3500 feiern Gerhard Schröder in Essen

Gerhard Schröder auf Wahlkampftour in Nordrhein-Westfalen. Nachdem der SPD-Vorsitzende in den Tagen zuvor schon von Zehntausenden Menschen in Neuss, Düsseldorf oder Köln gefeiert worden war, sorgte er nun am Dienstagabend (10. September) in Essen für Begeisterungsstürme. 3500 Menschen, darunter auch die örtlichen SPD-Bundestagskandidaten Anton Scharf, Rolf Hempelmann und Hans Georg Bruckmann, waren in die Grugahalle gekommen, um sich zunächst am abwechslungsreichen Rahmenprogramm aus fetziger Soulmusik, türkischen Rhythmen und Talk zu erfreuen und später dann den Bundeskanzler hautnah zu erleben.

Riesenjubel um kurz nach 20 Uhr, als Gerhard Schröder zusammen mit NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement die Bühne der Grugahalle betrat und seine Anhänger strahlend mit dem „Victory“-Zeichen begrüßte. „Wir sind hier, um Doris’ ihren Mann seine Partei zu unterstützen“, eröffnete Wolfgang Clement seine Einführungsrede. Dann richtete sich Clement direkt an den bayerischen Herausforderer: „Sprüche aus Bayern haben wir lange genug gehört. 36 Jahre lang hat Bayern vom Länderfinanzausgleich gelebt, dessen Geld hier in dieser Region von tüchtigen Arbeiterinnen und Arbeitern erwirtschaftet wurde. Ohne diesen Länderfinanzausgleich stünden die Leute in Bayern immer noch in Lederhose, sicherlich aber ohne Laptop da.“

Das Stichwort Bayern lieferte eine gelungene Überleitung zum Auftritt des Bundeskanzlers: „Ich habe eine Bayerin zuhause, darüber bin ich sehr glücklich. Im Amtssitz des Bundeskanzlers brauche ich aber ganz bestimmt keinen Bayern“, so Gerhard Schröder zu Beginn seiner rund halbstündigen Rede. Er sprach von der „beglückenden Erfahrung“ einer einzigartigen Solidaritätsbekundung nach der Flutkatastrophe der vergangenen Wochen. Dies habe gezeigt, dass nicht Egoismus, sondern Gemeinsinn in der Gesellschaft gefragt seien.
„Die Schwarzen und Gelben haben geraten, die Flutschäden auf Pump auszugleichen“, so Schröder weiter. „Aber wir können dies nicht unseren Kindern und Enkelkindern auf die Schultern packen. Es muss Schluss sein mit dem ewigen Schuldenmachen unserer Vorgänger.“

Beim Thema Umwelt spannte der Kanzler einen weiten Bogen vom jüngsten Klimagipfel in Johannesburg bis hin zu den Wurzeln sozialdemokratischer Umweltpolitik: „Willy Brandt war mit seinem Nord-Süd-Bericht einer der ersten Politiker überhaupt, die auf die drohenden Probleme zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden hingewiesen haben. Dieser Tradition fühlen wir uns bis heute verpflichtet.“ Man könne „mit der Erde nicht so umgehen, als hätte man noch eine zweite im Kofferraum“.

In Sachen Arbeitsmarktpolitik räumte der Bundeskanzler ein, dass er seine ehrgeizigen Ziele aufgrund der weltwirtschaftlichen Krise nicht habe erreichen können. Allerdings lasse er sich „keine Ratschläge von denen geben, die während ihrer Regierungszeit bis zu 900 000 Arbeitslose mehr zu vertreten“ hatten – und dies sogar in Zeiten einer allseits boomenden Weltwirtschaft. „Man kann nicht innerhalb von vier Jahren alles ausgleichen, was in 16 Jahren Kohl versaubeutelt wurde,“ so der Kanzler unter dem frenetischen Applaus der Zuhörer..

Scharf ging Schröder mit gewissenlosen Managern ins Gericht, die sich selber die Taschen voll machten, ihre Arbeiter aber auf die Straße setzten: „Dieses Unwesen wollen wir nicht und das werden wir verhindern. Die Unternehmen müssen ebenso für die Menschen da sein wie die Menschen für die Unternehmen. Solidarität darf keine Einbahnstraße sein.“ Schröder appellierte an die Betriebe, wieder mehr Ausbildungsplätze anzubieten: „Wenn Ihr Ausbildungsplätze streicht, dann sägt ihr an dem Ast, auf dem ihr morgen sitzen wollt. Hört endlich auf damit!"

Schröder versprach, er werde nicht zulassen, dass die Frage, „ob ein junger Mensch Bildungschancen erhält, von Papas oder Mamas Geldbeutel abhängt“. Es gehe nicht an, dass es in Sachen Bildung einen Königsweg für die Kinder wohlhabender Eltern gebe, für alle anderen jedoch nur einen steinigen Trampelpfad. Der Kanzler forderte mehr ganztägige Betreuung in den Schulen, um Chancengleichheit der Kinder zu fördern und den Frauen größere Emanzipations-Möglichkeiten einzuräumen: „Die Frauen wollen und sollen von Stoiber nicht vorgeschrieben bekommen, wie sie zu leben haben.“

Nachdenkliche Töne schlug Gerhard Schröder an, als er seine Vision von Europapolitik vortrug. Es gebe die „einmalige Chance“, den Kontinent zu einem Kontinent des dauerhaften Friedens und des dauerhaften Wohlergehens zu machen. Diese einzigartige Chance müsse um jeden Preis genutzt werden,, wenn man nicht in finstere Zeiten zurückfallen wolle. „Die Rechtspopulisten, wie sie in Österreich oder in den Niederlanden auftauchen, sorgen für nichts anderes als Instabilität“, so Schröder. „Dem müssen wir ein Europa der Aufgeklärtheit entgegensetzen. Und dieser Impuls kann ruhig einmal von Deutschland ausgehen.“

In der Diskussion um eine mögliche militärische Aktion im Irak bezog der Bundeskanzler zum wiederholten Male eindeutig Position: „Was der Nahe Osten braucht, ist nicht mehr Krieg, sondern mehr Frieden. Unter meiner Führung wird es keine militärische Intervention im Irak geben. Dies gilt heute und dies gilt auch morgen.“ Der Kanzler ging auf die Kritik der angeblich überschatteten Beziehung zwischen Deutschland und seinen Bündnispartner ein: „Uns muss niemand an Bündnistreue und Solidarität erinnern. Aber der Inhalt von Freundschaft kann doch nur sein, dass man auf der Basis gesicherter Beziehungen auch mal Meinungsunterschiede austragen kann“.

Am Ende gab es minutenlangen Beifall und stehende Ovationen für einen mitreißenden Kanzler, der den Essener Genossinnen und Genossen mit seiner Rede voller klarer und selbstbewusst vorgetragener Positionen zusätzlichen Mut und zusätzlichen Optimismus für die verbleibenden Tage des heißen Wahlkampfs gemacht hatte.