Maßnahmen für mehr Ausbildung: Ergebnisse des Spitzengespräches im Ausbildungskonsens NRW

Ein umfangreiches Maßnahmenpaket haben die Spitzenvertreter im Ausbildungskonsens Nordrhein-Westfalen beschlossen. Wirtschafts- und Arbeitsminister Harald Schartau stellte die Eckpunkte am Freitag (28. Februar 2003) vor Journalisten in Düsseldorf vor.

Einbruch bei den gemeldeten Ausbildungsstellen

Schartau: „Vorgestern haben sich die Spitzenvertreter im Ausbildungskonsens NRW zu einer Sondersitzung getroffen. Anlass war die äußerst schwierige Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt.

Die Eckdaten sind:

  • Es werden immer weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen. 2002 waren es 115.600 Neuverträge, das ist ein Rückgang gegenüber dem Vorjahr um rund 10.400 Ausbildungsverträge oder 8,3 Prozent. Damit nähern wir uns wieder dem Wert zu Beginn unseres Ausbildungskonsenses NRW 1996. Damals hatten wir rund 112.560 Neuabschlüsse zu verzeichnen. Dies hatte uns auch veranlasst, den Ausbildungskonsens NRW zu starten.
  • Auch in den ersten 4 Monaten des Berufsberatungsjahres 2002/2003 von Oktober 2002 bis Januar 2003 hat sich die Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt nicht zum Besseren gewendet. Bei den gemeldeten Ausbildungsstellen sind gravierende Einbrüche deutlich geworden: Mit rund 70.000 Stellenmeldungen lag der Wert um rund 13.800 unter dem Vorjahreswert, was einem Rückgang von 16,5 Prozent entspricht.

    Wir – das sind alle Partner im Ausbildungskonsens NRW – müssen darauf reagieren. Dabei geht es um zwei Punkte:

    1.Wir müssen gemeinsam für mehr Ausbildung werben.

    2.Wir müssen weitere Probleme der Betriebe im Hinblick auf die Ausbildung aus dem Weg räumen. Wir wollen Betriebe dazu mobilisieren, mehr auszubilden und die, dies nicht tun, dazu, in die Ausbildung einzusteigen. Zurzeit bilden 60 Prozent der Betriebe im Handwerk und rund 82 Prozent der IHK-Betriebe nicht aus.

    Neues Aktionsprogramm „100 Tage Maßarbeit für Ausbildung“

    Wir sind uns einig, dass wir auch in dieser schwierigen Situation an der Zusage festhalten wollen, dass jeder Jugendliche, der ausgebildet werden will, auch ein Angebot bekommt.

    Dies wird jedoch nicht ohne einen Kraftakt von allen Seiten gehen. Wir haben dazu ein neues Aktionsprogramm „100 Tage Maßarbeit für Ausbildung“ vereinbart, das bereits Mitte April anlaufen wird. Die Aktion wird in meinem Haus gebündelt und koordiniert. Auf breiter Front wollen wir mit umfassenden Beratungsangeboten, Orientierungshilfen, detaillierten Informationen für junge Menschen im Internet, einer Vielzahl von round-table-Gesprächen mit Verantwortungsträgern in den Regionen, intensiven Gesprächen mit Gewerkschaften und Unternehmern vor Ort zusätzliche Ausbildungsplätze schaffen und vermitteln.

    Im Rahmen dieser Aktion werden auch der Ministerpräsident und ich gemeinsam die Akquise zusätzlicher Lehrstellen betreiben und für die Besetzung freier Stellen werben.

    Wir fordern außerdem alle, die in unserem Land in Sachen Ausbildung Mitverantwortung übernehmen können, auf, mit eigenen Aktivitäten die Aktion „100 Tage Maßarbeit für Ausbildung in NRW“ zu unterstützen.

    Ausbildungssystem reformieren

    Wir wollen es aber nicht nur bei Appellen belassen. Deshalb haben wir gestern fünf Punkte verabredet, um bestehende Ausbildungshemmnisse abzubauen.

    1.Viele Betriebe klagen über Bildungsschwächen der Schulabgänger, vor allem in Deutsch und Mathematik. Hier wurde bereits reagiert und Verbesserungen in den Lehrplänen für Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaften und Fremdsprachen eingeleitet. Diese Maßnahmen werden naturgemäß erst in den kommenden Jahren spürbar werden. In der Zwischenzeit können wir die Betriebe mit dem Ausgleich dieser Defizite nicht länger allein lassen. Die Schule bleibt hier in der Pflicht. Die Berufskollegs müssen sich dieser Aufgabe annehmen. Wir werden sie gemeinsam mit der Arbeitsverwaltung dabei unterstützen. Dazu gehört aber auch, dass wir die Jugendlichen verpflichten, zusätzlich zu ihrer Arbeitszeit im Betrieb und zum Berufsschulunterricht an solchen Fördermaßnahmen teilzunehmen.

    2.Wir brauchen eine bessere Berufsvorbereitung in den allgemein bildenden Schulen. Jede weiterführende Schule muss mit mindestens einem Unternehmen kooperieren, bei kleineren Betrieben kommen auch Verbünde in Frage. Die Kammern haben gestern das Angebot erneuert, dass für jede Schule ein Betrieb zur Verfügung steht. Diese Form der Zusammenarbeit soll verbindlicher werden, ebenso die praktische Erfahrung von Lehrern, die Abgängerklassen unterrichten.

    3.Wir müssen die Ansprüche der Berufsausbildung überdenken. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen beklagen, dass bei der Modernisierung von Ausbildungsberufen inzwischen hochkomplizierte technische Neuerungen eingebaut werden, bei denen oft schon gestandene Meister und Ausbilder überfordert sind. Andererseits brauchen wir Chancen für lernschwache Jugendliche, bei denen von vorn herein klar ist, dass sie die dreijährige Ausbildung nicht schaffen. Das heißt: Wir müssen die Diskussion um die Schaffung differenzierter Ausbildungsberufe, die sich an den Möglichkeiten der weniger theoriebegabten Jugendlichen und dem Durchschnitt der Ausbildungs-betriebe orientieren, frei von ideologischen Scheuklappen führen. Seitens des Wirtschafts- und Arbeitsministeriums werden wir jetzt einen Vorstoß des Kfz-Handwerks aufgreifen und mit ihm in Übereinstimmung mit den Konsenspartnern ein Modell für eine sowohl zwei- als auch dreijährige Stufenausbildung zum heutigen Kfz-Mechaniker entwickeln. Auf diese Weise wollen wir in NRW Vorreiter sein für den Einstieg in ein differenziertes Ausbildungssystem.

    4.Parallel dazu werden dem Bund vorschlagen, dass zukünftig bei jedem Ordnungsverfahren für neue und bestehende Berufe geprüft wird, ob die entsprechende Ausbildung auch Abschlüsse sowohl nach zwei als auch nach drei Jahren zulässt.

    5.Ein weiterer Punkt, der die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen lähmt: Häufig schließen Jugendliche mehrere Ausbildungsverträge ab. Die betroffenen Betriebe erhalten oft keine Absage oder diese erst so spät, dass sie keinen geeigneten Auszubildenden mehr finden. Wir empfehlen deshalb den Betrieben im Land, bei Ausbildungsvertrags-Abschluss die Lohnsteuerkarte einzubehalten. Über die Mitgliedsorganisationen der Konsenspartner werden wir dies allen Betrieben nahe legen.

    Darüber hinaus bin ich der Auffassung, dass wir die Unternehmen, die bereit sind, sich überdurchschnittlich für Ausbildung einzusetzen, stärker entlasten müssen. Ich werde deshalb zusätzlich zu den vereinbarten Maßnahmen an den Bund herantreten, mit dem Vorschlag, für diese Betriebe einen zusätzlichen pauschalen steuerlichen Abzug vorzusehen. Außerdem werden wir uns im Kontext von Bürokratieabbau auch der Frage annehmen, welche bürokratischen Hürden Betriebe den Einstieg in die Ausbildung erschweren.

    Ohne Appelle geht es nicht

    Zum Schluss nochmals meine Bitten:

  • Bis zum Ausbildungsbeginn im Herbst 2003 brauchen wir in Nordrhein-Westfalen noch deutlich mehr betriebliche Ausbildungsplätze. Hier geht es nicht nur um gesellschaftliche Verantwortung, sondern auch darum, dass uns sonst in den nächsten Jahren ein Fachkräftemangel nie da gewesenen Ausmaßes ins Haus steht.
  • Wir sagen der Wirtschaft dabei zu, dass wir Probleme, die im Bereich Ausbildung unzweifelhaft da sind, offen ansprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Die gestern besprochenen Maßnahmen sind ein erster Schritt, wir werden das Thema „Ausbildung“ in diesem Sinne weiter mit den Partnern im Konsens bearbeiten.
  • Wir appellieren an die Jugendlichen, bei der Berufswahl offen und flexibel zu bleiben und die Chance einer guten Berufsausbildung mit Beschäftigungsperspektive zu nutzen. Eltern und Lehrer fordern wir auf, die Jugendlichen in diesem Prozess zu unterstützen.“