung zusammen mit der Deutschen Phono-Akademie, das genau diesen Ansatz verfolgt.

2.2. Zum Player in der digitalen Ära werden
Zugleich aber gilt: Wenn das Bedürfnis nach Probehören und / oder Kauf über Medien wie das Internet vorhanden ist, dann sollte es mit attraktiven und legalen Angeboten beantwortet werden. Das ist Marktwirtschaft.
Die Musikwirtschaft sollte endlich zum „Player“ in der digitalen Welt werden. Und die Firma Apple macht ja bereits vor, dass es geht.
Ich freue mich, dass sich die deutschen Major-Labels endlich geeinigt haben und nun eine legale Alternative für Musik-Downloading bereitstellen wollen. Denn die hohen Downloadzahlen dokumentieren, dass ein hohes Interesse an Musik aus dem Internet besteht. Nutzen Sie diese interessierte Zielgruppe.
Wir haben in Deutschland bereits etwa 4 Millionen Breitband-Anschlüsse über DSL und andere Übertragungstechniken. Die schlichte Botschaft der Marktforschung lautet: Je mehr Breitband, desto mehr Download. Das ist Risiko und Chance in einem.
Mit der Deutschen Breitbandinitiative, die wir im vergangenen Jahr im Beisein des Bundeskanzlers gemeinsam mit der Internetinitiative D21 der deutschen Wirtschaft gegründet haben, steht eine übergreifende Plattform zur Verfügung, um die Chancen und Herausforderungen der neuen Breitbandtechnologien mit allen Beteiligten zu diskutieren und praktikable Lösungen zu entwickeln.
Ich wiederhole deshalb gerne mein Angebot vom 1. deutschen Breitbandgipfel Anfang Juni an die Musikwirtschaft, diese Möglichkeit aktiv zu nutzen.

2.3. Musik als Exportprodukt
Unter Ökonomen würde man sagen: Unsere Musikexportbilanz ist negativ. Ziemlich negativ.
Deutschland ist zu einem Vertriebsmarkt par excellence für ausländische Musikprodukte geworden, namentlich für US-amerikanische, aber nicht nur: Auch für die Niederlande und Östereich beispielsweise sind wir einer der wichtigsten Exportmärkte, wenn nicht sogar der Hauptexportmarkt. Der Anteil deutscher Produktionen, der den Weg über die Grenzen findet, ist hingegen viel geringer.
Über Musikgeschmack lässt sich trefflich streiten. M.E. sollte vor der Frage, ob unsere geschätzten Nachbarn einfach die bessere Musik machen – bei aller Sympathie – die Überlegung stehen, ob wir denn wirklich alles tun, um beim Musikexport das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.
Bei der Beantwortung dieser Frage sind sich eigentlich alle einig: Offenbar nicht.
Es gibt bislang keine einheitliche Anlaufstelle für die Musikwirtschaft in Deutschland und deutsche Firmen erleiden Wettbewerbsnachteile dadurch, dass viele andere Länder ihre Musikexportförderung weitaus gezielter verfolgen.
Ein Musikexportbüro, wie es bpw. Frankreich, die Niederlande, Norwegen, Dänemark, Schweden und die Schweiz und viele andere Länder betreiben, wird deshalb auch für Deutschland gefordert.
Wir stehen diesem Anliegen in der Bundesregierung positiv gegenüber.
Ziel eines Musikexportbüros wäre es, den Kulturaustausch zu fördern, Musik aus Deutschland international bekannter zu machen, ihr wirtschaftliches Potential zur Entfaltung zu bringen und dabei vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen der Musikwirtschaft in ihren Außenwirtschaftsaktivitäten zu unterstützen.
Die im Rahmen der von der Bundesregierung mitfinanzierten Musikexportstudie (Herbst 2002) befragten KMU sahen für den Export ein Wachstumspotential von durchschnittlich 165%, was insbesondere mit Hilfe eines Musikexportförderbüros erreicht werden könnte. 96% aller Unternehmen, die an der Befragung teilgenommen haben, befürworteten dessen schnellstmögliche Einrichtung.
Diese Auffassung besagt also, dass die derzeit geringe Nachfrage nach Musik aus Deutschland im Ausland – Ausnahmen bestätigen die Regel – auch darin ihre Ursache hat, dass es, anders als in der Mehrzahl der EU-Länder – keine ausreichende gemeinsame Außendarstellung der deutschen Musikszene gibt und dass es keine Schnittstelle für Kontakte und Informationen aus dem Aus- und Inland für die Abfrage bestehender Fördermöglichkeiten auf nationaler wie internationaler Ebene gibt.
Denn damit kein falscher Eindruck entsteht: Natürlich gibt es auf der Bundes- und auf der Länderebene bereits Initiativen und Instrumente zur Musikexportförderung. Der Deutsche Musikrat ist hier zu erwähnen, die Goetheinstitute, verschiedene Initiativen der Bundesländer, aber auch der GEMA, der Phono-Akademie oder VW-Sound-Foundation.
Diese Angebote gilt es zu vernetzen und bekannter zu machen. Ebenso wie offenbar die Fördermittel des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit zur Auslandsförderung von der Musikwirtschaft viel stärker genutzt werden könnten. Vieles ist hier wohl einfach nicht bekannt, wie etwa die vielseitigen Markt- und Brancheninformationen der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai) in Köln über die Auslandsmärkte. Wir haben mit der bfai vereinbart, dass sie nach Bedarf auf die speziellen Informationswünsche der Musikwirtschaft eingeht.
Auch die weitergehende Auslandsmesseförderung, die wir im Rahmen unserer Mittelstandsoffensive auf den Weg gebracht haben, und auch konkrete wirtschaftliche Unterstützung vor Ort über die deutschen Außenhandelskammern und die kulturpolitische Unterstützung über das Auswärtige Amt gehören dazu.
Von einer gezielteren Musikexportförderung versprechen sich die Labels vor allem:Hilfe bei der Suche nach einem oder weiteren Partner(n) im Ausland, also sozusagen Unterstützung bei der Kontaktanbahnung und deutlichste Nachfrage nach Promotion- und Tourunterstützung, 86% der Labels wären auch bereit, für Exporthilfen zu zahlen
Die Bundesregierung ist an der Gründung eines Musikbüros noch in diesem Jahr interessiert und auch bereit, sich am Aufbau einer solchen Einrichtung zu beteiligen. Dies allerdings unter der Voraussetzung, dass sich die Musikwirtschaft und die Verwertungsgesellschaften maßgeblich an der Finanzierung beteiligen.
Eine dauerhafte Beteiligung des Bundes an den Personal- und Sachkosten der Einrichtung ist jedoch nicht vorgesehen. Dies wäre in Zeiten übersichtlicher Kassen und deshalb notwendigen Subventionsabbaus auch nicht vertretbar. Es ist aber auch nicht nötig: Die Einrichtung hat gute Chancen, sich schnell oder zumindest mittelfristig selbst zu tragen.
Mein Appell: Lassen Sie uns die Phase des Redens abschließen und zum Handeln kommen!
Ich würde mich freuen, wenn wir in diesem Rahmen schon im nächsten Jahr eine erste Bilanz der Arbeit unseres neuen Exportbüros ziehen könnten.

Schluss
Heute und in den nächsten zwei Tagen besteht noch einmal ausreichend Gelegenheit zum Gespräch. Nutzen Sie die Zeit, und überprüfen Sie Ihr Gepäck.
Wir befinden uns an einem Punkt, an dem die POPKOMM und mit ihr die Pop- und Rockmusikschaffenden zu neuen Ufern aufbrechen.
Und soweit ich das verstanden habe, geht es ja hier nicht nur um einen Aufbruch an die Ufer der Spree, sondern um einen Ruck, um einen Aufbruch aus einer schwierigen, jedoch überhaupt nicht hoffnungslosen Situation.
Wo wir, die Bundesregierung, durch die Schaffung besserer Rahmenbedingungen helfen können, wollen wir das tun.
Ich wünsche der POPKOMM 2003 viel Erfolg – und ich wünsche der Kultur-, Messe- und Medienstadt Köln eine weiterhin gute Zukunft.
Glückauf!