Birgit Fischer: Türkische Zuwanderinnen und Zuwanderer sind Teil unserer Gesellschaft

„Entgegen mancher Vorurteile sind türkische Zuwanderinnen und Zuwanderer zu einem Teil unserer Gesellschaft geworden. Sie sind besser ausgebildet als früher, machen beruflich Karriere und nur ein kleiner Teil lebt in türkisch geprägten Wohnvierteln. Sie setzen auf eine gute Ausbildung ihrer Kinder – auch der Mädchen! – und sehen in Deutschland bessere Chancen für die Kinder als in der Türkei. Viele wollen auf Dauer hier bleiben, sie kaufen Häuser und etwa die Hälfte ist bereits eingebürgert oder denkt darüber nach.“

Das sagte NRW-Sozialministerin Birgit Fischer anlässlich der Vorstellung einer von ihrem Ministerium in Auftrag gegebenen Befragung türkischer Migrantinnen und Migranten durch das Zentrum für Türkeistudien. Einige Ergebnisse der Befragung vom Juli 2002:

Bildung und Wohnsituation

  • Unter den 18- bis 29-Jährigen haben ca. 10 % keinen Schulabschluss, ca. 26% haben einen Hauptschulabschluss, ca. 19 % einen Realschulabschluss, ca. 21 % einen Fach- oder Fachhochschulabschluss und ca. 26 % das Abitur.
  • 55 % wohnen in Gegenden, in denen überwiegend Deutsche leben, nur ein Viertel in Wohngegenden mit überwiegend türkischer Bevölkerung.

    Zukunftsperspektiven der Kinder

  • 94 % halten eine Berufsausbildung – auch für Mädchen – für wichtig.
  • 74 % sind der Meinung, dass die Perspektiven der Kinder in Deutschland besser sind als in der Türkei.
  • 71 % halten die Chancen der Kinder heute für besser als früher.

    Bereitschaft zur Integration

  • Auf die Frage, ob sie in naher Zukunft Wohneigentum erwerben wollen, antworten 54 % mit „ja“, 34 % mit „nein“, 7 % mit „weiß nicht“ (keine Antwort: 5 %).
  • Ein Drittel der Befragten hat die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.
  • 19 % überlegen, sich einbürgern zu lassen.

    Die Ergebnisse der Befragung – so die Ministerin weiter – bestätigten die Landesregierung auf ihrem Kurs: „Wir sehen Zuwanderinnen und Zuwanderer als einen selbstverständlichen Teil dieser Gesellschaft. Wir eröffnen ihnen Chancen und Teilhabemöglichkeiten und versuchen, Probleme nicht für sie, sondern mit ihnen zu lösen. Besondere Anstrengungen unternehmen wir bei Bildung, Ausbildung und Arbeitsmarkt, denn hier liegt der Schlüssel für eine gelingende Integration.“

    Beispielsweise habe die Landesregierung die vorschulische Sprachförderung erheblich ausgebaut und die Mittel dafür von 2 Millionen € im Jahr 2002 auf 5 Millionen € in 2003 gesteigert.

    Sozialministerin Birgit Fischer: „Andere Bundesländer beneiden uns um unser leistungsfähiges Netz von Regionalen Arbeitsstellen (RAA) zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien. Sie beraten Kinder, Jugendliche und Eltern an den Übergängen in die Grundschule, die weiterführende Schule und in den Beruf.“ Das Land fördert die 27 RAA in diesem Jahr mit rund 5,6 Millionen €.

    Das Sozialministerium hat im vergangenen Jahr die Kampagne „Zugewanderte: Chance für Wirtschaft und Verwaltung“ gestartet. Gemeinsam mit Arbeitgebern, Kammern, Landesarbeitsamt und Gewerkschaften sollen die besonderen Potentiale junger Zuwanderinnen und Zuwanderer aufgezeigt werden – beispielsweise Zweisprachigkeit und interkulturelle Kompetenzen – und damit der Nutzen, den die Gesellschaft von Zuwanderern hat.

    Im vergangenen Jahr hat das Zentrum für Türkeistudien auch Fragen zu den Auswirkungen der Anschläge vom 11. September 2001 gestellt: 38 % der Befragten haben demnach eine Verschlechterung im Verhältnis zwischen Deutschen und Türken wahrgenommen, jeder Zwölfte hat Anfeindungen und Diskriminierungen erlebt. Allerdings gab auch ein Drittel der Befragten an, dass es durch die Anschläge zu positiven, konstruktiven Diskussionen mit deutschen Kollegen, Nachbarn und Freunden gekommen sei.

    Sozialministerin Birgit Fischer: „Die Anschläge in Amerika und in anderen Teilen der Welt und die Bedrohungen, die immer wieder auch für Deutschland geschildert werden, dürfen nicht das Verhältnis zwischen Deutschen und Muslimen vergiften. Wir müssen uns gegen Diskriminierung stellen, miteinander reden und eine Kultur der Anerkennung schaffen.“

    Nordrhein-Westfalen – so die Ministerin weiter – verfüge über bundesweit vorbildliche Strukturen zur Beteiligung von Migrantinnen und Migranten in allen Bereichen: Der Migrationsausschuss im Landtag sei der einzige seiner Art in Deutschland, die Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Migrantenvertretungen leiste hervorragende Arbeit, der Integrationsbeauftragte der Landesregierung baue Brücken zwischen Migranten und Mehrheitsgesellschaft, das Landeszentrum für Zuwanderung in Solingen organisiere den Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis, und ein vom Land gefördertes, gut ausgebautes Netz von Migrationssozialdiensten, Migrantenselbstorganisationen und interkulturellen Initiativen trage dazu bei, Migranten an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen.

    Die jährliche Befragung „Perspektiven der Integration der türkischstämmigen Migranten in Nordhrein-Westfalen“ wurde im Jahr 1999 erstmals durchgeführt. Im Auftrag des NRW-Sozialministeriums befragt das Zentrum für Türkeistudien (Essen) eine repräsentative Auswahl von 1.000 in Nordrhein-Westfalen lebenden türkischen Zuwanderinnen und Zuwanderern.