Kämpferischer Schröder begeistert fast 10 000 Menschen in Köln

Publikum während der SPD- Kundgebung in Köln am 09. 09. 02Rede von Gerhard Schröder während der SPD- Kundgebung in Köln am 09. 09. 02Hans-Jürgen Wischnewski während der SPD- Kundgebung in Köln am 09. 09. 02

Was sonst nur im rheinischen Karneval möglich ist, schaffte Kanzler Gerhard Schröder bei seinem Wahlkampf-Auftritt am Montag (9. September) in Köln. Knapp 10 000 Menschen standen dicht gedrängt am Alter Markt, um die Rede des SPD-Vorsitzenden zu hören. Schon Stunden vor dem Eintreffen Gerhard Schröders herrschte Partystimmung rund um die Altstadt-Bühne. Die „Prinzen“ brannten ein Feuerwerk ihrer Hits ab, dazwischen fanden lockere Talk-Einlagen mit den TV-Stars Aleksandra Bechtel („Viva“) und Britta von Lojewski („Kochduell“) sowie mit den Kölner SPD-Bundestagskandidaten Dr. Lale Akgün, Dr. Rolf Mützenich, Martin Dörmann und Ernst Küchler statt.

Riesenjubel brandete auf, als der Kanzler kurz nach 17 Uhr gemeinsam mit NRWSPD-Chef Harald Schartau die Bühne betrat und den dort wartenden Hans-Jürgen Wischnewski herzlich umarmte.
Der ehemalige SPD-Bundesminister und international bewunderte Krisenmanager („Held von Mogadischu“) hatte sich zuvor klar gegen eine Beteiligung deutscher Soldaten an einem möglichen Irak-Krieg ausgesprochen: „Wer nun für Krieg im Nahen Osten plädiert, macht die Anti-Terror-Koalition kaputt. Unsere Bundeswehr soll dazu keinen Beitrag leisten.“

Bevor der Bundeskanzler das Rednerpult betrat, sorgte NRWSPD-Chef Harald Schartau mit einer kämpferischen Einführungsrede für Stimmung am Alter Markt. In Anspielung auf das von Gerhard Schröder klar gewonnene zweite TV-Kanzlerduell am Vorabend sagte Schartau unter dem Lachen der knapp 10 000 Zuhörer: „Frau Merkel hat gesagt, die Zuschauer fanden, dass Herr Stoiber kompetenter war. Wenn man also schnelles Reden mit Kompetenz verwechselt, dann wundert es einen nicht, dass die Union die Karre bis zu ihrer Abwahl 1998 so tief in den Dreck gefahren hat.“

Seine folgende gut halbstündige Rede begann der Bundeskanzler mit einem Rückblick auf die Flutkatastrophe der vergangenen Wochen. „Was lehren uns solche Krisen?“ fragte Schröder. „Sie zeigen, dass es nicht genügt, dass nur der Einzelne für sich selbst sein Glück sucht, sondern dass der Mensch auf Gemeinschaft angelegt ist. Die einzigartige Solidaritätsbekundung mit den Hochwasseropfern hat gezeigt, dass es in unserem Volk mehr Gemeinsinn gibt, als es viele wahrhaben wollten.“ Gerhard Schröder versprach, die Schäden der Flut in dieser Generation auszugleichen, um „keine Schulden auf die Schultern der kommenden Generationen“ zu übertragen.

In Sachen Arbeitsmarktpolitik räumte der Bundeskanzler ein, dass er seine ehrgeizigen Ziele aufgrund der weltwirtschaftlichen Krisensituation nicht habe erreichen können. Allerdings, so formulierte er unmissverständlich, lasse er sich „keine Ratschläge von denen geben, die während ihrer Regierungszeit bis zu 900 000 Arbeitslose mehr zu vertreten“ hatten.

Beim Thema Wirtschaft geißelte der SPD-Vorsitzende das Unwesen explodierender Vorstandsgehälter: „Es ist unerträglich, dass sich ein paar Manager die Taschen voll machen und ihre Arbeitnehmer auf die Straße setzen. Dieses Unwesen, das von Amerika zu uns rüberschwappt, wollen wir nicht und das werden wir verhindern.“ Schröder appellierte an die Betriebe, wieder mehr Ausbildungsplätze anzubieten: „Wenn Ihr Ausbildungsplätze streicht, dann sägt ihr an dem Ast, auf dem ihr morgen sitzen wollt!"

Beim Thema Bildungspolitik versprach Gerhard Schröder, er werde nicht zulassen, dass die Frage, „ob ein junger Mensch Bildungschancen erhält, von Papas oder Mamas Geldbeutel abhängt“. Er forderte mehr ganztägige Betreuung in den Schulen, um Chancengleichheit der Kinder zu fördern und den Frauen größere Emanzipations-Möglichkeiten einzuräumen: „Die Frauen wollen und sollen von Stoiber nicht vorgeschrieben bekommen, wie sie zu leben haben.“

Nachdem er sich beim Thema Gesundheitspolitik klar gegen die unter einer möglichen Stoiber-Regierung drohende Zwei-Klassen-Medizin ausgesprochen hatte, spannte der Kanzler den Bogen zu seiner Vision von geglückter Europapolitik. Es gäbe zum ersten Mal in der Geschichte Europas die Möglichkeit, den Kontinent im Ganzen zusammen zu bringen. Dies, so Schröder, sei „eine unglaubliche Chance nach so viel Leid, Elend und Blut“ der vergangenen Jahrhunderte. Besorgt zeigte er sich über das Vordringen rechtspopulistischer Kräfte wie in Italien oder den Niederlanden. „Mein Europa ist ein Europa der Ablehnung fremdenfeindlicher Kräfte, ein Europa der Mitmenschlichkeit. Mein Europa ist auch ein Europa mit sozialem Gesicht, in dem kreative Arbeitgeber und selbstbewusste Arbeitnehmer gemeinsam an einem Strang ziehen“, so der Bundeskanzler unter dem frenetischen Beifall der Kölner.

Thema Nahost: Hier verbat sich Gerhard Schröder den erhobenen Zeigefinger aus dem Lager der Union: „Uns muss niemand an Bündnistreue und Solidarität erinnern“, sagte er mit Blick auf das bekannt freundschaftliche Verhältnis zwischen der rot-grünen Bundesregierung und ihren internationalen Partnern wie England, Frankreich oder USA. „Aber der Inhalt von Freundschaft kann doch nur sein, dass man auf der Grundlage gesicherter Beziehungen auch mal Meinungsunterschiede austragen kann, wie dies zurzeit beim Thema Irak der Fall ist.“ Was der Nahe Osten brauche, sei „nicht mehr Krieg, sondern mehr Frieden“.
An die Adresse seines bayerischen Herausforderers meinte der Kanzler: „Wer Diplomatie mit Leisetreterei verwechselt, kann Deutschland nicht vertreten.“

Am Ende seiner leidenschaftlichen Rede wurde Gerhard Schröder mit minutenlangem Beifall und stehenden Ovationen gefeiert. Hunderte von Plakaten mit dem treffenden Slogan „Dranbleiben, Gerd!“ wurden in den Kölner Abendhimmel gehoben und sogar Erinnerungen an die zurückliegende Fußball-WM wurden geweckt, als der Song ertönte: „Es gibt nur ein’ Gerhard Schröder…“.

Ein mitreißender Wahlkampf-Nachmittag in der Kölner Altstadt.