Rede des Ministers für Wirtschaft und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen Herrn Harald Schartau anlässlich der Aktuellen Stunde „Ausbildungsnotstand in NRW – Jugendlichen neue Zukunftschancen geben!“

– Es gilt das gesprochene Wort –

I. Ausbildungsstellenmarkt
II. 100 Tage Maßarbeit für Ausbildung in NRW
III. Dauerhafte Ausbildungsbeteiligung von Unternehmen

I. Ausbildungsstellenmarkt

Anrede,
die Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt ist derzeit äußerst angespannt. Die Landesregierung registriert mit großer Sorge, in welch starkem Maße die anhaltend schlechte Konjunkturlage das Ausbildungsverhalten der Wirtschaft negativ beeinflusst.

Zur Halbjahresbilanz auf dem Ausbildungsstellenmarkt (Ende März 2003) ergibt sich folgendes Bild:

  • Bei den gemeldeten Ausbildungsstellen sind gravierende Einbrüche deutlich geworden: Mit rd. 82.100 Ausbildungsstellen lag der Wert um rd. 13.500 (- 14 %) unter dem Vorjahresergebnis. (Auch in Bayern und Baden-Württemberg liegt der Rückgang in dieser Größenordnung: Bayern: – 14,3 %, Baden-Württemberg: – 14, 4 %.)
  • Zugleich hatten sich ca. 98.350 Jugendliche bei der Arbeitsverwaltung als Bewerberinnen und Bewerber für einen Ausbildungsplatz gemeldet. Das waren knapp 1.600 oder 1,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Im Ruhrgebiet ist die Zahl der Bewerber um Ausbildungsstellen in diesem Jahr sogar höher als im Vorjahr (+ 1,4 Prozent).
  • Regional ist die Situation uneinheitlich. Während der Ausbildungsmarkt im Münsterland sowie in Bonn, Düsseldorf und Köln zahlenmäßig noch in etwa ausgeglichen ist, sieht es in anderen Bezirken, insbesondere im Ruhrgebiet, deutlich schlechter aus.
  • Flexibilität und Mobilität sind daher von den Bewerbern gefordert. Zu viele junge Leute beschränken sich auf wenige Ausbildungsberufe, obwohl Unternehmen in alternativen Berufsfeldern Auszubildende suchen. Recht gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz gibt es z.B. in den Berufen „Kaufmann/-frau im Groß- und Außenhandel; Fachmann/-frau für Systemgastronomie; Hotelfachmann/-frau; Gebäude-reiniger; Eisenbahner im Betriebsdienst; Fachverkäufer im Nahrungsmittelhandwerk; Fleischer; Landwirt“.

    II. 100 Tage Maßarbeit für Ausbildung in NRW

    Die Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt können wir nicht länger hinnehmen. Wir – das sind alle Partner im Ausbildungskonsens NRW – haben es hier mit einer Gemeinschaftsaufgabe zu tun, die das volle Engagement aller Beteiligten erfordert. Alle Kräfte, die im Land Verantwortung für Ausbildung tragen, müssen mobilisiert werden – und ich beziehe dabei die Schulen, Eltern und Jugendlichen mit ein.

    Am 26.02.03 haben sich die Spitzenvertreter im Ausbildungs-konsens NRW zu einem Aktionsprogramm „100 Tage Maßarbeit für Ausbildung in NRW“ verabredet.

    Wir haben gemeinsame Maßnahmen vereinbart, um den Ausbildungsmarkt wieder in den Griff zu bekommen.

    Das wichtigste Ziel bleibt unser Versprechen im Ausbildungskonsens NRW „Jeder junge Mensch, der ausgebildet werden will, wird ausgebildet“.

    In bisher einmaliger Form werden im Rahmen dieser Aktion alle landesweiten, regionalen und lokalen Aktivitäten der Landesregierung und der Partnerorganisationen im Ausbildungskonsens NRW in der Zeit von Ende April bis Ende Oktober 2003 in einem Aktionsplan abgestimmt und gebündelt.

    Unsere zentralen Ziele sind dabei, das Ausbildungsengagement der Unternehmen zu stärken und die angebotenen Ausbildungsplätze zu besetzen.

    Am 29. April 2003 werden wir das Aktionsprogramm „100 Tage Maßarbeit für Ausbildung in NRW“ starten.

    III. Dauerhafte Ausbildungsbeteiligung von Unternehmen

    Diese bundesweit einmalige Mobilisierungskampagne ist die eine Seite der Medaille. Daneben wollen wir konkrete Schritte in die Wege leiten, um die Unternehmen dauerhaft für Ausbildung zu motivieren. Einige Beispiele:

  • Wir brauchen eine bessere Berufsvorbereitung der Schülerinnen und Schüler in den allgemein bildenden Schulen. Die Kooperation von Schulen, Eltern und Unternehmen muss landesweit zur Selbstverständlichkeit werden. Wir wollen erreichen, dass zukünftig jede weiterführende Schule in Nordrhein-Westfalen aktiv und auf Dauer angelegt mit mindestens einem Unternehmen kooperiert.
    Diese Form der Zusammenarbeit bildet eine entscheidende Voraussetzung, um die Jugendlichen optimal auf das Berufsleben vorzubereiten. Die Schülerinnen und Schüler erhalten bessere und tiefere Kenntnisse über wirtschaftliche Zusammenhänge.
    Weiterhin ist ein guter Überblick über das Berufsspektrum entscheidend für eine passgenaue Berufswahl. Für die Unternehmerinnen und Unternehmer liegt der Vorteil solcher Kooperationen darin, dass sie den jungen Menschen frühzeitiger die Anforderungen der Wirtschaft näher bringen können.
  • Aber auch für die Lehrer ist die Wirtschaftsorientierung heute zwingend erforderlich. Die Konsenspartner werden sich daher für eine deutliche Ausweitung der Lehrerbetriebspraktika einsetzen. Zumindest alle Lehrerinnen und Lehrer in den Schulabgangsklassen sollen an Betriebspraktika teilnehmen. Wie will man denn sonst Jugendlichen die Welt der Wirtschaft erklären, wenn man selbst keine Einblicke in das Unternehmensgeschehen gewonnen hat?
  • Insgesamt müssen wir alles tun, um die Bildungsvoraussetzungen der Schulabgängerinnen und Schulabgänger weiter zu verbessern.
  • Der Schulbereich hat hier ja bereits reagiert und Verbesserungen in den Lehrplänen der Fächer „Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaften und Fremdsprachen“ eingeleitet. Dies müssen wir konsequent fortsetzen.
  • Die zwischenzeitlich in den allgemein bildenden Schulen eingeleiteten Maßnahmen werden naturgemäß erst in den kommenden Jahren spürbar werden. Damit bleibt die Aufgabe, auch in der beruflichen Ausbildung stützenden Unterricht zu erteilen. Die Berufskollegs werden sich dieser Aufgabe weiter annehmen.
  • Hierzu gibt es bereits eine Reihe von Möglichkeiten. Stützende Maßnahmen müssen noch stärker im Zusammenhang mit der dualen Ausbildung durchgeführt werden. Die Möglichkeiten der Arbeitsverwaltung im Rahmen der ausbildungsbegleitenden Hilfen müssen hier auch zukünftig in vollem Umfang eingesetzt werden. Die Jugendlichen müssen verpflichtet werden, diese Angebote anzunehmen. Wie dies möglich sein kann, wird zurzeit geprüft.
  • Mehr differenzierte Ausbildungsberufe schaffen: Kaum ein Thema wird so heiß diskutiert wie die Schaffung neuer Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche mit schlechten Startchancen. Dabei höre ich von vielen – insbesondere kleinen und mittelständischen – Unternehmen die Klage, dass sie ihre angebotenen Ausbildungsplätze immer schlechter besetzen können, weil sie keine geeigneten Bewerber und Bewerberinnen finden.
  • Das hängt ganz wesentlich damit zusammen, dass bei der Modernisierung von Ausbildungsberufen inzwischen hochkomplizierte technologische Neuerungen eingebaut werden, bei denen oft schon gestandene Meister und Ausbilder gefordert sind.
  • So entsteht dann der Eindruck, dass viele Ausbildungsberufe sich weniger stark an dem 90-prozentigen Alltagsgeschäft der Betriebe ausrichten, sondern sich dem Anspruch kleiner Vordiplome annähern. Da diese Erfahrungen ganz praktisch die Ausbildungszurückhaltung der Betriebe verstärken, müssen wir endlich dazu kommen die Diskussion um die Schaffung differenzierter Ausbildungsberufe, die sich an den Möglichkeiten der Jugendlichen und der Ausbildungsbetriebe orientieren, frei von ideologischen Scheuklappen zu führen.
  • Damit ist natürlich der Bundesverordnungsgeber gefragt, der die Verantwortung für die bundesweite Anerkennung von Ausbildungsberufen trägt. Dabei weiß ich, dass der Bundeswirtschaftsminister Clement hier ein ebenso wichtiges Handlungsfeld für die Sicherung unseres dualen Ausbildungssystems sieht wie ich selbst. Ich bin davon überzeugt, dass wir in Nordrhein-Westfalen hierfür wichtige Impulse geben können.
  • Ich selbst bin mit dem nordrhein-westfälischen Kfz-Handwerk im Gespräch, um einen Ausbildungsberuf für Jugendliche mit schlechten Startchancen auf den Weg zu bringen. Mit allen Partnern im Ausbildungskonsens habe ich vereinbart, dass wir an einem solchen konkreten Beispiel in NRW erproben, welche Auswirkungen sich auf die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen und für den weiteren beruflichen Weg der jungen Menschen ergeben.
  • Darüber hinaus brauchen wir über alle Branchen hinweg mehr differenzierte Ausbildungsmöglichkeiten, die auch die Potenziale lernschwächerer Jugendlicher berücksichtigen.
  • Falsch ist es, immer mehr Weiterbildungsinhalte in die Ausbildungsordnungen zu pressen. Deshalb plädiere ich für die Schaffung von abgestuften Ausbildungsberufen, die schon früher als erst nach drei Jahren berufliche Anerkennungen bieten.
  • Ich möchte aber gleichzeitig klarstellen, dass diese Abstufungen nicht in berufliche Sackgassen führen dürfen. Ich setze mich auf der Bundesebene dafür ein, dass künftig diese Möglichkeiten bei allen Ordnungsverfahren zur Schaffung neuer und zur Modernisierung bestehender Ausbildungsberufe geprüft werden.
  • Nicht zuletzt wird sich mein Haus im Rahmen der Aktion „100 Tage Maßarbeit für Ausbildung in NRW“ und darüber hinaus dafür einsetzen, dass die neu geschaffenen Ausbildungsordnungen auch tatsächlich bei den Jugendlichen, bei den Ausbildungsbetrieben und den Schulen vor Ort ankommen.
  • Mit gezielten Informationen in den Regionen unseres Landes wollen wir dafür sorgen, dass die bisherigen Informationsdefizite über neue Ausbildungsordnungen schneller als bisher beseitigt und die praktischen Voraussetzungen für die Abschlüsse neuer Ausbildungsverträge geschaffen werden.
  • Es gibt einen weiteren Punkt, der immer wieder von Unternehmen an mich herangetragen wird: Häufig schließen Jugendliche mehrere Ausbildungsverträge ab. Die betroffenen Betriebe erhalten oft keine Absage oder diese erst so spät, dass sie keinen geeigneten Auszubildenden mehr finden. Dies führt zum Rückzug der Unternehmen aus der Ausbildung.
  • Die Partner im Ausbildungskonsens NRW haben verabredet , den Betrieben zu empfehlen, bei Ausbildungsvertrags-Abschluss die Lohnsteuerkarte einzubehalten. Es gibt dazu schon eine Vereinbarung im Ausbildungskonsens, die über die Mitgliedsorganisationen jetzt allen Betrieben offensiv zugänglich gemacht wird.

    Im Interesse der Jugendlichen und der Unternehmen wird die Landesregierung mit den Partnern im Ausbildungskonsens NRW alles tun, um den Ausbildungsmarkt wieder in den Griff zu bekommen.

    Hierbei müssen die Jugendlichen und die Unternehmen aktiv mitarbeiten:

  • Bis zum Ausbildungsbeginn im Herbst 2003 brauchen wir in Nordrhein-Westfalen noch deutlich mehr betriebliche Ausbildungsplätze. Wir appellieren deshalb an alle Verantwortlichen in den Unternehmen, in ihrer Ausbildungsbereitschaft nicht nachzulassen und alle Ausbildungsmöglichkeiten auszuschöpfen.
  • Wir appellieren an die Jugendlichen, bei der Berufswahl offen und flexibel zu bleiben und die Chance einer guten Berufsausbildung mit Beschäftigungsperspektive zu nutzen. Eltern und Lehrer fordern wir auf, die Jugendlichen in diesem Prozess zu unterstützen.

    Ich bin sehr froh, dass die Aktivitäten der Landesregierung NRW unterstützt werden durch zielgerichtete Aktionen der Bundesregierung. Mit Kreditangeboten für neue Ausbildungsstellen aus dem Programm „Kapital für Arbeit“ und dem Abbau von bürokratischen Hemmnissen, z.B. durch die Aussetzung der Ausbildereignungsverordnung, werden die Ausbildungs-Voraussetzungen erheblich verbessert.

    Noch in dieser Woche werden Herr Clement und Frau Bulmahn weitere konkrete Initiativen im Rahmen einer Ausbildungsoffensive vorstellen.

    Bei allen Hilfen durch Bund und Land muss ich aber deutlich darauf hinweisen, dass es ohne das verstärkte Engagement der Wirtschaft nicht geht. Die Wirtschaft trägt die Hauptverantwortung für ein ausreichendes Angebot an Ausbildungsplätzen. Es kann nicht sein, dass nur ein Drittel der Unternehmen überhaupt ausbildet. Im Sinne eines strategischen Managements muss es letztlich im Interesse der Unternehmen liegen, die Zahl der Ausbildungsplätze zu erhöhen, denn es geht um ihren Fachkräftebedarf der Zukunft und damit auch um ein wesentliches Gütesiegel des Wirtschaftsstandortes Deutschland.