Gerhard Schröder in seiner alten Heimat: Ein umjubeltes Wiedersehen

Publikum während der Wahlkampfveranstaltung in Bielefeld am 19. 09. 02Schlussapplaus während der Wahlkampfveranstaltung in Bielefeld am 19. 09. 02Rede von Gerhard Schröder während der Wahlkampfveranstaltung in Bielefeld am 19. 09. 02

Triumphale Rückkehr von Gerhard Schröder in seine ostwestfälische Heimat. Über 4000 Menschen bereiteten dem SPD-Vorsitzenden am Donnerstag einen begeisterten Empfang in der voll besetzten Bielefelder Stadthalle.

Schon Stunden vor dem Eintreffen des Bundeskanzlers hatten sich lange Schlangen vor dem Eingangsbereich zur Stadthalle gebildet. Und niemand der erwartungsfrohen Besucher brauchte sein Kommen zu bereuen – denn kurzweilige Talkeinlagen mit den SPD-Bundestagskandidaten Melanie Schulz, Ute Berg, Klaus Brandner, Hermann Haack, Lothar Ibrügger, Rainer Brinkmann und Wolfgang Spanier sorgten ebenso für flotte Unterhaltung wie musikalische Einlagen der Cover-Band „Beatbox“.

Um Punkt 17 Uhr erfolgte der Einmarsch von Bundeskanzler Gerhard Schröder, der von NRWSPD-Chef Harald Schartau und dem Bielefelder SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Rainer Wend auf die Bühne begleitet wurde. Hunderte von Plakaten mit dem eingängigen Slogan „Dranbleiben, Gerd!“ wurden von seinen Anhängern in die Höhe gestreckt, Sprechchöre „Gerhard, Gerhard“ wurden skandiert.

„Gerhard, wir werden dir wie vor vier Jahren ein tolles Ergebnis in Bielefeld bescheren“, so Dr. Rainer Wend in seiner Eröffnungsrede. „Du hast schließlich eine besondere Beziehung zu Bielefeld, weil du hier aufs Westfalen-Kolleg zur Schule gegangen und dein Abitur gemacht hast.“

Harald Schartau prognostizierte dem bayerischen Herausforderer eine klare Abfuhr am kommenden Sonntag: „Stoiber wird merken, dass die Menschen in NRW ein gutes Gedächtnis haben. Sie werden diejenigen nicht wieder ranlassen, die die Karre bis zu ihrer Abwahl vor vier Jahren so tief in den Dreck gefahren haben. Stoibers Konzepte haben mit sozialer Gerechtigkeit so viel zu tun wie eine Kuh mit dem Tangotanzen.“ Dem Herausforderer, so Schartau weiter, fehle es an Kompetenz in schwierigen Aufgabenfeldern: „Bei schönem Wetter und bei ruhiger See kann er vielleicht ein Boot führen. Wenn aber Probleme auftauchen, verkriecht er sich in den bayerischen Wäldern und wird nicht mehr gesehen.“

Bundeskanzler Gerhard Schröder bedankte sich zu Beginn seiner Rede bei Dr. Rainer Wend für die persönlichen Einführungsworte, ergänzte aber schelmisch Ausdruck: „Ich bin hier in Bielefeld nicht nur zur Schule gegangen. Es gab da Dinge, die weitaus schöner waren. Aber Einzelheiten kann ich nicht nennen, weil meine Frau Doris heute dabei ist.“ Herzliches Gelächter in der Bielefelder Stadthalle.

Energisch verteidigte Schröder seine Bemühungen in der aktuellen Mobilcom-Krise: „Ich kann nicht verstehen, dass mir die Opposition deswegen Vorwürfe macht. Für mich ist es Aufgabe des Staates, in einer solch schwierigen Situation Hilfe anzubieten. Und es ist allemal besser, Arbeit zu finanzieren, als Arbeitslosigkeit finanzieren zu müssen.“ Hart ging der Kanzler in diesem Zusammenhang mit der gegen ihn von der „Zeitung mit den großen Buchstaben“ initiierten Kampagne ins Gericht: „Hierzu kann ich nur sagen: Bild lügt nie, und die Erde ist eine Scheibe.“

Die Aufgaben der nächsten Regierungszeit fasste Schröder in vier Kernpunkten zusammen:

-Balance schaffen zwischen den Interessen des Kapitals und den Interessen selbstbewusster Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

-Schluss machen mit der unsinnigen Gegenüberstellung von Ökologie und Ökonomie – Weitere Investitionen in Klimapolitik und Energiepolitik.

-Sicherung eines qualitativ hochrangigen Bildungssystems, das jedoch auch offen steht für Angehörige sozial schwächerer Gruppen.

-In internationalen Fragen Ausgleich zwischen der Wahrnehmung von Bündnisverpflichtung einerseits und eigener Entscheidungsgewalt andererseits. Schröder: „Über existenzielle Fragen deutscher Politik wird in Berlin entschieden, und nirgendwo sonst.

Gerhard Schröder gab den 4000 begeisterten Zuhörern am Ende seiner mit minutenlangem Beifall honorierten Rede die richtige Taktik für den Wahl-Sonntag mit auf den Weg: „Hingehen, noch möglichst viele mit ins Wahllokal nehmen, und dann Doris’ ihren Mann seine Partei wählen.“