Meldung:
Ruhrkonferenz der SPD: Zukunftsregion im Wandel. Herausforderungen für die Metropole Ruhr im 21. Jahrhundert
I. Ökonomische Perspektiven der RuhrSPD für die Metropole Ruhr150 Jahre lang haben die Menschen im Ruhrgebiet einen wesentlichen Beitrag zur ökonomischen Entwicklung in Deutschland und Europa geleistet. Diese Leistungen - vor allem der Bergleute und Stahlkocher und ihrer Familien - haben eine Wertschöpfung erbracht, von der in Deutschland insbesondere die damals überwiegend ländlich geprägten Regionen entscheidend profitiert haben. Folge dieser Boomjahre war eine Zuwanderung hunderttausender Arbeitskräfte. Diese für deutsche Verhältnisse einmalige Integrationsleistung wirkt bis heute nach. Sie prägt uns im Ruhrgebiet. Wir sind bekannt für unsere Offenheit und Neugier gegenüber „Fremden“. Die Erarbeitung eines wesentlichen Teils des Reichtums für Deutschland und Europa hatte aber einen hohen Preis, der bis heute nicht vollständig „zurückbezahlt“ werden konnte. Das Ruhrgebiet hat einen Nachholbedarf bei der Schaffung von Dauerarbeitsplätzen gerade auch für Frauen, bei der Gründung neuer Unternehmen und bei der Anzahl mittelständischer Betriebe. Die Dienstleistungsqualität muss ebenso gesteigert werden wie die durchschnittlichen Bildungsabschlüsse. Dies alles sind notwendige Konsequenzen aus den Verwerfungen der letzten 50 Jahre. Die mehr als hundertjährige Hochphase der Montanindustrie hat darüber hinaus in der Natur und in den Innenstädten bis heute unübersehbare Strukturprobleme hinterlassen.
Mehr als andere Regionen ist die Metropole Ruhr von den Auswirkungen des demografischen Wandels betroffen. Alterungs- und Schrumpfungsprozesse sowie die ethnisch-kulturelle Differenzierung der Bevölkerung vollziehen sich hier früher und tiefer als in anderen Regionen. Diese Veränderungen verdichten sich mit den wirtschaftlichen Strukturumbrüchen zu einer komplexen Lage.
Gleichzeitig muss sich die Metropole Ruhr den Herausforderungen der Wissensgesellschaft stellen. Bei grundsätzlich vergleichbarem Bildungsniveau mit anderen Regionen der Bundesrepublik Deutschland ist bei differenzierter Betrachtung binnenregional eine Ungleichverteilung von Bildungsabschlüssen zu beobachten. Insbesondere in Stadtteilen mit multiplen Problemlagen (hohe Arbeitslosigkeit, hoher Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund, bildungsferne Elternhäuser) erleben wir, dass Kinder und Jugendliche aufgrund extrem ungünstiger Lernbedingungen weniger Chancen auf eine erfolgreiche Bildungskarriere haben. Hier entsteht ein Kreislauf von Chancenungleichheit, Bildungsbenachteiligung und Desintegration, der Perspektivlosigkeit und Armut praktisch vorprogrammiert.
Im Ruhrgebiet hat Zukunft Tradition! Weil wir die Herausforderungen genauso wie die Menschen im Ruhrgebiet kennen, sind wir überzeugt, dass die Metropole Ruhr auch weiterhin Kraftzentrum der wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes sein wird. Und wir setzen uns dafür ein, dass diejenigen, die immer wieder diese Anpassungsleistungen erbringen, an diesem Fortschritt teilhaben.
Zusammen mit Fachleuten und Kennern des Ruhrgebietes hat die RuhrSPD im zurückliegenden Halbjahr zahlreiche Workshops durchgeführt. Wir erkennen nicht nur die Herausforderungen, wir wollen auf zentralen Feldern Antworten für einen Aufbruch Ruhr formulieren.
II. Bildungspolitik für das Ruhrgebiet
Im Zentrum unserer Anstrengungen muss die Bildungspolitik stehen. Ziel ist es, ein gerechtes Bildungswesen zu schaffen, das Chancengleichheit für alle bietet und insbesondere neue Chancen für bildungsferne Bevölkerungsgruppen schafft.
III. Aktive Industriepolitik für das Ruhrgebiet
Für die ökonomische Entwicklung der Metropole Ruhr müssen wir den eingeschlagenen Pfad der Kooperation fortsetzen und die vorhandenen Stärken konsequent ausbauen. Bereits in der Vergangenheit haben wir auf eine abgestimmte Clusterpolitik für die Metropole Ruhr gesetzt. Aktuell erleben wir jedoch, dass insbesondere Mittel der Europäischen Union nicht mehr länger für zielgerichtete Entwicklungen in einer begrenzten Zahl von Clustern eingesetzt, sondern als Ersatz für eigene Förderprogramme durch Wettbewerbe in 18 Clustern in andere Regionen des Landes umgelenkt werden.
IV. Das Ruhrgebiet: Modellregion der Generationengerechtigkeit
Wir wollen die Metropole Ruhr zu einer „Modellregion der Generationengerechtigkeit“ ausbauen. Als RuhrSPD verknüpfen wir die Gestaltung dieser Herausforderung mit einer sozialen und gesellschaftspolitischen Fortschrittsperspektive, die den Menschen im Ruhrgebiet eine Verbesserung ihrer Lebensqualität ermöglicht.
Im Ruhrgebiet gehen wir dabei von drei politischen Botschaften aus:
1. Wir müssen uns vom Leitbild des Wachstums im Hinblick auf Bevölkerung und Ausbau der Infrastruktur verabschieden.
2. Der Schrumpfungsprozess erfordert eine Orientierung an regionale Verantwortungsräume. Hierzu gehört die Bereitschaft zu verstärkter interkommunaler Kooperation und zu sektor- und politikübergreifendem Denken.
3. Die demografische Herausforderung kann nur bewältigt werden, wenn die Bürgerinnen und Bürger aktiv in Partizipationsprozesse einbezogen werden. Hier sind neue kooperative Formen der Demokratie zu erproben.
Die Metropole Ruhr bietet mit ihrer spezifischen Ausgangssituation die Chance, neue Konzepte einer integrierten Stadtentwicklung zu erproben. Hierzu wollen wir einen „Masterplan Demografischer Wandel“ für das Ruhrgebiet erarbeiten, der die folgenden Handlungsfelder umfassen muss:
V. Wohnen im Ruhrgebiet
Wohnungspolitik muss heute verstanden werden als integrierter Teil von Stadtentwicklung und Stadterneuerung. Wohnungspolitik soll ihren Beitrag leisten zur Steigerung attraktiver Lebensverhältnisse. Sie soll den hier lebenden Menschen durch differenzierte Angebote Bleibeperspektiven in einem urbanen und gesunden Lebensraum bieten. Sie soll Zuwanderern und Familien attraktive Angebote machen, sich hier niederzulassen. Wie nie zuvor ist gerade im Ruhrgebiet ein qualitativ hochwertiges Angebot von Wohnungen erforderlich, um dieses Ziel zu erreichen. Dies gilt sowohl für den Neubau von Wohnungen in integrierten städtischen Lagen als auch für den Umbau von bestehenden Stadtquartieren.
Der Wohnungspolitik kommt erhebliche Bedeutung bei der Verhinderung der Spaltung der Stadtgesellschaft zu. Die Horizontale und vertikale Mobilität in der städtischen Gesellschaft der Region ist hierfür die Voraussetzung.
Stigmatisierte Wohnquartiere behindern diesen Prozess. Wohnungspolitik soll daher dazu beitragen, diese soziale und räumliche Durchlässigkeit auch in Zukunft zu ermöglichen. Die Integration von Migrantinnen und Migranten auch bei einer zunehmenden ethnischen Homogenisierung einzelner Stadtquartiere oder sogar Stadtteile muss gewährleistet werden.
Der Immobilienmarkt in der Region hat in den letzten Jahren tiefgreifende Veränderungen erfahren. Finanzinvestoren haben mit renditeorientierten Geschäftsmodellen, die auf schnellen Umschlag von Wohnungen eher als auf langfristige Anlagen ausgerichtet sind, erhebliche Unsicherheit insbesondere in schwierigen Stadtteilen erzeugt. Langfristig wertsichernde Investitionen sind damit in Frage gestellt.
Der Strukturwandel ist noch nicht abgeschlossen. Im Ruhrgebiet wissen wir um die Notwendigkeit der Anpassung an geänderte Rahmenbedingungen. In dieser Anpassungsfähigkeit liegt die Stärke unserer Region. Und in der Zusammenarbeit.

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