Aufruf der ASF zum Internationalen Frauentag am 8. März 2003

Noch entschiedener als Männer engagieren sich Frauen für Frieden und friedliche Konfliktlösungen, nicht nur im Zusammenhang mit dem Irak. Alle Umfragen belegen, dass sie Krieg gegen den Diktator in der Golfregion noch entschlossener ablehnen als Männer.

Denn Frauen haben in der Regel andere Erfahrungen in Krisensituationen, weil sie üblicherweise in anderen Lebenszusammenhängen leben als Männer. Ihre Analysen entstammen daher einem anderen Blickwinkel, und ihre Lösungswege verfolgen spezifische Ansätze.

Denn Frauen haben unterschiedliche Erfahrungen in Krisensituationen, nämlich eher als Teil der Zivilgesellschaft und nicht als Beteiligte militärischen Ein- oder besser: Angreifens. Sie erleben Gewalt persönlich, symbolisch und institutionell. Daher ist der Erfolg eines Friedensprozesses, der nur auf der institutionellen Ebene ansetzt, fraglich.

Die Macht der Männer kommt aus den Gewehrläufen
Bekanntlich steigt in Krisenregionen nicht nur die militärische sexuelle Gewalt gegen Frauen, die inzwischen auf internationalen Druck insbesondere aus Europa als Kriegsverbrechen anerkannt ist. Auch die häusliche sexuelle Gewalt nimmt zu. Das beiderseitige Rollenverhalten ändert sich: Frauen übernehmen gesellschaftliche Aufgaben, die ihnen zuvor verwehrt waren, um das Überleben zu sichern. Sie erlangen damit im Guten wie im Schlechten neue gesellschaftliche Macht. Die Macht der Männer kommt hingegen aus den Gewehrläufen. Das in Friedenszeiten breiter angelegte Männlichkeitsspektrum, etwa als Versorger der Familie und Partner der Frau, verengt sich. Diese Erkenntnisse spielen bei Verhandlungen zur Konfliktbeilegung jedoch meist keine Rolle. Auch die Situation der Kinder nicht.

Der Nahostkonflikt lehrt, dass Kinder den Respekt vor ihren Eltern verlieren können, wenn diese nicht in der Lage sind, ihre Kinder in der Gefahr zu schützen. Hinzu kommt ein Werteverlust von Kindern und Jugendlichen, die nicht lernen, Konflikten gewaltfrei zu begegnen, schon gar nicht, wie man die Interessen anderer berücksichtigt. Sie lernen: der Stärkere, also militärische Überlegenheit, gewinnt. Als Vorbild gilt, wer sich – ebenfalls mit Gewalt – dagegen stemmt. Das führt zu einer Verrohung der nachwachsenden (männlichen) Generation. Frauen können aufgrund ihrer Erfahrungen die menschliche Dimension eher in Friedensprozesse einbringen.
Daher gehören Frauen an die Friedenstische!

Sicherheit ist mehr als ein Schweigen der Waffen. Wenn Friedensverhandlungen als militärische Prozesse zum Schutz der Zivilgesellschaft verstanden werden, ohne die militärische Präsenz abzubauen, bleibt ein Unsicherheitsgefühl der Bevölkerung. Sicherheit muss daher als sozialer Begriff ausgelegt werden, der durch Vertrauensbildung und Entwaffnung geprägt wird.

Wir brauchen einen UN-Frauensicherheitsrat!
Analog der Forderung des israelisch-palästinensischen Frauennetzwerks Jerusalem Link, das eine israelisch-palästinensische Frauenkommission unter der Federführung der UN erreichen will, fordert die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) die Einrichtung eines den UN-Sicherheitsrat begleitenden Frauensicherheitsrates, der in alle Beratungen und Verhandlungen die Genderperspektive in ihrer ganzen Heterogenität einbringen kann und soll:

  • Frauen haben ein breiteres Erfahrungsspektrum als Männer, aber kein einheitliches. Sie sind Opfer, Überlebende, aber auch Akteurinnen und Täterinnen.
  • Frauen werden symbolisch von Kriegsparteien missbraucht, als Ikonen oder Schandbeispiel für nationale oder ethnische Identität und Sinnbild der „Ehre" (sie werden als Soldatenmütter oder Märtyrermütter verklärt oder mit Folter und Vergewaltigung für die Zugehörigkeit zu einem feindlichen Volk, einer verfolgten Ethnie usw. bestraft).
  • Frauen werden unter Loyalitätsdruck zur Unterstützung der eigenen Männer/Nation/Ethnie etc. gesetzt, grenzüberschreitende Friedensbemühungen werden als Verrat gewertet und
  • Frauen, die neue Rollen in Krisensituationen übernehmen mussten, sollten befähigt werden, diese Veränderungen in nachhaltige Persönlichkeitsstärkung auf der Basis von positiven Normen, Werten und Symbolen umzumünzen.
  • Frauen können aufgrund ihrer eigenen Unterdrückungserfahrungen in Friedensprozessen Fürsprecherrinnen für andere Unterdrückte und Machtlose sein.
  • Frauen müssen bereit sein, sich von einseitigen Klischees zu trennen. Auch Männer können Unterdrückte, Opfer und Überlebende von Gewalt sein. Eine Vielfalt von Männlichkeit (wieder)herzustellen, muss ein wichtiges Ziel in Friedensprozessen sein, um gewaltfreies ziviles (Miteinander-)Leben möglich zu machen.

    Auf den Irak bezogen, fordert die ASF, dass weiterhin alle politischen und diplomatischen Möglichkeiten geprüft werden, um eine friedliche Lösung des Irak-Konflikts zu gewährleisten.

    Saddam Hussein ist ein Fall für den Internationalen Strafgerichtshof

    Die ASF lehnt jegliche Militäraktion gegen den Irak ab, wobei ein Präventivschlag weder dem Völkerrecht, noch der UN-Charta entspricht und die Krise durch die Auswirkungen auf andere Länder in der Region nur verschärft würde.

    Die ASF stellt fest, dass die Auswirkungen des Embargos die Menschen im Irak auch ohne Krieg in eine verzweifelte Lage gebracht haben, wovon vor allem Frauen und Kinder hart betroffen sind.

    Die ASF ist sich der extremen Militarisierung der irakischen Gesellschaft und des großen Ausmaßes von Verletzungen der Menschenrechte und des Völkerrechts durch das Regime von Saddam Hussein bewusst, die jegliche politischen und demokratischen Rechte vermissen lassen. Diese lassen sich jedoch nicht einfach herbeibomben.

    Die ASF fordert, dass Wege und Mittel gefunden werden, den irakischen Führer und seine Handlanger vor dem Internationalen Strafgerichtshof zur Verantwortung für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu ziehen.

    Europas Frauen wider den Krieg
    Die ASF weiß sich einig mit der Europäischen Frauenlobby, in der über 3000 Frauenorganisationen aus allen Ländern der Europäischen Union zusammengeschlossen sind. Sie alle sagen Nein zu einem Krieg gegen den Irak.

    Krieg fördert Extremismus, Gewaltbereitschaft und blinden Hass. Er macht die Welt nicht sicherer, sondern unsicherer. Und er verschlingt unendliche Summen der knappen Finanzmittel dieser Welt, die für die Bekämpfung von Armut, Hunger und Elend bitter nötig sind.

    Statt mit Krieg die Weltwirtschaft weiter in den Keller zu treiben, muss die zivile Bekämpfung der Kriegsursachen unser Ziel sein.

    Denn: Frauen wollen Frieden