8000 bejubeln Kanzler Gerhard Schröber

Rede von Gerhard Schröder am 24. 07. 02
Kämpferische Rede von Gerhard Schröder in Neuss
Publikum auf dem Marktplatz am 24. 07. 02
Der Marktplatz von Neuss: dicht gedrängt
Choco Bronco am 24. 07. 02
Sorgten für heiße Wahlkampfstimmung: Choco Bronco

Riesenbegeisterung beim Auftritt von Bundeskanzler Gerhard Schröder am Mittwochabend (24. Juli) beim SPD-Sommerfest auf dem Neusser Marktplatz. 8000 Zuschauer aller Altersgruppen umlagerten schon zwei Stunden vor der Rede des SPD-Vorsitzenden den mit Biergartenbänken ausgestatteten Bereich vor der Bühne. Dort heizten zuerst die 30-köpfige Samba-Tanztruppe "Choco Branco" mit südamerikanischen Rhythmen, später dann die Neusser Lokalmatadore "Stixx" mit fetzigen Rock-Klassikern der 60-er bis 80-er Jahre ein.

Um 19.45 Uhr brandete ohrenbetäubender Jubel auf: Gemeinsam mit Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig, NRW-Innenminister Fritz Behrens und NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement betrat der Bundeskanzler die Bühne, winkte dem applaudierenden Publikum zu.

In seiner Eröffnungsrede lobte Kurt Bodewig, Vorsitzender der SPD im Kreis Neuss, die Arbeit Gerhard Schröders: "Wir haben unsere 1998 gemachten Wahlversprechen halten können, weil wir einen tatkräftigen Kanzler haben, der 16 Jahre Reformstau durchbrochen hat." Mit Blick über den proppenvollen Marktplatz geriet der Verkehrsminister ins Schwärmen: "So einen Andrang hat es bei einer politischen Veranstaltung in Neuss noch nie gegeben. Gerd, du kannst dich auf das Rheinland verlassen."

Als nächster Redner dankte NRW-Chef Wolfgang Clement dem Kanzler für seine tatkräftige Hilfe bei den Sanierungsbemühungen für den Oberhausener Konzern Babcock-Borsig und für seine Unterstützung bei der Förderung der nordrhein-westfälischen Verkehrssysteme: "Endlich bekommt dieses Land die finanziellen Mittel, die es verdient, und wird nicht länger zugunsten Bayerns vernachlässigt, wie es unter der früheren Regierung der Fall war!"

Dann die mit Spannung erwartete Rede des SPD-Vorsitzenden. "Wir haben in den vier Jahren unserer Regierungsarbeit vieles erreicht, aber noch nicht alles geschafft", bilanzierte der Kanzler zu Beginn und erklärte sogleich den Hintergrund für manches noch unerfüllte Vorhaben: "Die Vorgängerregierung hat uns einen gigantischen Schuldenberg von 1,5 Billionen Mark hinterlassen, für den wir allein an Zinsen jährlich 41 Milliarden Euro bezahlen müssen. Dieses Geld fehlt uns in allen Bereichen. Aber wenn wir nicht aufessen wollen, wovon unsere Kinder und Enkel auch noch essen sollen, dann müssen wir aufhören mit dem ewigen Schuldenmachen unserer Vorgänger."
Apropos Vorgänger: "Die alten wieder ranzulassen, wäre den Bock zum Gärtner zu machen. Nehmen Sie allein den Herrn Seehofer, der die Gesundheitsreform vor fünf Jahren an die Wand gefahren hat und jetzt schon wieder ran soll. Was soll das?"

Im Verlauf seiner Rede sprach sich Gerhard Schröder für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und die Beibehaltung der Regelungen beim Kündigungsschutz aus: "Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten muss die Sicherheit der Arbeitnehmer gewährleistet werden". Am Beispiel von Babcock-Borsig machte der Kanzler sein Verständnis von Arbeitsmarktpolitik deutlich: "Die Opposition hatte uns immer wieder geraten, uns in Oberhausen rauszuhalten und die Dinge dem Markt zu überlassen. Ich bin froh, auf diese Ratschläge nicht gehört zu haben. Denn ich meine, dass es besser ist, Arbeit zu finanzieren, als Arbeitslosigkeit finanzieren zu müssen."

An die Wirtschaft appellierte der Bundeskanzler eindringlich, mehr Ausbildungsplätze anzubieten: "Lasst nach mit dem Streichen von Ausbildungsplätzen. Ihr sägt an dem Ast, auf dem ihr morgen sitzen wollt!" Schröder betonte zugleich, wer glaube, die Bundesregierung werde als Ausgleich für fehlende Ausbildung Arbeitskräfte von außen ins Land holen, der täusche sich: "Es geht nicht, dass sich ein paar Manager die Taschen voll machen, ihre Arbeitnehmer aber im Stich lassen und die Verantwortung für Ausbildung künftiger Arbeitnehmer beim Bund und bei den Ländern abladen."

Auch zum aktuellen Thema Bildungspolitik nahm Gerhard Schröder deutlich Stellung: "Ich werde nicht zulassen, dass die Frage, ob ein junger Mensch Bildungschancen erhält, von Papas oder Mamas Geldbeutel abhängt. Es muss darum gehen, was der Einzelne im Kopf hat."

Am Schluss seiner kämpferischen Rede, die am Ende minutenlang mit stehenden Ovationen der Zuschauer gefeiert wurde, bat der Bundeskanzler beim versammelten Publikum um Unterstützung in den verbleibenden knapp zwei Monaten Wahlkampf: "Wir haben viel erreicht, und was wir noch nicht erreicht haben, das müssen wir und das werden wir schaffen. Wir haben noch eine ganze Menge zu tun. Packen wir es also an!"

Fazit des Abends auf dem Neusser Marktplatz:
Ein rundum gelungenes, stimmungsreiches Sommerfest und eine mitreißende Kanzler-Rede, von der wichtige neue Impulse für die heiße Wahlkampfphase im Rheinland ausgehen werden.