Bundeskanzler Schröder: Die Tage im August 2002 haben gezeigt: Aus der deutschen Einheit ist die Einheit der Deutschen als Einheit der Herzen gewachsen.

Bildmontage Gerhard Schröder Portrait vor Deutschland-Fahne

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

im August diesen Jahres brach zunächst über Tschechien und Österreich, dann über weite Teile Deutschlands eine Hochwasserkatastrophe bisher ungeahnten Ausmaßes herein. Sie richtete vor allem in Sachsen und Sachsen-Anhalt die schwersten Verwüstungen an, die Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg er-leben musste.

Vieles, was Menschen sich in Jahren mit Fleiß und Arbeit aufgebaut hatten, wurde in wenigen Tagen, oft in Stunden vernichtet: Mit einer unglaublichen Wucht zerstörte die Flut Hausrat, Häuser und Wohnungen, gewerbliche und landwirtschaftliche Betriebe, Straßen, Brücken und Bahnschienen. Mit den Hinterbliebenen haben wir um die Opfer des Hochwassers getrauert.

Was aber die betroffenen Menschen vor Ort zugleich erfahren haben, war eine unglaubliche Welle persönlicher Hilfsbereitschaft und kollektiver Solidarität. Zehntausende Helfer kämpften unermüdlich und aufopfernd gegen das Hochwasser. Unser ganzes Land war vereint in einem Ziel: den Opfern der Flut Schutz und Hilfe zu bieten und, soweit menschenmöglich, noch Schlimmeres zu verhindern. Die Tage im August 2002 haben gezeigt: Aus der deutschen Einheit ist die Einheit der Deutschen als Einheit der Herzen gewachsen.

Mit der Feier, die heute in den Leipziger Messehallen stattfindet, wollen wir von ganzem Herzen den fast 130.000 Helferinnen und Helfern Dank sagen. Sie haben den Opfern in schweren Stunden beigestanden; Sie haben mit allem Einsatz ge-rettet, was irgend möglich war. Und ohne Ihren erfolgreichen Kampf um die Deiche wäre das Ausmaß der Katastrophe weit größer gewesen.

Dieser Dank gilt den Frauen und Männern des Technischen Hilfswerkes, des Bundesgrenzschutzes und der Freiwilligen Feuerwehren. Er gilt ebenso den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Deutschen Roten Kreuzes und des Arbeiter-Samariter-Bundes, der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, des Malteser Hilfswerkes und des Johanniterordens.

Und wir haben den mehr als 44.000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr Dank zu sagen, die gemeinsam mit polnischen, französischen und amerikanischen Kameraden schwierige Probleme gemeistert und damit vielen Menschen Sicherheit und Vertrauen geben konnten. Spätestens seit diesen Tagen im August haben alle erfahren, was es heißt, "Bürger in Uniform" zur Seite zu haben.

In den Dank schließe ich auch die vielen – und insbesondere die vielen jungen – Menschen ein, die ihren Urlaub abbrachen, ihre Arbeitsstellen, Schulen und Hochschulen für einige Zeit verließen, um einfach mit anzupacken. Nicht zu vergessen all jene, die großzügig auf die vielen Spendenkonten einzahlten. Mittlerweile sind weit mehr als 150 Millionen Euro an Spenden zusammengekommen. Und schließlich haben die unzähligen Hilfsangebote buchstäblich aus allen Teilen der Welt gezeigt, dass wir Teil einer Völkerfamilie sind – auch dafür unseren Dank.

In den zurückliegenden Monaten hat sich unser Land von vielen guten Seiten gezeigt: als solidarische Zivilgesellschaft, in der sich, wer in Not ist, auf die anderen verlassen kann; aber auch als funktionierender föderaler Staat in einem zusammenwachsenden Europa. So haben wir für die Beseitigung der Schäden, mit der bereits begonnen worden ist, einen Fonds über fast 10 Milliarden Euro eingerichtet.

Ich bin zuversichtlich, dass sich die großartige Erfahrung der Hilfe, der Solidarität und des Gemeinsinns, die die Menschen in den Flutgebieten und in ganz Deutschland gemacht haben, auch für die Zukunft bewahren lässt. Denn Gemeinsinn und Solidarität machen unser Land stark. Und sie machen uns fähig, auch größte Herausforderungen zu meistern. Gemeinsinn und Solidarität sind deshalb ein großer Schatz, den wir hüten und mehren wollen.