„Eine Verfassung für 25 und mehr Staaten, die ihr Schicksal künftig gemeinsam gestalten.“

Die Delegation des Europäischen Parlaments sagt "Ja" zum Entwurf des Vertrages über die europäische Verfassung. Wir sagen dieses Ja nicht mit Einschränkungen und Vorbehalten, wir sagen es aus voller Überzeugung und mit ganzem Herzen, denn wir wollen, daß aus unserem Entwurf die Verfassung der Europäischen Union wird. Natürlich besteht das, was der Konvent vorlegt, aus Kompromissen, aber das sind endlich einmal keine Kompromisse auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Verfassung ist keine bloße Zusammenstellung von Kompromissen geworden, sondern sie ist ein in sich geschlossenes, stimmiges Ganzes geblieben.

Die Verfassung ist ein Angebot an die Bürgerinnen und Bürger unserer Europäischen Union. Sie werden besser als bisher erkennen können, wer was mit welcher demokratischen Berechtigung in Brüssel und Straßburg entscheidet. Sie werden erkennen können: Was muß die Europäische Union tun, was kann sie tun und was darf sie nicht tun. Und alle, die guten Willens sind, werden besser verstehen können, was diese Europäische Union ist.

Die Verfassung ist ein Durchbruch für das von den Bürgerinnen und Bürger gewählte Europäische Parlament. Das Parlament wird Gesetzgeber der Europäischen Union und entscheidet über eine der Spitzenpositionen in der europäischen Politik; es wählt den Präsidenten der Kommission. Wir haben als Parlament das erreicht, was wir uns vorgenommen haben.

Die Verfassung ist ein Versprechen für mehr Gemeinsamkeit sowie mehr Handlungsfähigkeit der europäischen Politik nach innen und nach außen. Die Politik und die Personen, die wir künftig wählen werden, werden dieses Versprechen einlösen müssen.

Unsere Arbeit geht heute zu Ende. Unser Mandat ist erfüllt. Aber der Geist, in dem wir dieses Mandat während der vergangenen 15 Monate erfüllt haben, dieser Geist darf und wird nicht zu Ende sein. Das Europäische Parlament wird die Mittel und Wege dafür finden, daß die Kolleginnen und Kollegen des Konvents, die es wollen, mit uns gemeinsam die Regierungskonferenz begleiten und ihre Ergebnisse bewerten können.

Bisher waren die Regierungskonferenzen der Maßstab für das Fortschreiten der Einigung Europas. Vom heutigen Tag an werden die Regierungskonferenzen an unserem Konvent gemessen werden.

Heute bringen wir ein einzigartiges Experiment erfolgreich zu Ende. Was haben wir eigentlich getan?

Wir haben eine Verfassung entworfen für 25 und mehr Staaten, die jahrhundertelang mit Raub, Mord und Verwüstung übereinander hergefallen sind.

Eine Verfassung für 25 und mehr Staaten, die ein halbes Jahrhundert lang durch die Spaltung Europas und durch die kommunistische Diktatur von uns getrennt waren und die hier in diesem Konvent zum ersten Mal die Gelegenheit hatten, an der gemeinsamen Zukunft Europas zu arbeiten. Und ich sage allen Kolleginnen und Kollegen aus diesen Ländern: "Sie waren nicht nur Begleiter, sondern ein Gewinn für diesen Konvent!"

Eine Verfassung für 25 und mehr Staaten, die alle ihre eigene Geschichte, Traditionen, Sprache und Identität behalten wollen und die sich doch verpflichtet haben, ihr Schicksal künftig gemeinsam zu gestalten.

Dafür gibt es kein Beispiel in der Geschichte. Wir alle können stolz und dankbar sein, daß wir dabei gewesen sind.