Nordrhein-Westfalen zuerst

Nordrhein-Westfalen war und bleibt eine zentraleuropäische Region der Begegnung von Kulturen und der Integration zugezogener Menschen. Ob Industriegeschichte, Fußball, Arbeiterkultur, Vereinswesen oder Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg – ohne die Aufgeschlossenheit der im Rheinland, im westfälischen oder im lippischen tief Verwurzelten und der Sehnsucht vieler Menschen zwischen Weser und Rhein ein besseres Leben und Heimat zu finden, wären wir nicht so stark. Und die heutigen spezialisierten Arbeitsplätze wie im Software-, Umwelt- oder Dienstleistungsbereich ziehen wieder Menschen aus der ganzen Welt an. Diese Offenheit und die Vielfalt macht Nordrhein-Westfalen zu dem Land, in dem ich mich wohl fühle.

Meine politische Heimat ist seit 33 Jahren die SPD. 1969 ging die große Koalition zu Ende und Willy Brandt wechselte das Biedermeier der Nachkriegszeit aus und brach die Verkrustungen in der Ostpolitik auf. Die Aufbruchstimmung hat mich damals begeistert und zur Sozialdemokratie gebracht. Mein Respekt vor Regierungswerk in turbulenten Zeiten gilt Helmut Schmidt, der wie ich aus Hamburg stammt und den ich in den siebziger Jahren im Bundeskanzleramt erlebte.

Einem Pragmatiker, der versucht, das Machbare umzusetzen und das Wünschenswerte dabei nicht aus den Augen zu verlieren, wird gelegentlich der Vorwurf der Gefühlskälte oder Arroganz gemacht. Bei Helmut Schmidt wurde das zusammengefasst mit dem Spitznamen „Schmidt Schnauze“, was Direktheit, Ungeduld und einen kühl-rationalen Umgang mit Problemen beschreiben sollte.

Was ich bei Hans Matthöfer im Bundesforschungsministerium und im Kanzleramt gelernt habe, hat mir später geholfen, komplexe Zusammenhänge und Probleme soweit zu reduzieren, dass sie Entscheidungen zugänglich sind. Klaus Matthiessen hat mir eingebimmst, dass die Ausübung demokratisch verliehener Macht nichts Unschickliches ist.

Als Büroleiter von Johannes Rau habe ich gelernt, dass man die Menschen mögen und ihre Lebensverhältnisse kennen muss, um Politik zu machen.

Johannes Rau wollte stets verschiedene Meinungen hören – er ist ein guter Zuhörer –, um dann verantwortlich zu entscheiden. Dieses Zuhören und Zusammenbinden unterschiedlicher Sichtweisen zu tragfähigen und wirkenden Kompromissen sind Qualitäten, die mir haften geblieben sind.

„Auch derjenige, der die Welt so beschreibt, wie sie ist, verändert sie.“ Mit diesem Zitat kann ich mich anfreunden. Dazu kommt: Nichts ist in der Politik schlimmer als Zweideutigkeit – und gebrochene Versprechungen. Zuhören zu wollen, Entscheidungen ab zu stimmen und zu fällen, Mehrheiten zu organisieren, den Ausgleich suchen und dennoch die Ziele im Alltag nicht aus den Augen zu verlieren – das wäre meine Orientierung.

In meinem Wahlkreis im östlichen Ruhrgebiet bin ich wie mein norddeutscher Vorgänger Klaus Matthiessen schnell heimisch geworden. Und ich habe umgekehrt nicht den Eindruck, dass die Menschen dort mir gegenüber fremdeln – im Gegenteil.

Meine Familie gibt mir Bodenhaftung, weil sie die liebenswertesten Kritiker vereint. Meine Frau Gertrud ist Rheinländerin und Lehrerin mit Leib und Seele und wird mich mit Bönnschem Platt gewiss ein paar Mal retten können. „Wir in Nordrhein-Westfalen“ ist das Lebensgefühl, das die Menschen in unserem Land verbindet und „Nordrhein-Westfalen zuerst“ ist das selbstbewusst vorgetragene Bekenntnis der nordrhein-westfälischen SPD.

Glück auf!
Euer Peer Steinbrück