„Steht auf, wenn Ihr Gerhard wollt!“

Publikum während der Wahlkampfveranstaltung in Gelsenkirchen am 17. 09. 02
"Steht auf, wenn ihr Gerhard wollt"
Plakat Bergleute danken Gerhard Schröder am 17. 09. 02 in Gelsenkirchen
Hunderte Bergleute dankten Gerhard Schröder mit Transparenten für seine Unterstützung

Pure Volksfeststimmung auf dem Gelsenkirchener Hauptmarkt am Dienstagnachmittag. Über 6000 Menschen versammelten sich im Herzen der Ruhrpott-Stadt, um Bundeskanzler Gerhard Schröder zu empfangen. Auch umliegende Gastronomen hatten sich auf den Besuch des SPD-Vorsitzenden eingestellt: der „Kosmos-Grill“ warb mit einer „Original-Schröder-Currywurst“, die unweit der Bühne gelegene Gaststätte „Zum Sieger“ (ein gutes Omen für den kommenden Wahl-Sonntag) hatte den Bierpreis auf bürgerfreundliche 1,30 € pro 0,4-Liter-Glas gesenkt.

Für beste Laune bei den Besuchern sorgten vor dem Auftritt des Kanzlers auch die Cover-Band „The Chains“ mit fetzigen Beatles- und Beach-Boys-Songs und ein amüsantes Stehgreif-Interview zwischen Moderator Frank Buschmann und Entertainer Götz Alsmann („Stoibers so genanntes Kompetenzteam ist in Wahrheit ein Inkontinenzteam – sie können das Wasser einfach nicht halten.“).

Ohrenbetäubender Jubel brandete auf, als der Kanzler um kurz nach 17 Uhr den proppenvollen Hauptmarkt durchschritt und ein Bad in der Menge nahm. Schülerin Ricarda Töns aus Gelsenkirchen überreichte dem Kanzler ein Schalke-Trikot mit der Nummer 9 und dem Namenszug „G. Schröder“ – ein Geschenk, das der einstige Torjäger des TuS Talle und begeisterte Fußballfan Schröder strahlend entgegennahm. Gemeinsam mit dem Gelsenkirchener SPD-Bundestagsabgeordneten Joachim Poß, NRWSPD-Chef Harald Schartau und NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement betrat der Kanzler unter „Gerhard, Gerhard“-Sprechchören die Bühne.

„Eine vergleichbare Veranstaltung wie heute hat es seit 1972 in Gelsenkirchen nicht mehr gegeben“, eröffnete Joachim Poß seine Rede. „Und wir Sozialdemokraten in Gelsenkirchen werden am Sonntag auch ein Ergebnis wie 1972 bei der legendären Willy-Wahl erreichen.“

NRWSPD-Chef Harald Schartau sagte unter dem Beifall der Zuschauer: „Auch wenn hier in der Region viele nach der Arbeit schwarze Hände und ein schwarzes Gesicht haben – schwarz gewählt wird hier noch lange nicht. Herr Stoiber, sorgen Sie dafür, dass wir in Bayern schön Urlaub machen können, aber lassen Sie die Finger von der Bundespolitik!“

Ministerpräsident Wolfgang Clement dankte dem Bundeskanzler für seine „klare und unmissverständliche Haltung“ in der Irak-Frage und erinnerte daran, dass sich Schröder immer wieder in Brüssel für die Bergleute der Region und ihre Familien stark gemacht habe. Mehrere hundert Bergleute auf dem Hauptmarkt dankten es dem Kanzler mit „Schröder für Deutschland“-Rufen und Transparenten wie „Glück auf, Gerhard!“ oder „Bergleute für Schröder“.

Dann der Auftritt des Bundeskanzlers, der in seiner rot-weißen Siegerkrawatte vom 2. TV-Duell erschienen war. „Was die Bergleute schon immer wussten, nämlich dass Menschen Menschen brauchen und Solidarität keine leere Floskel ist, das haben wir in den Tagen nach der Flutkatastrophe erlebt“, so Schröder. Es reiche allerdings nicht aus, entstandene Schäden auszugleichen („Dies werden wir jetzt tun, und nicht zulasten unserer Kinder und Enkelkinder verschieben“), sondern diese Schäden müssten schon im Vorfeld durch eine intelligente Umweltpolitik vermieden werden. „Ich kann den Mist nicht mehr hören, dass es einen Gegensatz zwischen Wirtschaft und Umweltschutz gäbe“, so Schröder energisch.

Keinesfalls wolle sich der Kanzler in Sachen Arbeitsmarktpolitik von der Opposition belehren lassen: „Ratschläge von denen, die in der Spitze 900 000 Arbeitslose mehr zu verantworten hatten, brauche ich nicht. Die Böcke von gestern dürfen nicht zu den Gärtnern von heute gemacht werden.“

Der Bundeskanzler sprach sich für ein Bildungssystem aus, in dem auch denjenigen Chancen offen stehen, die „nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren“ wurden. An die Betriebe appellierte der Kanzler, mehr Ausbildungsplätze bereitzustellen. Wer dies versäume, säge an dem Ast, auf dem er morgen sitzen wolle.

Eine klare Absage erteilte der Kanzler einer Zwei-Klassen-Medizin. „Grundversorgung für die meisten und Wahlleistungen für wenige, wie es die Schwarzen wollen, wird es mit mir nicht geben. Herr Seehofer hat doch schon vor seiner Abwahl 1998 dafür gesorgt, dass zum Beispiel Zahnersatz für junge Menschen nicht mehr bezahlt wurde. Ganz nach der Devise: Wenn wir einem schon weniger zu beißen geben, wofür braucht er dann noch gesunde Zähne?“

Gerhard Schröder warb dafür, weiterhin an einem vereinten Europa zu arbeiten, in dem rechtspopulistische, auf Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit setzende Kräfte, keine Chance bekämen: „Das ist eine einzigartige Chance, die wir nicht ungenutzt lassen dürfen.“

Im Nahen Osten, der nach Schröders Auffassung „viel mehr Frieden, aber keinen neuen Krieg“ braucht, müsse die Chance einer Friedensoffensive entschlossen genutzt werden. „Dass Kofi Annan es geschafft hat, dass nun wieder Waffeninspektoren in den Irak reisen können, ist eine großartige Leistung, die Mut macht.“ Absurd nannte Schröder die Vorwürfe der Opposition, er belaste mit seinem Nein zu einer militärischen Aktion Deutschlands im Irak die deutsch-amerikanischen Beziehungen: „Freundschaft kann doch nur bedeuten, dass man auf der Grundlage gesicherter Beziehungen auch einmal Meinungsunterschiede austragen kann. Alles andere wäre nicht Freundschaft, sondern Unterordnung, und dafür eigne ich mich nun einmal nicht.“

Schröder beendete seine gut halbstündige leidenschaftliche Rede mit dem Appell an die Gelsenkirchener: „Wer mithelfen will, dass wir unser Ziel erreichen, der muss am Sonntag Doris’ ihren Mann seine Partei wählen.“ Die gut 6000 auf dem Hauptmarkt reagierten darauf mit tosendem Applaus und stehenden Ovationen. Als am Ende noch aus vielen hundert Kehlen das Lied „Steht auf, wenn Ihr Gerhard wollt!“ ertönte und sich die Zuschauer im Bereich vor der Bühne komplett von ihren Stühlen erhoben, erreichte die Stimmung den Pegel eines proppenvollen Fußballstadions.

Eines wurde beim Betrachten des begeisterten Publikums deutlich: Gerhard Schröder kann sich am kommenden Sonntag auf das Ruhrgebiet verlassen.