Kunst für Rot-Grün: Andreas Gursky „Rhein II“

Der Künstler Andreas Gursky, dessen Fotografien zu den gefragtesten der Welt zählen, stellt eine seiner Arbeiten für Wahlwerbung der Regierungskoalition zur Verfügung. Die Verbindung stellte der Kunsthändler Helge Achenbach her, der außerdem eine Auktion für die Flutopfer in Ostdeutschland ins Leben rief. An fünf Standorten in Düsseldorf wird vom heutigen Mittwoch an Gurskys Fotografie „Rhein II“ (1998) auf Plakatwänden zu sehen sein, die unter anderem auch in London (Tate Modern) und New York in Museen hängt. Außer den Logos von „Bündnis 90/Die Grünen“ und der SPD steht auf dem Plakat zu lesen: „Kulturschaffende unterstützen Gerhard Schröder. Fotokunst Andreas Gursky“.

SZ: Wie kam es zu Ihrer Wahlhilfe für Schröder?

Andreas Gursky: Die Motivation entsprang einer persönlichen Begegnung mit Schröder während eines Empfangs in Berlin. Es war meine Idee, die Koalition insgesamt, nicht nur eine Partei zu unterstützen. Es soll aber kein Wahlplakat sein.

SZ: Kein Wahlplakat? Ich vermute, die Kampa sieht das anders.

Gursky: Mein Ziel war es, eine Irritation zu erzeugen. Durch das Abbild des Rheins werden zwar Umweltthemen assoziiert. Aber es findet sich keine Erläuterung auf dem Plakat. Es hat kontemplativen Charakter. Dadurch soll eine eindeutige und oberflächliche Rückkoppelung an die Tagespolitik verhindert werden. Und: Es ist keine Auftragsarbeit! Ich habe das Foto aus meinem Archiv ausgewählt. Es zeigt eine nachträglich digital bearbeitete Ansicht des Rheins.

SZ: Lässt sich diese Rheinlandschaft nicht hervorragend für politische Zwecke nutzen? Gerade weil sie von der wirklichen Topografie abstrahiert? Das Thema ‘deutscher Fluss’ ist ja derzeit durch Schröder eindeutig besetzt.

Gursky: Das Bild ist nicht eindeutig lesbar! Weder beschönigt es Tatsachen – in dem Sinne: Nun sind wieder Lachse im Rhein anzutreffen. Noch wird etwa eine Flussbegradigung thematisiert. Dazu wirkt es zu verführerisch mit seinen satten Grüntönen. Abgesehen davon weiß mittlerweile jeder, dass Fotos lügen. Links und rechts neben dem Bildausschnitt folgt der Rhein in Düsseldorf wieder seinem S-förmigen, natürlichen Verlauf. Ich glaube, die Autonomie des Bildes wird nicht berührt.

SZ: Wirklich? Denken Sie an Toscanis Benetton-Werbung. Er wollte mit Bildern von Katastrophen und Aidstoten provozieren, aber am Ende ging es darum, Pullover zu verkaufen.

Gurksy: Ich finde den Vergleich mit Toscanis Konzeption naheliegend, da man ja auch hier versucht ist, an die Flutkatastrophe zu denken. Es gibt bei mir allerdings kein Hochwasser. Ich beschränke mich darauf, mit den technischen Mitteln der zeitgenössischen Fotografie das Hier und Jetzt im Normalfall zu demonstrieren. Und noch einmal: Auf dem Foto steht kein Slogan, nur die Logos der Parteien sind zu erkennen.

SZ: Die Logos sind aber eindeutig lesbar. Andreas Gursky, ein Polit- Künstler, wie Klaus Staeck oder Jörg Immendorff, bekennende Kanzlerfreunde?

Gursky: Es ist eigenartig: Sonst wirft man mir und meinen Arbeiten immer mangelndes politisches Bewusstsein vor. Es ist doch kein Bild mehr unschuldig. Man kann natürlich immer weiter im White Cube ausstellen und über ästhetische Qualitäten sinnieren. Mich interessiert, wie die Leute auf diese Plakate mitten in der Stadt reagieren.

SZ: Und die Kollegen? Wie werden die reagieren?

Gursky: Sie werden mich hart attackieren, denke ich. Warten wir’s ab.

Interview: Holger Liebs