Internationaler Frauentag

Am 19. Januar 1919, dem Tag der Wahlen zur Nationalversammlung, waren die Frauen in Deutschland zum ersten Mal wahlberechtigt. Der Rat der Volksbeauftragten, die Revolutionsregierung, hatte am 12. November 1918 die Einführung des Frauenwahlrechts beschlossen und damit eine Forderung des Erfurter Programms der SPD von 1891 erfüllt. Die SPD war die erste deutsche Partei gewesen, die die Forderungen nach voller sozialer und politischer Gleichberechtigung der Frau in einem Parteiprogramm festgeschrieben hatte.

Anfänge der deutschen Frauenbewegung
Die bürgerliche wie die proletarische Frauenbewegung entwickelten sich im 19. Jahrhundert. Für die bürgerliche Frauenbewegung stand die Forderung nach dem gleichen Recht auf Ausbildung und auf freie Berufwahl im Vordergrund. Louise Otto-Peters (1819 – 1895), die als Gründerin der deutschen Frauenbewegung gilt, forderte die Beteiligung an den "Interessen des Staates" als Recht und Pflicht für die Frauen. In der Betonung der Bedeutung, die die Berufsarbeit für die Gleichberechtigung der Frau hat, sah Clara Zetkin (1857 – 1933) das Beste an Vorarbeit, das die bürgerliche für die proletarische Frauenbewegung geleistet hat.

Proletarische Frauenbewegung
Von Clara Zetkin, der Herausgeberin der "Gleichheit", ging die Organisation der proletarischen Frauenbewegung aus. Ihr Referat "Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart" beim Gründungskongress der II. Internationale in Paris im Jahr 1889 und August Bebels Werk "Die Frau und der Sozialismus" (erstmals erschienen 1879) wurden bestimmend für die sozialistische Theorie der Frauenemanzipation. Gesetzlicher Schutz für Arbeiterinnen, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, gleiche Bildung und freie Wahl der Berufstätigkeit und die volle politische Gleichstellung gehörten zu den politischen Forderungen der proletarischen Frauenbewegung vor dem Ersten Weltkrieg.

Frauenwahlrecht
Der Protest gegen die Diskriminierung der Frauen kristallisierte sich im "Internationalen Frauentag", der am 19. März 1911 zum ersten Mal begangen wurde. Hauptforderung war das Frauenwahlrecht, das nach der Revolution am 12. November 1918 durch Erlass des Rates der Volksbeauftragten eingeführt wurde. Am 19. Januar 1919 wählten Frauen zum ersten Mal. 37 Frauen wurden in die Verfassunggebende Nationalversammlung nach Weimar entsandt, unter ihnen Marie Juchacz (1879 – 1956), die Gründerin und bis 1933 Vorsitzende der "Arbeiterwohlfahrt" und Luise Zietz (1865 – 1922), Mitglied des SPD-Vorstandes und seit 1912 zentrale Frauensekretärin.

Neue Gruppierungen
Die unterschiedlichen Positionen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung zeigten sich deutlich beim Kampf um das Frauenwahlrecht. Die konservativen und liberalen Parteien lehnten das Frauenwahlrecht ab. Vielen Frauen war die bürgerliche Frauenbewegung, die sich nicht für das Frauenwahlrecht einsetzte, zu gemäßigt. Die an politischer Emanzipation interessierten Frauen wandten sich deshalb der sozialdemokratischen Partei zu. Im bürgerlichen Lager bildete eine kritische Gruppe, zu der u.a. Minna Cauer, Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann gehörten, den "Verein für Frauenstimmrecht" (1901)

Die Spaltung der Arbeiterbewegung in SPD und USPD fand ihre Entsprechung in der proletarischen Frauenbewegung. Die Bewilligung der Kriegskredite durch die sozialdemokratische Reichstagsfraktion (mit Ausnahme Karl Liebknechts) löste bei vielen Sozialdemokratinnen Widerspruch und Empörung aus. Eine Gruppe um Lily Braun und Henriette Fürth befürwortete die Kriegspolitik, eine andere, zu der Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, Luise Zietz und Toni Sender gehörten, lehnte sie ab. 1917 schlossen sich Clara Zetkin und Luise Zietz der USPD an, 1919 traten Rosa Luxemburg und Clara Zetkin in die neu gegründete KPD ein.

Das Ende der ersten Frauenbewegung 1933
Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Diktatur 1933 war das Ende jeder emanzipatorischen Bewegung in Deutschland verbunden, auch der Frauenbewegung. Ein Teil der Frauenvereine wurde in der NS-Frauenschaft gleichgeschaltet. Die in der sozialistischen Frauenbewegung aktiven Frauen gingen in den Widerstand und ins Exil.

Kampf um Gleichberechtigung nach 1945
Nach 1945 war es nicht einfach, die Traditionen der Frauenbewegung wiederzubeleben. Zwei bedeutende Frauen personifizierten den Anspruch der Frauen auf politische Teilhabe: Louise Schröder (1887-1957), 1946 Bürgermeisterin von Berlin, und Elisabeth Selbert (1896-), auf die der Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" im Grundgesetz zurückgeht. Die Reform des Ehe- und Familienrechts und die Frauenerwerbs-tätigkeit waren zentrale Anliegen der SPD-Frauen in der Politik auf dem Weg zur Gleichstellung.

Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen – ASF
Erst mit der Gründung der Arbeitsgemeinschaft sozialdemo-kratischer Frauen (ASF) im Jahr 1972 gab es wieder eine Organisation in der SPD, die mit dem Eintreten für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Geschlechter, ökonomische Unabhängigkeit der Frau und innerparteiliche Gleichstellung an die Traditionen der alten Frauenbewegung anknüpfte. Feministische Theoriekonzepte fanden Eingang in die Arbeiterbewegung; Frauenförderung und Quotierung zugunsten der benachteiligten Minderheit wurden in der 70er Jahren fester Bestandteil der Programmatik der ASF.

Quotierung
1988 beschloss der Parteitag der SPD in Münster, eine verpflichtende Mindestquote von 40 % für Männer und Frauen in die Satzung aufzunehmen; zum ersten Mal in der Geschichte der SPD wurde eine Frau, Herta Däubler-Gmelin, stellvertretende Vorsitzende der Partei.

Literaturempfehlung:
Historische Kommission / ASF: Vom Frauenwahlrecht zurQuotierung. Frauenbewegung und Sozialdemokratie. Materialien. Bonn 1999 (Bestellnr: 380 0365 bei SPD-Parteivorstand, 10911 Berlin).

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus. Erste und 50. Auflage. Beilagen, Anmerkungen, Bibliographie und Register. Internationales Institut für Sozialgeschichte (Hg.), Verlag K.G. Saur 1996.

Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. J.H.W. Dietz, Bonn 1985 (TB-Nachdruck der Ausgabe v. 1926).